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Den 26. Oktober 1989 werde ich nie vergessen. Der Tag, an dem hier bei uns in Halberstadt alles anders wurde. Es war sozusagen die erste große „Montagsdemo" hier. Ähnlich wie bei den Friedensgebeten in Leipzig, hatten sich bei uns schon viele Wochen jede Woche die Menschen in der Martinikirche getroffen, der großen Stadtkirche im Zentrum, in Sichtweite des Halberstädter Doms, mit seinen zwei ungleichen Türmen ist die Martinikirche das Wahrzeichen von Halberstadt. Zu „Gebeten für unser Land", wie sich das nannte. Nur bei uns waren diese Gebete, die in Wirklichkeit natürlich Protestveranstaltungen waren, immer mittwochs. Es waren auch viele dabei, die vorher ganz bestimmt noch keine Kirche von innen gesehen hatten.
Ich alleine hätte ganz bestimmt nicht den Mut gehabt, wenn nicht so viele andere auch gekommen wären. Und vor allem hätte ich nicht soviel Mut gehabt wie diejenigen, die das organisiert haben. Vor allem Johann-Peter Hinz, ein Pastorensohn und bekannter Künstler und Kunstschmied hier. Er ist leider vor zwei Jahren gestorben, wurde nur 65 Jahre alt. Damals war er der wichtigste Initiator der Proteste in Halberstadt, zusammen mit Matthias Gabriel, der später Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt wurde. Ihnen gehört vor allem das Verdienst, das war sehr mutig von ihnen. Die ersten Male versammelten sich die Menschen in der Kirche. Ermutigt durch den Rücktritt von Honecker Mitte Oktober und dadurch, dass in Leipzig so viele auf der Straße demonstriert hatten, ohne dass das Regime eingegriffen hatte, fassten die Organisatoren offenbar Mut, dann auch bei uns in Halberstadt aus der Kirche hinaus auf die Straße zu gehen. Ich bin hier 1947 geboren und als Kind der DDR in Halberstadt aufgewachsen. Da kamen einem natürlich viele Dinge im Alltag, die einem heute sehr absurd erscheinen, ganz normal vor. Wir hatten aber viel Westverwandtschaft. Und mein Bruder ist 1966 über die Tschechoslowakei in den Westen getürmt. Er wollte mich kurz vor seiner Flucht noch überzeugen, dass ich mitkomme, aber ich wollte meinen Vater Walter hier nicht alleine lassen. Später bin ich dann auch Fotograf geworden und habe das Fotogeschäft meines Vaters hier übernommen. Als eine der wenigen Freiberufler hatte ich hier ja noch viele Freiheiten und war trotz der Staatswirtschaft mehr oder minder mein eigener Herr. Aber die Gängelung durch das Regime hat auch mich immer sehr belastet. Dieses eingesperrt sein, man durfte ja höchstens mal in die Tschechei oder nach Ungarn. Und dann diese Zwiespältigkeit, die ich schon als Kind erlebte. In der Schule der SED-Staat. Und zuhause guckten wir nur West-Fernsehen und redeten ganz anders. Auch später dominierte diese Furcht, sich zu verplappern. Wenn ich abends mal in die Kneipe ging und noch nach drei Bier darauf aufpassen musste, sich nur über belanglose Dinge zu unterhalten und bloß nicht über Politik zu reden und wie man wirklich denkt, den man wusste ja nicht, wer am Nachbartisch sitzt.
Als die Menschen an diesem 26. Oktober 1989 die Kirche verließen und auf die Straße gingen, war das wie eine Initialzündung. Plötzlich waren wir die Mehrheit. Es war dunkel und ich musste mich erst mal orientieren. Ich hatte natürlich Angst, weniger vor der Stasi. Die Herren waren natürlich auch da, man sah sie schon herumstehen. Aber mehr davor, dass die Menschen, die da demonstrieren, mich für einen Stasimann halten, einen Spitzel, der sie fotografiert. Aber trotzdem wollte ich diesen denkwürdigen Augenblick festhalten. Ich habe mich ein wenig darauf verlassen, dass mich hier natürlich viele Menschen kennen. Ich arbeite hier schon seit Jahrzehnten als Fotograf, mein Vater Walter, der an diesem Abend auch mit dabei war und genau wie ich fotografierte, hat das Fotogeschäft hier schon Anfang der 50er Jahre gegründet. Vorsichtshalber habe ich mich in der Nähe der Organisatoren gehalten, von Peter Hinz und Matthias Gabriel. Zwischendurch versteckte ich den Fotoapparat immer wieder in der kleinen Tasche, die ich dabei hatte, aber mehr wegen der Stasi-Leute. Ich fürchtete, dass wenn die mich fotografieren sehen, sie mich sicher noch hinterher auf dem Weg nach Hause abfassen würden. Aber ich habe die Fotos tatsächlich heil durchgebracht.
