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Im Mai 1989 wurde mein Mann Mario als 25-Jähriger zum Grundwehrdienst einberufen.
Mario, der eigentlich aus Greifswald stammte und 1983 aus Liebe zu mir nach Glauchau gezogen war, und ich hielten es für einen „Glücksfall", dass er im nur 30 Kilometer entfernten Karl-Marx-Stadt stationiert werden sollte. Einen Unterschied zwischen „kasernierter Volkspolizei" und NVA sahen wir damals nicht.
Wichtig war, dass ich ihn nach der Grundausbildung mit unserem fast zweijährigen Sohn Sascha problemlos regelmäßig in der Kaserne im Ortsteil Ebertsdorf besuchen konnte, denn Ausgang für Soldaten gab es selten.
Aber, dass aus dieser „Armeezeit" eine nervliche Zerreißprobe für unsere kleine Familie werden sollte ahnten wir da noch nicht. Zunächst schien Mario nach der sechswöchigen Grundausbildung schon wieder „Glück" zu haben, denn für die Musikband der BP wurde noch ein Gitarrist gesucht und Mario war musikalisch sehr begabt. So hatten er und die anderen Bandmitglieder oft Probe(aus)zeiten und auch Auftritte außerhalb der Kaserne, wenn andere Grundwehrsoldaten Dienst schieben mussten. Dann kam der 7. Oktober 1989.
Was mit meinem Mann an diesem Tag und in den folgenden Wochen geschah, erfuhr ich lange Zeit danach, denn außer der Ausgangssperre (siehe SuperIllu vom 22.01.09, Hendrik Gruschwitz) gab es eine wochenlange Nachrichtensperre.
Ich wusste also nicht wie es Mario erging, was er machte und warum er sich nicht meldete, zweifelte schließlich sogar an seiner Liebe zu uns.
Aus den Medien Ost und West kannten wir natürlich die (widersprüchlichsten) Berichte über Demos, aber inwieweit war Mario involviert?
Konnte es nicht sein, dass er mit seinen Bandkollegen (und vielleicht auch anderen Mädchen) einen „drauf" machte und uns vergessen hatte? Schließlich war ich inzwischen wieder im 7./8. Monat schwanger und fühlte mich lange nicht so attraktiv wie irgendwelche „Groupies", die ich in Gedanken meinem Mann andichtete. Dass Mario mit 50 anderen Bereitschaftspolizisten nach Plauen abkommandiert war und dort schreckliche Szenen erleben musste, obwohl kein einziger Schuss fiel, ahnte ich nicht.
Verzweifelte Menschen, die alles auf eine Karte setzten, weil sie wohl glaubten, der Protest könne wie in Peking enden und auf der anderen Seite die Grundwehrsoldaten, die zufällig als Bereitschaftspolizisten in Karl-Marx-Stadt gelandet waren.
Viel später erzählte mir Mario: "Mir war klar, dass ich jetzt auf der falschen Seite stehe! Aber Befehlsverweigerung hätte Schwendt (Militärgefängnis) bedeutet!"
Mario erzählte mir ebenfalls (siehe SuperIllu 22.01.09), wie Mütter ihre Kinder hochhielten: "Wollt ihr die schlagen, warum, ihr gehört doch zu uns."
Mario sah, wie Vorgesetzte vor dem Rathaus in Plauen, friedlichen Demonstranten, die nur Kerzen aufstellen wollten, mit Schlagstöcken auf die Finger schlugen und diese brachen. Als die Situation durch die aufgebrachten Menschen gegenüber der kasernierten Volkspolizei zu eskalieren drohte, kam der Befehl zum Rückzug. Zuerst, so Mario, waren die Vorgesetzten im Jeep weg. Die einfachen Bereitschaftspolizisten mussten sehen, wie sie mit dem LKW W50 aus der Menge herausfahren konnten ohne jemanden zu verletzen. Äxte und Spaten hatten die Demonstranten von den LKWs abgerissen und verbeulten die LKWs. Auch die Soldaten hatten Angst. Und Mario?
Selber zu Hause eine schwangere Frau und ein kleines Kind, was wird die Zukunft bringen?
Unsere Tochter Sophie ist am 11.01.1990 geboren. Mario durfte erst drei Tage nach der Entbindung für kurze Zeit in die Klinik kommen.
Im Mai 1990 war dann - Gott sei dank - die Armeezeit beendet und unsere Familie lebte noch zehn Jahre glücklich.
Mario ist im Februar 2000 an einem Gehirnschlag gestorben, mit 35 Jahren.
Erst Jahre später tauchte in einer bekannten Boulevardzeitung ein Bild auf, das auch meinen Mario in der Kette der Bereitschaftspolizisten in Plauen zeigte.
Und ehrlich gesagt, dieses Foto, mit Stahlhelm und Uniform, ließ mich auch nur in Ansätzen erahnen, welchem physischen und vor allem psychischen Druck diese Wehrpflichtigen in der Wendezeit ausgesetzt waren.
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