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Eine Notiz in unserer Tageszeitung vom 1. Dezember 1989, „Gestern fielen am Brocken die letzten Schilder, die den Weg zum Gipfel bisher versperrten“, ermutigte mein Mann und mich zwei Tage später zu einer Fahrt mit dem Auto von Harzgerode nach Schierke. Der Gipfel des Brockens war an diesem kalten und sonnigen, aber herrlich klarem Sonntag unser Ziel. Froh gestimmt fuhren wir mit unserem „Trabi“ durch Güntersberge, Bärenrode, Allrode. Und da sahen wir ihn zum ersten Mal an diesem Sonntagmorgen: Konturenscharf hob sich „Vater Brocken“ am Horizont ab mit seinen schneebedeckten Flächen. Links daneben der Wurmberg, nach Süden leicht abfallend, an seiner höchsten Stelle erkennbar die Sprungschanze. Weiter ging unsere Fahrt nach Elbingrode, dann Drei-Annen-Hohne – hier war bisher für normale DDR-Bürger ohne Passierschein Endstation gewesen – bis endlich Schierke erreicht war. Mit uns drängten viele Pkw in den nun wieder frei zugänglichen Ort, ein Polizist wies uns freundlich auf einen Parkplatz ein. Eine herrliche, wenn auch verharschte Schneelandschaft nahm uns Wandersleute gefangen – und auf ging´s! Zunächst auf Waldwegen, gekreuzt von den dick verschneiten Gleisen der Brockenbahn, also lange nicht benutzt, entlang der alten Bobbahn bis zur Brocken Straße. Diese marschierten wir in ihren Windungen weiter bergan, und viele, viele Menschen mit uns. Dann tauchte rechts der Renneckenberg auf, von und über den Glashüttenweg von Drei-Annen-Hohne schon erwandert. Dem guten Bekannten winkten wir freundlich zu. In der darauf folgenden Linkskurve hatte die NVA eine Gulaschkanone aufgebaut. Müde Wanderer ließen sich Würstchen und heiße Getränke schmecken. Wir strebten weiter bergan. An einem im Wald aufgestellten Stand für Schmalzbemmen mit Gewürzgurken (für 20 Pfg.) kamen wir aber nicht vorbei. Frisch gestärkt ging es weiter. Und wieder wand sich die Brockenstraße kurvenreich bergauf. Beklemmend wirkten trotz des schönen klaren Tages einige Baumgespenster links und rechts unseres Weges. Anzeichen des Waldsterbens offenbarten auch hier erschreckender Ergebnisse unserer Zivilisation. Was wir dann sahen war nicht weniger fürchterlich. Ein mehrer Meter hoher Elektro- Stacheldrahtzaun kündigte als erstes sichtbares Zeichen den Brockengipfel an. Dann eine Mauer, hoch und massiv, das Plateau verdeckend. Viele Menschen waren schon dort und verlangten laut Einlass. Das Tor blieb verschlossen. Transparente „Ein freier Brocken für freie Bürger“ und ähnliche wurden gezeigt. Ein Sprecher forderte unter allseitigem Beifall: Freier Zugang zum Brocken, weg mit der Mauer, Wiederinbetriebnahme der Brockenbahn und Sperrung der Brockenstraße für den Autoverkehr, und das auch für Funktionäre! Heinrich Heine wurde aus seinen „Harzreisen“ zitiert: „Der Brocken ist ein Deutscher“, denn „Der Berg hat auch so etwas Deutschruhiges, Verständiges, Tolerantes, eben weil er die Dinge so weit und klar überschauen kann“. Die Rufe nach Öffnung des Tores wurde immer drängender, bis endlich unter starkem Beifall der vielen Gipfelstürmer der Weg freigegeben wurde. Nach 28 Jahren durften die Menschen am 3. Dezember 1989 ab 12:50 Uhr wieder auf die Brockenspritze. Eine tolle Stimmung erfasste alle, die diesen historischen Augenblick miterleben konnten und am spontanen Volksfest in 1142 m Höhe teilnahm. Vorbei am ehemaligen Brockenbahnhof, wo junge Soldaten aus den Fenstern guckten und denen lustig zugerufen wurde: „Da müsst ihr bald raus, das wird wieder Mitropa“, an den weit abseits gelegenen alten und neuen Wetterwartungen, an abgebrannten und verfallenen Gebäuden und vielen für mich als technischen Laien undefinierbaren, rieseigen Behältern kamen wir zur Sendestation – und dann: Was für ein Ausblick! Der Wettergott entschädigte und für die Strapazen des Aufstiegs und des geduldigen Wartens mit einer herrlichen Sicht auf viele Städte und Dörfer. Tanzend und singend nahmen die Menschen wieder Besitz vom Brocken, so viel Jubel hatte der „alte Herr“ in diesem Jahrhundert sicher noch nicht erlebt. Mit erleichtertem Herzen nahmen wir Abschied vom Gipfel. Dankbar, dass wir diesen Tag erleben durften, aber in sichererem Bewusstsein, dass noch mehr zu tun ist in unserer Heimat.
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