Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
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Linda Barthel/ Tabischa Hake: Veränderungen nach dem Mauerfall

Der folgende Bericht wurde von Linda Barthel und Tabischa Hake, Schülerinnen der Klasse 10a der Mittelschule Gablenz, verfasst. Sie geben darin den Inhalt eines mit Frau Sonja Z. geführten Zeitzeugeninterviews wieder. Sonja Z. gab ausführlich Auskunft zu ihrem Leben in der DDR und zu ihren Erlebnissen in der Zeit vor und nach dem Mauerfall.

Man rechnete mit vielem im Jahre 1989, vor allem, weil in der Politik regelmäßig andere Winde herrschten. Ständig wurde etwas verändert. Die Regierung trat ab, eine neue kam an die Macht, es gab Reiseerleichterung... Zwar hatte man mit letzterem gerechnet, aber dass die Mauer fallen würde, war für jeden ein Wunder.

Auch für die Familie Z. war dies ein wahnsinniges Ereignis. Sie versuchten sofort Kontakt mit ihrer Verwandtschaft im Westen aufzunehmen, doch dies war schier unmöglich, da die Telefonleitungen überlastet waren. Doch die Familie, die aus den Schwiegereltern von Frau Z., ihrem Mann und den Kindern und dem Schwager mit Familie bestand und insgesamt zehn Personen ergab, dachte nicht sofort an einen Besuch in den Westen. Sie wohnten im Fritz - Heckert - Wohngebiet an der Stollberger Straße und konnten von dort aus die langen Autoschlangen beobachten, die die Stadt in Richtung Westgrenze verließen. Sie lebten mit dem Gedanken, dass sie schon nichts verpassen würden und entschieden sich, erst vor Weihnachten zu fahren.

Die Familie fuhr dann am den 22.12.1989 mit dem Zug Richtung Westen ins Sauerland. Die Fahrt mit dem Zug war angenehm und ruhig. Dabei passierten sie die Grenze bei Helmstedt und fuhren nach Kierspe in der Nähe von Iserlohn. Sie wurden natürlich kontrolliert, es war keine Angst dabei, allerdings war immer noch ein komisches Gefühl. Das Grenzgebiet glich einem Niemandsland.

Man erkannte einen deutlichen Unterschied zwischen Ost und West. Im Gegensatz zu den Häusern im Osten waren die Häuser im Westen viel größer, sanierter und bunter. Frau Z. erzählte, dass sie einen Besuch in Ostberlin gemacht hatte, als die Mauer noch stand. Sie schenkte ihrem Mann einen „Aufenthaltstag" in Berlin. Unter anderem waren sie auf dem Berliner Fernsehturm, um die „Aussicht" zu genießen. Als sie den Aussichtspunkt erreicht hatten, konnte man einen deutlichen Unterschied zwischen DDR und BRD erkennen. Durch die hellen Lichter der Werbung wirkte Westberlin viel freundlicher im Gegensatz zu dem grauen und tristen Osten. Auch in den Supermärkten bekam man den großen Unterschied mit, da dort ein größeres Sortiment an Lebensmitteln zur Verfügung stand. Laut Frau Z. gab es „kilometerlange" Theken. Doch die Preise waren oftmals viel zu hoch und es blieb mehr beim Bewundern als bei einem normalen Einkauf. Sie besuchten in der Zeit zwischen Weihnachten und Silvester einen Metro-Großhandel, in diesem war die Auswahl noch größer als in einem gewöhnlichen Supermarkt. Dort waren die Lebensmittel jedoch billiger als heute.

Dafür erhielten sie die Waren bei ihren Bekannten. Diese waren der Onkel und die Tante des Mannes von Frau Z. Der Onkel war in den fünfziger Jahren in den Westen und dann in die Schweiz geflohen. Dort war er Kleinunternehmer und finanziell gut abgesichert. Die Familie erhielt vor dem Fall der Mauer das Angebot des Onkels, in den Westen zu fliehen. Er meinte, sie sollten sich keine Sorgen machen, da er sie für 10 000 Mark pro Kopf freikaufen würde. Doch das Angebot hatten sie abgelehnt. Frau Z. war Mitglied in der SED und da sie zu der Zeit dieser Partei angehörte, verschwendete sie natürlich keine Gedanken an die Flucht. Ihr Mann hingegen war anderer Meinung. Die Politik war der größte Streitpunkt in der Ehe. Frau Z. war mit Überzeugung in ihrer Partei, doch ihr Mann hielt nicht viel davon. Der Schwiegervater war begeistert von der Firma des Onkels, z.B. gab es dort neue Maschinen sowie einen Pausenraum, in dem die Mitarbeiter Tischtennis spielen konnten. Zusätzlich gab es dort Getränke, die auf die Kosten des Chefs gingen und außerdem war der Raum sauberer als in den Betrieben im Osten.

