Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
logo_dg
logo_superillu
logo_bsa
logo_20jahre
 
 
Schirmherr der Aktion
bm_tiefensee
BM Wolfgang Tiefensee
bmvbs_c_m2
 
 
Laura Gurfinkel: Reise in den Westen

Der folgende Bericht wurde von Laura Gurfinkel, Schülerin der Klasse 10a der Mittelschule Gablenz, verfasst. Sie gibt darin den Inhalt eines mit Frau F. geführten Zeitzeugeninterviews wieder. Die Zeitzeugin beantwortete u. a. Fragen zu ihren ersten Eindrücken vom Westen.

In der Nacht vom 9. zum 10. November war es soweit, die Mauer fiel. Die Ketten der ostdeutschen Bevölkerung wurden fallen gelassen und die Ausreise, vor allem in den Westen, wurde ermöglicht. Frau F. war dabei und schilderte uns ihren ersten Besuch im Westen und die dabei gesammelten Eindrücke.

Alles begann in einer kleinen Kneipe namens „Wiesengrund" in der Stadt Karl-Marx-Stadt. Frau F. saß mit ihrem Bruder und ein paar Freunden in einer kleinen gemütlichen Runde, als sie gegen 22.00 Uhr von der Nachricht im Radio hörte. Allen ging zuerst der Gedanke durch den Kopf, dass es nur ein kleiner Scherz ist. Doch als die Nachricht immer wieder wiederholt wurde, entstand der Eindruck, dass das alles Realität ist. Frau F. wurde von einem grenzenlosen Toben und Jubelschreien überwältigt. Der Kneiper gab des Anlasses wegen sogleich eine Runde Sekt aufs Haus.

In diesem Moment schoss Frau F. der Gedanke der Freiheit und des endlich Verreisen Dürfens durch den Kopf. Dieser Gedanke wurde dann letztendlich am 11. November in die Tat umgesetzt. Die Entscheidung traf Frau F. völlig spontan mit ihrem Bruder und dessen damaliger Freundin. Der Anlass war natürlich, sich einen Eindruck von dem „anderen" Deutschland zu holen, aber auch das Begrüßungsgeld in Höhe von 100 DM abzufassen.

Die Reise startete am frühen Morgen gegen 3 Uhr. Autobahnen in den Westen waren zu dieser Zeit noch Fehlanzeige und so blieb nur der lange Weg über die Landstraßen. Gegen 10.00 Uhr erreichte Frau F. den ersten Ort im Westen. Die Verärgerung über die langen Staus blieb aus, da diese Erscheinung erstens nicht bekannt war und zweitens der Jubel der Menschen überwog. In Feilitzsch holten sich Frau F., ihr Bruder und dessen Freundin schließlich ihr Begrüßungsgeld über 100 DM ab. Danach erfolgte die Weiterfahrt nach Bayreuth, wo man gegen Mittag ankam. Alle haben sich über ihre Ankunft gefreut. Von ihrem Begrüßungsgeld kaufte Frau F. eine Schallplatte der Rolling Stones für ihren Freund, etwas Obst und ein paar Süßigkeiten und Kosmetik, den Rest nahm sie wieder mit nach Hause.

Der Eindruck vom Westen war für Frau F. gigantisch, anders als von der Regierung erzählt. Man verkaufte der Bevölkerung im Osten ein unfreundliches und kriminelles Bild der westdeutschen Bevölkerung. Dieses erwies sich jedoch schnell als Trugbild. Frau. F. wurde mit offenen Armen und Begrüßungsgeschenken von netten und zuvorkommenden Menschen im Westen empfangen. Die Städte standen im krassen Gegensatz zu denen im Osten. Die Städte im Osten erschienen immer grau und duster, im Westen hingegen waren die Städte bunt und sauber.

Nun wirft sich die Frage auf, warum Frau F. nicht im Westen bleiben wollte oder nicht schon eher dich Chance ergriff in den Westen zu reisen. Welche sich jedoch aber leichter beantworten ließ als gedacht. Frau F. stellte zum 60. Geburtstag ihrer Tante einen Antrag zum Ausreisen, dieser wurde jedoch von der Regierung verweigert. Die Gründe dafür wurden nicht angegeben. Im Westen bleiben wollte sie nicht, da sich ihr gesamtes Hab und Gut im Osten befand. Dazu zählten Familie, Arbeit, Wohnung, etc. Jetzt entfiel der Anreiz, in den Westen auszureisen, da die Ausreise nun auf legale Art und Weise gewährt wurde.


chemnitz