Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
logo_dg
logo_superillu
logo_bsa
logo_20jahre
 
 
Schirmherr der Aktion
bm_tiefensee
BM Wolfgang Tiefensee
bmvbs_c_m2
 
 
Cornelia Sitte: Familienzusammenführung

Endlich tat sich etwas im Land! Zu den ersten Montagsdemos ging mein Mann alleine, denn wir hatten zwei Kinder und keiner wusste, wie groß das Risiko war, verhaftet zu werden. Denn die Stasi war allgegenwärtig – zum Glück aber tatenlos. So bin ich die nächsten Male auch mitgegangen. Beeindruckend waren die Menschenmassen vor allem in der Pauluskirche, friedlich den Rednern zuhörend, während draußen überall die Stasi das Geschehen bewachte.
Nach den aufregenden Monaten zwischen Hoffen und Bangen, „Montagsdemos“ und Friedensgottesdiensten war es auch für uns unglaublich, was wir am Abend des 9. November 1989 im Fernsehen sahen: die Grenze zwischen Ost und West war offen, die Mauer gefallen! Konnte man dem trauen oder war morgen alles vorbei?
Am nächsten Tag gab es im Betrieb nur ein Thema: brauchte man einen Reisepass oder reichte der Personalausweis, um „Westluft“ zu schnuppern? Die Ereignisse und Informationen überschlugen sich.
Egal, wir mussten meine Cousine besuchen, mit der ich auch während der DDR-Zeite ein inniges Verhältnis hatte und die bisher nur zu uns hatte kommen können. Es war an der Zeit, sich zu revanchieren!
Kurz entschlossen fuhren wir am 11. November um vier Uhr morgens mit unserem sehr betagten „Moskwitsch 408“ Richtung Grenzübergang Helmstedt. Im naiven Glauben, zu so früher Stunde gut voran zu kommen. Allerdings wurden wir bald eines besseren belehrt: schon lange vor Magdeburg auf der damaligen F6 war Schluss, es ging nur noch im Schritttempo weiter. Noch hofften wir, dass es nach einer an der Strecke liegenden Tankstelle schneller vorwärts gehen würde, doch weit gefehlt: wir waren schon mitten im Stau! Endlich auf der Autobahn angekommen, war es ganz aus. In der herrlichen Novembersonne war es kein Problem, sich mitten auf der Autobahn die Füße zu vertreten oder neben den Autos herzulaufen. Mit meiner Tochter ging ich auf eine Autobahnbrücke, um einen besseren Überblick zu bekommen und unser Auto in der endlos scheinenden Schlange zu fotografieren. Für uns war es überhaupt keine Mühe, wieder an unser Fahrzeug zu kommen – zu Fuß waren wir allemal schneller!
Nur unser Auto fand das alles nicht so lustig und es machte uns das dampfend und zischend klar, es „kochte“ förmlich vor Wut. Nach endlosen 13 Stunden erreichten wir endlich den Grenzübergang. Um unseren „Mossi“ nicht ganz zu verärgern, gönnten wir ihm eine kleine Pause und schoben ihn die letzten Meter auf DDR-Gebiet. Schließlich wollten wir nicht einfach „nur“ in den Westen, sondern zu meiner Cousine – und die wohnt im Ruhrgebiet!
Es war bereits dunkel, als uns eine Menschenmenge jubelnd am Grenzübergang in Empfang nahm. Jedem wurde heißer Tee, Bananen, Süßigkeiten und ähnliches durch die Autofenster gereicht, alle wurden überschwänglich begrüßt. So manche Freudenträne ist geflossen, auch bei unserer damals 9-jährigen Tochter und unserem 13-jährigen Sohn. Es war einfach für alle unfassbar, was hier geschah! Aber auch an die gebeutelten Autos wurde gedacht: Der ADAC-Pannendienst stand bereit, um liegen gebliebenen Fahrzeugen zu helfen. Unser „Mossi“ hatte sich aber inzwischen wieder erholt und so blieb den „Gelben Engeln“ nur, uns „Gute Fahrt“ zu wünschen, denn wir hatten ja noch einige hundert Kilometer vor uns. Also, ab auf die Autobahn: freie Fahrt für freie Bürger!
