Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Rolf Nieswandt: Mein Mauererlebnis

Mein Mauererlebnis fällt in die Woche vom 20. bis 25. November. Wie man sehen wird, ging das Leben zu diesem Zeitpunkt noch seinen „sozialistischen Gang".

Vor etlichen Jahren, nach Mithilfe bei der Kartoffelernte (ich glaube mich auch zu erinnern, einmal Getreide gedroschen zu haben, denn dadurch lernte ich abends im Bett, wie hoch ein Floh springen kann), diversen Produktionseinsätzen im hiesigen Buchungsmaschinenwerk und in der Baumwollspinnerei (2.Schicht), benötigte man diesmal Arbeitskräfte aus der Verwaltung für das Errichten der Verkaufsbuden auf dem Weihnachtsmarkt.
Das war für den 20. bis 22. November vorgesehen und wurde mit 21 Mark zusätzlich „entlohnt" (buchhalterisch wie Tagegeld behandelt).
Für den 23. November war eine Arbeitsberatung in Berlin anberaumt. Die Tagungsstätte befand sich in einem Hinterhaus der damaligen Egon-Schulz-Straße, wenige Häuser vor dem Gebäude, in dem Egon Schulz sein Leben lassen musste. Gleich danach verlief quer über die Straße die Mauer. Bei jeder Arbeitstagung in den Jahren zuvor hatte mich beim Anblick dieses widernatürlichen Bauwerks ein ganz seltsames Gefühl befallen. Am 23. November 1989 war das anders: Die Mauer stand zwar noch, aber sie hatte ihre menschenfeindliche Bedeutung verloren.

Vorgesehen war, die Dienstreise per Zug anzutreten: 6.14 Uhr Abfahrt Hauptbahnhof, 9.55 Uhr Ankunft Lichtenberg, mit Rückfahrt am Abend des selben Tages. Nun hatte sich aber ja einiges geändert und es wurde „umdisponiert": Ich nahm für Freitag, den 24.11, Urlaub, meine Frau für Donnerstag und Freitag, und wir beschlossen mit unserem Skoda die Fahrt anzutreten, und zwar noch Mittwochnachmittag. Übernachtung war kein Problem, unser Sohn wohnte dort. Etwas anderes war jedoch problematisch: Es hatte während des Aufbauens der Buden auf dem Weihnachtsmarkt heftig zu schneien begonnen und auf dem Auto waren noch keine Winterreifen. Von Zugfahrten wurde allgemein abgeraten, die Züge sollten wohl überfüllt sein, weil ja Berlin nun plötzlich GANZ-Berlin war und auch das Begrüßungsgeld lockte. Also ließ ich am frühen Nachmittag den Hammer fallen - viele, die von Berufs wegen hätten den Markt aufbauen sollen, waren gleich ganze Tage von der Arbeit weggeblieben, einfach so - eilte nach Hause, wechselte die Räder und los ging es. Nach vier Stunden Fahrzeit waren wir gegen 19 Uhr bei unserem Sohn.

Noch bevor am 23. die Beratung um 11 Uhr begann, durchschritten meine Frau, unsere Schwiegertochter und ich die nun nicht mehr undurchlässige Grenze, an welcher Stelle, das weiß ich heute nicht mehr. Meine Gefühle und mein Erstaunen darüber, was an „Sicherheitsvorkehrungen" hinter der Mauer noch so alles installiert worden war, kann ich mit Worten nicht beschreiben. Und, dass man das auch noch ohne Gefahr fotografieren konnte - unvorstellbar all die Jahre, ja Jahrzehnte, zuvor.

Nach meiner Beratung, die bereits anachronistische Züge trug, fanden wir drei uns dann in einem Café im Palast der Republik wieder zusammen (ICH war nicht dafür ihn platt zu machen!) und am Freitag, dem 24.11. , genossen meine Frau und ich die neue Freiheit noch einmal in aller Ruhe. Welche Schattenseiten damit allerdings auch verbunden sind, das war zwar zu erahnen, aber voll erfasst hat man das erst nach und nach. Trotzdem: Unter keinen Umständen das Rad der Geschichte zurück drehen, aber dafür eintreten, das gegenwärtige Gesellschaftssystem deutlich gerechter zu gestalten!


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