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In der Dämmerung Autokolonnen in Richtung Stadtmitte. Wir fahren zur Martinikirche, dem Wahrzeichen Halberstadts. Viele Menschen in und vor der Kirche. In Gruppen wird diskutiert. Das „Gebet für unser Land" in Gedichtform habe ich in unsere Tageszeitung eingerollt und bringe es so unauffällig in die Kirche. Meine beiden sehr großen Söhne, rechts und links als Schutz neben mir. Wir müssen gleich in die Nähe des Altars gehen. Die Kirche ist schon so voll, wie ich es von einer überfüllten Straßenbahn kenne. Jeder berührt jeden. Peter Hinz und Mathias Gabriel haben weiße Schärpen über der Schulter. Rote Schrift: „Keine Gewalt". Pfarrer von Biela ordnet die Leute in der Kirche und lässt sie noch mehr zusammenrücken. Durch die Menschen ist es warm.
Sehr verschiedene kurze Reden werden gehalten. Mütter wollen ihre Söhne von der Armee zurück. Viele sagen, es werde eine andere Zeit anbrechen. „Wir wollen mehr Freiheit!" Meine Söhne stupsen mich an - Vati, jetzt du.
Am Altar hole ich das Gedicht aus der Zeitungsrolle. Ich hatte es in der Nacht zum Sonntag gemacht und erst der Familie vorgelesen. Sie waren alle der Meinung ich solle es vortragen, obwohl Sanktionen des Staatsapparates nicht ausgeschlossen werden können. Das alles geht mir am Altar durch den Kopf. Ich trage, aufgeregt aber wohl ruhig sprechend, das Gedicht vor:
Gebet für unser Land und alle hoffnungsvollen Menschen in den Kirchen im Oktober 1989
Du Herr, der Du da oben bist, kannst sicher gut erkennen, daß unsre jungen Leute noch, durch Zaun und Grenzen rennen!
Wir aber lieben Heimat sehr, doch auch neue Gedanken. Wolln strebsam jede Arbeit tun, nur bitte nicht in Schranken!
Wir wollen münd'ge Bürger sein, mit vielen guten Taten, ganz ungehindert Freunde sehn, in allen Nachbarstaaten!
Den Bürgern in der Uniform, sag' doch mit gutem Mute: „Die Leut', die hier versammelt sind, wolln wirklich nur das Gute!"
Die Hand ist auf und nicht geballt, der Gruß ist wohl zu Ende. Wir wollen niemals mehr Gewalt, ganz friedlich eine Wende!
Wir brauchen teure Grenzen nicht, wolln keine Waffen Schichten. Es sind ja keine Feinde da. Auf wen solln wir sie richten!?
O bitte Herr, ach mache doch, ich möchte Dich beschwören, daß dafür diese Gelder komm'n, wohin sie jetzt gehören!
In wirklich neue Produktion, kaputte Häuser Filter, für eine helle, saubre Welt, mit positiven Bildern!
Die Früchte unsrer Arbeit solln, uns in Geschäfte führen, die ohne Planwirtschaft doch voll, den Fortschritt laß uns spüren!
Laß unsre Leute wählen nun, und ja nicht mehr die Alten. Ganz demokratisch soll es sein. Wir werden nicht mehr falten!
In Medien und Diskussion, soll Ehrlichkeit obsiegen. Wir alle haben ja gelernt, Wahrheit lässt sich nicht biegen!
Fang' jeder bei sich selber an, und hebe sein Gesicht, denn das, was heute hier geschieht, ist lebende Geschicht!
Die Herzen sind so übervoll, in diesen wicht'gen Tagen. O hilf uns Herr, erbarmungsvoll, und laß uns nicht verzagen! --- Amen!
Die Gesichter der Zuhörer in der Kirche verschwimmen. Als ich damit fertig bin, klatschen die Leute. Die Andacht ist zu Ende. Fremde Menschen umarmen mich und fassen mich an. Einer, in einer Lederjacke überm Blauhemd und mit Alkoholfahne, spricht mich an: „Mit solchen kompetenten Leuten wie Ihnen möchte ich auch noch mal reden --- aber an anderer Stelle!" Das fasse ich als Drohung auf.
Wir gehen dicht gedrängt aus der Tür. Bekommen eine Kerze in die Hand. Alle um uns haben plötzlich Kerzen in der Hand. Ein Zug von tausenden von Menschen formiert sich zur ersten Montagsdemonstration durch unsere Stadt. Hunderte von Kerzen in den Händen der Leute. Auf jedem Bordstein der Walter-Rathenau-Str. ebenfalls brennende Kerzen. Sie rahmen den Zug ein. Wer hat das alles bloß gemacht!? Es wird gerufen: „Fernseher aus - kommt heraus!", „Wir wollen Freiheit!" Die Menschen sind sehr aufgewühlt. Viele gehen, beim Zug um die Kirche, Hand in Hand.
5.000 Menschen sollen vor und 5.000 sollen in der Martinikirche gewesen sein. Was wir nicht wussten - in den Seitenstraßen um die Kirche herum standen die Kampfgruppen mit Schlagstöcken und Knebelketten. Eingegriffen wurde von ihnen nicht. Einziger Kommentar am nächsten Tag in der Volksstimme: Beschwerde eines Bürgers über die Verschmutzung der Bordsteinkanten durch Kerzenwachs.
Peter Hinz wird später Stadtparlamentspräsident und Mathias Gabriel unser Oberbürgermeister - dann Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt.
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Peter Roberts heute in der Martinikirche

Peter Roberts vor der Kirche
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