Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
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Lynn Fichtner: Die Erlebnisse von Familie P.

Der folgende Bericht wurde von Lynn Fichtner, Schülerin der Klasse 10a der Mittelschule Gablenz, verfasst. Sie gibt darin den Inhalt eines mit ihrer Familie geführten Zeitzeugeninterviews wieder.

Am Tag des Mauerfalles (09. 11. 1989) feierten meine Mutter Beatrix P. [21] und deren Schwester Peggy P. [20] den 40. Geburtstag ihrer Mutter Heidi P. Zufällig schalteten sie den Fernseher ein, was für eine Geburtstagsfeier eher untypisch war, und erfuhren dadurch von der Grenzöffnung. Daraufhin fuhren meine Tante Peggy und ihr Freund Heiko H. sofort los und waren dann am frühen Morgen in Berlin. Dort angekommen, erschien ihnen alles etwas unwirklich.

„Niemand wusste, was los war. Es war unklar, ob es überhaupt rechtens war, dass wir in den Westen fuhren. Wir waren zu Fuß im Grenzbereich unterwegs und der Andrang war riesig! Doch schließlich überschritten wir einen eher kleinen Grenzübergang und das ausgerechnet zum Geburtstag deiner Schwester und von Onkel Heiko."

In einer Sparkasse holten sich die beiden ihr Begrüßungsgeld von 100 DM ab. Dafür mussten sie persönlich erscheinen und ihren Ausweis vorzeigen.

„Wir schlenderten über den Kurfürstendamm und waren überwältigt davon, wie bunt und lebendig alles war, denn dies war alles kein Vergleich zu unserer tristen, dämlichen, grauen DDR. Der „West- Duft" stieg uns in die Nase und die Tatsache, dass wir in der BRD waren, schien unglaublich! Wir kamen an „Kaiser´s Tengelmann" vorbei und es klingt sicher belustigend, aber ich war angetan, wie viele verschiedenen Sorten Katzenfutter in einem der Regale stand. Die Auswahl an Süßigkeiten war wunderbar. Wir kannten das alles nicht in diesem Überfluss. Da wir das Begrüßungsgeld hatten, konnten wir uns auch ein paar Kleinigkeiten kaufen. Ich leistete mir eine neue Lederjacke und nahm noch ein Paket Waschmittel und eine riesige Flasche Weichspüler mit. Ansonsten kann man sagen, dass wir uns an den Schaufenstern nur die Nasen platt gedrückt haben. Ich denke, dass die Westläden mit der Grenzöffnung das Geschäft des Jahrhunderts gemacht haben, weil uns sicher jeder Ramsch verkauft wurde und doch hatten wir das Gefühl, etwas Besonderes erstanden zu haben. Schließlich war alles toll- weil es neu war!"

„Das Tolle war", ergänzte sie, „dass wir nur unsere DDR- Ausweise vorzeigen mussten und dann durften wir kostenfrei mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln der BRD fahren. Insgesamt muss ich sagen, dass wir sehr freundlich aufgenommen worden sind. Man behandelte uns nicht gesondert oder wie „Ausländer", im Gegenteil, die Bürger der Bundesrepublik waren freundlich und zuvorkommend! KaDeWe- Kaufhaus des Westens! Ich erinnere mich genau an den Tag! Da waren wir schon zum zweiten Mal in Westberlin. Hier konnten wir uns die Waren wirklich nur ansehen. So viel Prunk und Luxus hatte ich noch nie gesehen. Ich entdeckte eine Dose Kaviar für 13 000 DM und war geplättet, denn nie zuvor hätte ich mir träumen lassen, dass es so etwas überhaupt gibt. Wir kamen später an einem Stand vorbei, der Kostproben von Kiwis anbot. Als man mir die Frucht gab, wusste ich nicht, was ich damit anfangen sollte. Ich hatte keine Ahnung was das ist und wie ich es essen musste, aber es sah wie eine Kartoffel mit Haaren aus!"

„Als wir an einem Autohandel in Berlin vorbei kamen, waren wir hellauf begeistert, dass man ein Auto sofort kaufen und mitnehmen konnte! Da unser Geld nicht für den 800 DM teuren Ford „Taunus" reichte, schloss sich Heiko einer Truppe von Umzugshelfern an und verdiente kurzfristig so das Geld, das uns noch gefehlt hatte."

Meine Mutter ergänzte:

„Als wir uns damals unser Begrüßungsgeld abgeholt haben, gegen Ende des Jahres 1989, mussten wir sogar deine Schwester mitnehmen, die zu der Zeit grade einmal ein Jahr alt war, damit wir auch für sie die 100 DM mitnehmen konnten. Wir haben stundenlang im Schnee an einer Schlange angestanden." „Das erste, was ich mir für mein Westgeld gekauft habe", sagte meine Mutter, "war Schokolade für deine Schwester. Die schmeckte hundertmal besser als die Schokolade im Osten. Außerdem war ich begeistert davon, wie bunt und niedlich die Kindersachen waren, mit den farbigen Aufdrucken und den süßen, kleinen Details."

„Mir fiel die Kinnlade nach unten, als ich zum ersten Mal in die BRD gereist war. Riesige, wolkenkratzerähnliche Gebäude, bunte Plakatwände mit faszinierender Werbung und schön geschmückte Schaufenster!", erzählte meine Oma.

Das Fazit der Verfasserin:

Ich hatte an diesem Tag das Gefühl, dass ich Erinnerungen wecken konnte. Wir haben uns sehr eingängig und lange über fast alle Kapitel der Deutschen Wiedervereinigung unterhalten und es war für mich sehr spannend, dies alles gleich aus erster Hand zu erfahren. Ich war teilweise sehr begeistert und doch hat mich manches sehr nachdenklich gestimmt. Ein wunderbares Thema, über das man sich stundenlang unterhalten kann, ohne, dass es langweilig wird!

Lynn Fichtner


chemnitz