Die Westpäckchen, die die Familie regelmäßig von ihren Verwandten erhalten hatten, beinhalteten technische Geräte, wie Bohrmaschinen, Bügeleisen und die üblichen Sachen (Lebensmittel), wie Süßigkeiten und Nutella, Backzutaten und Schokolade - typische Westsprodukte eben.

Frau Z. und ihre Familie kauften sich nichts Großes von ihrem Begrüßungsgeld, welches 100 DM pro Person betrug, nur ein paar Süßigkeiten und Kleidung für die Kinder und einen Digitalwecker, den die Familie immer noch besitzt. Die 3 Jahre alte Tochter und der siebenjährige Sohn waren nach der Ankunft im Westen begeistert von einem Obstkorb mit allen möglichen exotischen Früchten. Sie aßen die ganze Zeit nur noch Obst, da es solche südländischen Früchte im Osten nicht zu kaufen gab.

Zu Weihnachten hatten die Tante und der Onkel noch ihre Kinder mit deren Familien zu sich eingeladen, so dass insgesamt 20 Leute das Fest feierten. Frau Z., ihr Mann und die Kinder übernachteten mit in dem Haus der Verwandten. Die Schwiegereltern wohnten bei den Nachbarn und die andere Familie schlief in einem Bungalow im Garten, was zeigte, dass die finanzielle Lage und die Wohnsituation besser waren als im Osten. Sehenswürdigkeiten standen bei diesem ersten Besuch im Westen erst mal im Hintergrund, wegen der kleinen Kinder und aus familiären Gründen. In erster Linie ging es der Familie darum, nach langer Zeit des getrennten Deutschlands wieder etwas gemeinsam zu unternehmen. Sie gingen in Gaststätten essen und verbrachten zusammen die Feiertage, was vorher unmöglich war. Früher konnten sie sich nur telefonisch verständigen, Briefe schreiben oder Päckchen schicken bzw. erhalten.
Die Zugfahrt zurück nach Karl-Marx-Stadt nach Silvester war sehr anstrengend für die Familie, da die Züge überfüllt waren. Einer davon war so voll, dass er gleich durch den Bahnhof durchfuhr und gar nicht erst anhielt. Eine Stunde später hatten dann auch die Familie Z. einen Platz in Richtung Heimat gefunden.

Zu Hause angekommen änderte sich in kurzer Zeit vieles. Man erkannte die Veränderung selbst im Alltag: z.B. das Einkaufen in einem neuen Lidl-Markt war Kräfte raubend, da man sehr lange anstehen musste, um an die Westprodukte zu kommen. Viele Familien in dem jetzigen Chemnitz fuhren wöchentlich nach Bayern, um dort shoppen zu gehen. Doch Familie Z. war dies zu stressig, mit den ganzen Staus auf den Autobahnen. Es wäre eine Tagesreise, um zum Beispiel nach Nürnberg zu kommen. Wofür man heute eigentlich knapp zwei bis drei Stunden benötigte, dauerte es früher viel zu lange, weil man alleine schon mit dem Trabi unterwegs war.

Nach der Wende besuchte die Familie noch oft die Verwandtschaft im Sauerland. Außerdem fuhren sie im Sommer 1990 zu einer Cousine in die Schweiz. Frau Z. und ihre Familie hatte Angst davor, mit ihrem alten Skoda S100 in das andere Land zu fahren, deshalb nahmen sie erneut den Zug. Der Mann von der Cousine war Trainer von der Schweizer Nationalmannschaft.

Als ein Mitglied der SED war die Teilnahme für Frau Z. an einer Montagsdemo ziemlich negativ. Zudem spielte Angst und Unbehagen mit, denn es wusste zu der Zeit keiner, ob sie etwas bewirken, ob die Polizei eingreifen oder ob die Regierung mit Gewalt gegen die Demonstrierenden vorgehen würde. Durch die Partei, in der Frau Z. war, dachte sie daran, dass man eine friedliche Lösung, statt den Demonstrationen finden konnte. Ihre Schwiegereltern nahmen in Leipzig an den Montagsdemos teil, jedoch nicht von Anfang an und ein Freund von ihr demonstrierte regelmäßig in Karl-Marx-Stadt.


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