Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
logo_dg
logo_superillu
logo_bsa
logo_20jahre
 
 
Schirmherr der Aktion
bm_tiefensee
BM Wolfgang Tiefensee
bmvbs_c_m2
 
 
Axel Günther: Herbst-Impressionen

Seit Ende September gingen wir regelmäßig zu den Demonstrationen auf dem Marktplatz. Teils aus Neugier, teils, weil wir nicht nur zusehen wollten wie all die Anderen. Ich war damals 18 Jahre, fast 19. Anfangs waren wir nur Wenige. Vielleicht Hundert oder Zweihundert, dann wurden wir immer mehr. Wir wollten politische Veränderungen, Pressefreiheit, Redefreiheit, Reisefreiheit, freie Wahlen und vor allem zeigen, dass Flucht nicht die Lösung des Problems ist. Zu diesem Zeitpunkt hatte Niemand das Bedürfnis, nach „Deutschland einig Vaterland“ zu rufen. Wir träumten von einem besseren Staat. Besser als die BRD, besser als alles auf dieser Erde. Wir sahen unsere große Chance, endlich einen Staat zu schaffen, der ausschließlich für seine Bürger da ist. Wir waren naiv genug.


Leute standen vor der Menge und hielten Reden und die Masse jubelte. Irgendwann kam dann die Staatsmacht, mit allem was ihr damals zur Verfügung stand. Hunderte Polizisten mit Schlagstöcken, Helmen und Schilden. Manche mit Hunden, Wasserwerfer, Mannschaftswagen. Sie waren offensichtlich zu allem bereit und wir waren überrascht, dass unsere „Freunde und Helfer“ derart gut ausgerüstet waren. Wasserwerfer kannten wir nur aus der Tagesschau.

Wir bekamen es mit der Angst zu tun. Polizeiketten umzingelten die Menge. Wir standen der Staatsmacht bis auf einen Meter gegenüber. Wir redeten ihnen ins Gewissen, in der Hoffnung, dass sie gewaltfrei blieben und sich uns anschließen. Leider vergebens. Obwohl einige zusammenbrachen und weggeführt wurden. Viele von uns wurden aus der Menge separiert. Brutal und ohne Rücksicht zusammengeschlagen und „zugeführt“. Streifenwagen rasten mit vollem Tempo in die Menge.

Die Umgefahrenen wurden ins Auto geworfen und abtransportiert. In der Marktkirche fanden Friedensgebete statt. Die Kirche wurde umstellt. Irgendwann mussten wir die Kirche jedoch wieder verlassen. Man wies uns darauf hin, dass Leute mit Kerzen in der Hand damit rechnen müssen, verhaftet zu werden. Wir hatten Angst. Und trotzdem waren es hunderte Kerzen. Draußen war es dunkel. Wir beschlossen, dicht zusammen zu bleiben, damit Niemand aus der Menge gegriffen und abgeführt werden konnte. Trotzdem hörte man aus dem Halbdunkel immer wieder Geräusche und Schreie, die darauf schließen ließen, dass wir nun wieder einer weniger waren.

Das ging noch ein paar Tage so. Die Kerze wurde zum Symbol des gewaltlosen Widerstandes und viele hatte eine daheim im Fenster. Obwohl man damit rechnen musste, dass die Staatssicherheit an der Tür klingelte. Während der nächsten Demo am 08.Oktober 89 kam eine Straßenbahn. Zu dem Zeitpunkt stand noch nicht alles still. Vorne beim Fahrer brannte eine Kerze. Er fuhr damit durch die ganze Stadt. Bis zum Marktplatz. Eine Art Sturmkommando prügelte ihn aus der Fahrerkanzel in dem Moment als die Bahn zum stehen kam. Die Demo wurde gewaltsam aufgelöst; man hetzte Hunde auf uns und wir rannten um unser Leben.

Ab dem 10.Oktober 89 gab es eine Mahnwache für die Opfer der Demonstrationen in St. Georgen. Also gingen wir hin. Es war eine schaurige Situation. Um die gesamte Kirche führte eine Mauer, in der es sehr viele kleine Nischen gab. In jeder dieser Nischen standen brennende Kerzen. Es müssen Hunderte gewesen sein. Die Leute waren alle sehr still. Man ging davon aus, dass die Kirche bereits infiltriert war. Also sagte keiner etwas Verfängliches. Einige IM's verrieten sich allerdings durch zu viel falsche Neugier. Andere laufen bis Heute ungeschoren herum.

Viele Menschen kamen zu uns und zeigten ihre Solidarität. Viele davon vermissten einen oder mehrere Angehörige. Wir konnten ihnen nicht helfen. Also wurden Zettel mit Namen an eine Tafel geklebt. Erst einer, dann zwei. Irgendwann war die Tafel voll mit Namen. Namen. Namen. Dieses Bild bekomme ich nicht mehr aus meinem Kopf. Diese Tafel, die Listen und die suchenden Blicke von Angehörigen. Von Großeltern, Eltern, Brüdern, Schwestern. Das kannten wir nur aus Chile.

Um die Kerzen kümmerten wir uns Tag und Nacht, wie um unser Augenlicht. Kaum das eine fast abgebrannt war, ersetzen wir sie durch eine Neue. Als stünde jede Einzelne von ihnen für einen Namen an dieser Tafel, der dann für immer verlöscht, wenn die Flamme verlöscht. Draußen fuhren die Autos vorbei und hupten aus Solidarität. Jemand hatte eine Gitarre dabei. Er spielte die ganze Nacht und wir hörten zu. Jeder, der die Wache verließ, rechnete damit, nicht wiederzukommen und zu einer Kerze in der Mauer zu werden.

Nach dem 09.Oktober 89, der großen Montagsdemo in Leipzig, als feststand, dass die Polizei nicht schießen würde und keine Gefahr mehr bestand, waren die Straßen plötzlich voll. Alles was laufen konnte lief. Und alles was rufen konnte rief. Die Parolen änderten sich. „Deutschland einig Vaterland“ und „Die Mauer muss weg“. In diesem Moment starben meine Ideale. Meine Träume vom besseren Staat. Ich ging nach Hause, löschte meine Kerze und überließ die Revolution dem „Volk“


Mich haben die Erlebnisse im Herbst '89 zutiefst schockiert, verändert und bis heute geprägt. Sie haben mich zu einem Menschen gemacht, der sehr nachdenklich ist, für den nichts
selbstverständlich ist. Zu einem Menschen, der sowohl glücklich ist, weil er seit nunmehr 20 Jahren ein menschenwürdiges Leben in Freiheit führen kann. Aber auch zu einem Menschen, dessen Ideale und Träume vor 20 Jahren von heute auf morgen einfach so hinweggefegt wurden.


Matthias_Erler_Foto_1a

Im Gedenken an die Opfer