Mein Mann und unser Auto gaben ihr bestes, um schnell vorwärts zu kommen. Trotzdem rauschten die tollen Westflitzer an uns vorbei, was uns aber nicht wirklich überraschte. Auf einer Landstraße passierte, was passieren musste: der Tank war leer! Doch wir hatten vorgesorgt und einen Kanister Benzin mitgenommen, denn ohne Westgeld gab’s auch kein Westbenzin! Nur an einen Trichter hatte keiner von uns gedacht, was wiederum für einen gelernten DDR-Bürger kein Problem ist. Kurzerhand schnitt mein Mann eine Ecke von einer Plastiktüte ab und mit etwas Gefühl fand das Reservebenzin seinen Weg in den Tank.
Die nächste Hürde kam auf der Autobahn – wo mussten wir abfahren? Eine Karte hatten wir nicht, wir wussten nur, dass irgendwo bei Recklinghausen-Süd unsere Verwandten wohnten. Gott sei Dank waren hier die Straßen und Orte besser ausgezeichnet als bei uns. Also runter von der Autobahn, aber wie weiter? Mittlerweile war es fast 23 Uhr und ein nettes Ehepaar machte um diese Zeit noch seinen Abendspaziergang. Nachdem wir angehalten hatten, um nach dem Weg zu fragen, waren sie so erstaunt, so viele Kilometer hinter der Grenze Ostdeutsche zu sehen, dass sie uns spontan zu sich einluden und uns bewirteten. Sie schlugen uns auch vor, meine Cousine anzurufen, die ja bis jetzt nichts von unserem Kommen wussten.
Als ich dort mitten in der Nacht anrief, fielen sie aus allen Wolken: „Bleibt, wo ihr seid, wir holen euch ab!“ Nach tränenreicher Begrüßung, das Unmögliche noch nicht fassen zu können, tuckerten wir mit unserem Auto hinter ihnen her und waren todmüde, aber überglücklich um Mitternacht bei ihnen zu Hause angekommen.
Unsere Ankunft sprach sich in der Verwandtschaft wie ein Lauffeuer herum und es lagen unvergessliche Tage vor uns. Jeder wollte uns sehen, es wurde bis tief in die Nacht geredet und unsere Kinder verstanden sich prächtig mit den Töchtern meiner Cousine, die im gleichen Alter waren.
Am Montag fuhren wir dann zum Einwohnermeldeamt, um unser Begrüßungsgeld in Empfang zu nehmen, jeweils 100 DM für meinen Mann und für mich. Als die Beamtin jedoch im Personalausweis feststellte, dass wir noch Kinder haben, meinte sie, dass auch ihnen das Geld zustehen würde. Aber wo waren sie? Die Dame staunte nicht schlecht als sie erfuhr, dass beide mit den Töchtern meiner Cousine in der Schule waren – dort berichteten sie von ihrem Schulalltag in der DDR.
Nach turbulenten Tagen fuhren wir Dienstag wieder nach Hause, traurig, aber voller Hoffnung, uns bald wieder zu sehen. Eine neue Ära hatte begonnen. Ohne Stau und ohne Panne erreichten wir unsere Wohnung, wo in sicherem Abstand mein Vater heimlich auf unsere Rückkehr hoffte und wartete, denn er hat von unserem Ausflug erst erfahren, als wir schon weg waren.
Da ja keiner wusste, wie es wirklich weitergeht, schmiedeten wir einen Plan: um unsere Eltern nicht zu beunruhigen, kriegte meine damalige Arbeitskollegin den Auftrag, bei meinem Nichterscheinen für mich Urlaub zu beantragen. Das gleiche für meinen Mann in seinem Betrieb. Damals war so etwas ja noch möglich.
Dass die Kinder zwei Unterrichtstage versäumt hatten, sollte später keinen mehr interessieren.
Inzwischen ist viel Zeit vergangen, der Kontakt ist geblieben, gegenseitige Besuche folgten, aber das erste Treffen nach dem Fall der Mauer wird niemand vergessen können! Wir haben ein Stück deutsche Geschichte miterleben dürfen!
Auch wenn noch vieles nicht so ist, wie wir es uns wünschen, die DDR wünschen wir uns auf keinen Fall zurück!


Cornelia Sitte zusammen mit ihrer Cousine

Cornelia Sitte mit ihrer Cousine (links) vor deren Haus in Ober-Erkenschwich am 12. November 1989