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Diese Frage stellte ich meinem Mann im so ereignisreichen Herbst 1989. Er konnte sie mir nicht beantworten. Anlass zu dieser Frage war ein Brief von unserer Tochter mit diesem Absender. Buntenbock als vorläufiges Ende einer Odyssee, die eine junge Familie im November 1989 vom Prenzlauer Beg über Tschechien und Bayern in den Westharz spülte. Die allgemeine Unzufriedenheit über die Missstände in der damaligen DDR, die Konfrontation mit Andersdenkenden, die vor allem ihren Ausdruck in den Demonstrationen in ihrem Stadtbezirk und den beeindruckenden Zusammenkünften in der Gethsemane-Kirche (von der Polizei streng beobachtet) fanden, veranlasste unsere Tochter und ihren Mann mit den fünf und sieben Jahre alten Kindern, dem sozialistischen Staat den Rücken zu kehren. Wir Eltern waren verzweifelt, konnten es aber nicht verhindern. Es war eine Massenpsychose. Sie ließen alles zurück. Nur mit wenigen Habseligkeiten, die im Auto (Moskwitsch) Platz fanden, machten sie sich auf den Weg nach Prag. Schon vor der tschechischen Hauptstadt kam die Nachricht, dass die Grenze von Tschechien zur BRD für DDR-Bürger offen ist. Also Weiterfahrt in das erhoffte bessere Deutschland. Bis auf einen kurzen Anruf aus Fulda am 6.11 (über Zweitpersonen vermittelt, denn als kritische Normalbürger der DDR besaßen wir natürlich kein Telefon) hörten wir nichts mehr von ihnen und machten uns große Sorgen. Und dann am 17.11. der Brief, Absender Buntenbock. Über verschiedene Auffanglager, und da wir keine Westverwandtschaft hatten, zu denen sie fahren konnten, sind sie auf ihre Bitte hin in den Westharz vermittelt worden. Noch am gleichen Abend, nach Eintreffen des Briefes, fuhren mein Mann und ich los. Unsere erste Reise in den Westen. Wir waren fürchterlich aufgeregt, es war entsetzlich kalt und wir froren in unserem Trabant. Irgendwo bei Clausthal- Zellerfeld sollte dieses Buntenbock liegen. Woran ich mich bei dieser Fahrt besonders erinnere, sind die markierten hellen Begrenzungspfosten auf den Weststraßen, die wir in der DDR nicht kannten und die uns bei der Dunkelheit eine große Hilfe waren. Trotzdem war die Fahrt chaotisch. An einer Kreuzung in Goslar legten wir mit unserem kleinen Auto den ganzen Verkehr lahm, weil wir nicht mehr wussten, welche Richtung wir einschlagen sollten. Drei Tage später, bei der Rückfahrt, sahen wir bei Tageslicht, dass das ganz in der Nähe des Breiten Tores war. Ein hilfsbereiter Busfahrer half und gab uns die Richtung Clausthal- Zellerfeld vor. Dort machten wir am Ortseingang vor der Rampe eines Getränkehandels, von den frostigen Temperaturen und vor Aufregung völlig durchfroren, Halt, um nach dem Weg nach Buntenbock zu fragen. Die Antwort bekamen wir, dazu noch Getränke gegen die Kälte. Endlich das Eingangsschild von Buntenbock, endlich das Haus, in dem unsere Kinder ein komfortables Domizil gefunden hatten, und endlich konnten wir uns alle wieder in die Arme schließen. Es war für alle ergreifend. Überwältigend war auch das Entgegenkommen der Besitzerin des Hauses sowie der Nachbarn. Es wurde Kaffee, Kuchen, Sahne, Obst, Anziehsachen gebracht. Wir lernten endlich auch den Westharz kennen; zunächst Buntenbock mit seiner herrlichen Umgebung. Wir haben diese Fahrt von Harzgerode nach Buntenbock, später nach Glosar, wohin unsere Kinder zogen, noch oft gemacht. Immer war Dankbarkeit dabei, dass sich Deutschland wieder zu einem Ganzen vereint hatte und dass wir diese Hilfsbereitschaft erleben durften. Leider zog es unsere Kinder wieder nach Berlin, nicht nachvollziehbar für uns, wo der Harz – nun Ost und West wieder zusammen – doch so schön ist.
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