Mein Vater hatte ja so einige Probleme mit der Stasi. Zum Beispiel hatte er einmal eine Schulklasse fotografiert, an einer KZ-Gedenkstätte, eigentlich ein Routineauftrag. Nur dass, was er nicht wusste, am selben Tag der Stasi-Chef Erich Mielke und offenbar ein paar hohe Stasi-Leute das auch angeguckt haben und mit auf den Fotos waren. Es endete damit, dass die örtlichen Stasi-Leute hier in Halberstadt die Filme haben wollten und sich dort die Negative herausgeschnitten hatten, auf denen Mielke war. Das ging also auch noch recht glimpflich aus. Mein Vater und ich haben die ganze Entwicklung hier in Halberstadt fotografiert. Er fotografierte damals schon die Ruinen der durch die Bomben zerstörten Oberstadt, um das für die Nachwelt festzuhalten. Halberstadt ist ja damals, noch wenige Wochen vor Kriegsende, am 8.April 1945, ganz schlimm zerstört worden. Die gesamte Oberstadt, über Jahrhunderte gewachsen, wurde zerbombt und war hinterher nur noch eine öde Fläche. Zur DDR-Zeit entstanden ein paar Plattenbauten. Erst nach der Wende ging es hier voran und ein neues Stadtzentrum wurde gebaut. Die mittelalterliche Unterstadt mit ihren vielen Fachwerkbauten hat den Bombenangriff überlebt, aber weil zur DDR-Zeit dort nichts gemacht wurde, verfiele sie nach und nach. Ein paar Mal habe ich dort sogar in ganz offiziellem Auftrag gearbeitet, wenn es hieß, da wird wieder was abgerissen, fotografieren sie das vorher noch mal. Oft musste ich aber auch aufpassen, zum Beispiel als ich in den 80er Jahren fotografierte, wie sie ganze Straßenzüge mit einem ausgeliehenen Russen-Panzer platt gemacht haben. Viele Häuser wurden auch ganz systematisch ruiniert, in dem die Kehlziegel von den Dächern entfernt wurden, damit Wasser eindringen kann, was solche 300 oder 400 Jahre alten Fachwerkhäuser aus Lehm und Holz natürlich binnen weniger Jahre vernichtet. Die waren ganz schnell nicht mehr zu retten. So verschwand leider auch ein großer Teil des restlichen, alten Halberstadts, oft blieben Brachen, an einigen Stellen stellten sie Plattenbauten hin. Als Beispiel schicke ich Ihnen zwei Fotos aus der Kulkstraße. Das eine von 1977 mit den noch intakten Fachwerkhäusern, das andere von 1984, als der ganze Straßenzug abgerissen wurde. Es tat einem in der Seele weh. Ich glaube, es gibt kaum eine deutsche Stadt, die so sehr geblutet hat, angefangen vom Nazi-Terror, deren schlimmster Teil die Vertreibung und Vernichtung der großen jüdischen Gemeinde hier war, über den Bombenkrieg, der die Stadt so hart traf wie in Dresden, der großen Fluchtwelle über die nahe Westgrenze in den 50ern bis zum stillen Verfall in der späten DDR. Und dann kam einmal hoher Besuch, um 1980, Inge Lange, Kandidatin des SED-Politbüros, ich habe dabei selbst noch ganz „offiziell" fotografiert und am nächsten Tag steht in der Zeitung „Halberstadt ist schöner als je zuvor". Das war wirklich blanker Hohn. Der Artikel habe ich mir aufgehoben, der hängt hier bei an der Pinnwand in meinem Atelier. Um mich daran zu erinnern, wie es war.
Die Euphorie, die wir damals 1989 verspürten, ist natürlich inzwischen etwas verklungen. Wir träumten von einer demokratischen DDR, da waren natürlich viele Hirngespinste dabei. Schnell ging es nach der Wende darum, unser Fotogeschäft zu retten und auf neue Beine zu stellen. Neue Technik anschaffen, sich neu orientieren. Das war die Zeit, in der ich das Geschäft dann von meinem Vater übernahm, denn für ihn war diese Umstellung in seinem Alter zuviel. Mir blieb wenig Zeit zum Überlegen. Und so richtig goldene Zeiten sind heute nun wirklich auch nicht ausgebrochen. Die Menschen hier haben nicht viel Geld, auch ich nicht, und ich kann hier keine Riesensprünge machen. Ich bin aber alles in allem ganz zufrieden so, wie es ist. Da geht mir manchmal auf die Nerven, wenn die Leute meckern. Haben die schon vergessen, wie es damals war? Klar, wir hatten genug zu essen, ein paar kleine persönliche Freiheiten, es hat gereicht. Ich brauche auch keine hundert Sorten Joghurt im Supermarkt. Aber dieses unterdrückt sein, dieses Grau, das war es doch, was das Leben in der DDR wirklich bestimmte. Uns selbst ist das doch damals gar nicht mehr so aufgefallen. Das merkt man doch erst heute, wenn man den Unterschied sieht.
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 Burckhard Mahlke
 Mittwochsdemo in Halberstadt
 Burckhard Mahlke
 Kulkstraße 1977
 Kulkstraße 1984

Zeitungsartikel von 1989
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