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Wir erinnern uns noch so genau an diesen Tag, als wäre es gestern gewesen. Der Morgen dieses Dienstags in Halle/Saale war unangenehm feucht, er sollte jedoch recht sonnig werden. Wir hatten eine schlaflose Nacht hinter uns. Wir, mein Mann Enrico damals 37 Jahre unser Sohn Dirk damals 12 Jahre und ich Ulrike damals 35 Jahre alt, hatten den Entschluss gefasst, alles aufzugeben und via Prag in die Bundesrepublik zu fliehen. Zuvor hatten wir genau verfolgt wie die Menschen über die Botschaften versucht haben eine Ausreise zu erwirken. Da kam die erlösenden Verkündigung des Außenministers Genscher vom Balkon der Prager Botschaft am Samstag den 30.9.89. Wir waren emotional sehr aufgerüttelt und verfolgten im Radio, dass sich die Botschaft wieder füllte. Dieser Weg über Prag der DDR den Rücken zukehren, war nun in greifbare Nähe gerückt. Dies bedeutete aber auch unsere Eltern und Freunde zu verlassen. Die einzigen die wir am Montag den 2.10.89 informierten waren meine Eltern. Der Schock saß tief, sie konnten es nicht begreifen, zumal wir nicht wegen der berühmten Banane oder wegen der Reisefreiheit in den „Westen" wollten. Denn reisen konnte man auch in der DDR, wenn man das nötige Kleingeld hat. Für uns war es glaube ich diese Verlogenheit und dieses von der Wiege bis zur Bahre. Aber hier geht es jetzt um das erlebte im Herbst 89. Unserem Sohn sagten wir nur:"Morgen brauchst du nicht zur Schule". Nachdem ich zwei Koffer gepackt hatte, denn ohne persönliche Sachen, niemals, der Wartburg 311 noch ziemlich neu damit gefüllt, nahm die schlaflose Nacht endlich ihr Ende.
Die Sonne strahlte als wir am Grenzübergang ankamen. Ich dachte, da ist viel los, aber nein. Mit zitternden Händen übergab ich unsere Ausweise, da dies eigentlich die größte Hürde war, denn es waren keine Schulferien und normaler Arbeitstag. Wir wurden auch gefilzt was eigentlich sonst nicht üblich war. Man ließ uns jedoch passieren und wir kamen auf relativ leeren Straßen zur Botschaft.
Vor dem Palais Lubkowitz war eine überschaubare Menge an Menschen. Wie benimmt man sich als Botschaftsflüchtling, schoss es mir durch den Kopf. In die Botschaft kam man zwischenzeitlich schon nicht mehr rein. Frauen mit Kindern wurde noch Einlass gewährt, dies hätte jedoch Trennung von meinem Mann bedeutet. Der Platz vor der Botschaft füllte sich merklich. Am frühen Abend wurde uns mitgeteilt, dass auch wir alle eine Ausreise in die BRD erhalten. Aber wie und wann, darüber wurde noch verhandelt. Es begann eine lange kalte Nacht. Unser Sohn begann zu frieren und so wagte ich mich, trotz der Absperrung durch die tschechische Miliz zu unserem Auto, in dem eine Decke war. Am Auto angekommen musste ich leider feststellen, dass es bereits aufgebrochen war und einige Dinge (tolles Radio) fehlten. Gott sei Dank, die Decke war da! Plötzlich wurde ich von zwei Milizionären festgehalten. Sie wollten mein Ausweis, den hatte ich bei meinem Mann."Du kommen mit", so der eine. Ich bettelte um mein Leben, denn ich sah mich hinter Gittern, Mann und Sohn im Westen. Meine Tränen müssen sie bewogen haben mich laufen zu lassen.
Erst am Abend des 4.10.89 und 48 Stunden ohne Schlaf, kam Bewegung in das endlose bange Warten. Aus den wenigen Menschen vor der Botschaften wurden zigtausend. Wir wurden Stück für Stück zu den bereit stehenden Bussen geschoben und ich musste unwillkürlich an Deportation im 3. Reich denken, so ähnlich war die Kulisse. Die Fahrt ging zum Bahnhof und hier bestärkten sich meine Eindrücke. Denn hier wurden wir in die Waggons getrieben. Das endlose Warten lag wohl daran, dass die Tschechen nicht bereit waren, uns zum Bahnhof zu fahren. Es wurden extra Busse nebst Fahrern aus der DDR geholt. Im Zug setzten sich die Schikanen fort erst war es sehr kalt, dann wurden die Heizungen auf volle Touren hochgefahren. Die Waggons wurden verriegelt, dann kamen bewaffnete Organe welche unsere Ausweise einkassierten.
Am 5.10.89 gegen 6.00 Uhr erreichten wir Hof im Westen. Die Freude und der Empfang, den kann ich nicht beschreiben. Ahrweiler, so hieß unser erstes Ziel, auch hier ein überwältigender Empfang, es folgten noch einige Stationen bis es uns letztendlich nach Essen verschlagen hat, wo wir noch heute leben.
Der Neuanfang war nicht leicht, da mein Mann nicht sofort in seinen Beruf als Lokführer arbeiten konnte. Er fand jedoch eine andere Arbeit, die neue Anforderungen an ihn stellten. Auch ich fand eine neue Tätigkeit und unser Sohn hat nach seiner Ausbildung und Tätigkeit als Energieanlagenelektroniker sein Glück gefunden. Er ist verheiratet und hat einen Sohn der in Kürze 5. Jahre wird. Wir haben nette Kollegen die auch zu Freunden wurden, und unsere alten Freunde haben uns nicht vergessen, was wir sehr zu schätzen wissen, gerade jetzt, da mein Mann an Leukämie erkrankt ist. Daher möchte ich auf diesem Weg allen danken!
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