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Seit dem Sommer 1989 sahen wir jeden Tag mindestens 2 x die Nachrichten, ob sich was ändert oder ob die DDR ausblutet. Was würde für uns infrage kommen? Und als wir am 9. 11. 89 die zweiten Nachrichten gesehen hatten, stand für mich so gut wie fest, daß die Grenze mit ihren Anlagen so einfach nicht zu überwinden war. Aber Schabowski hatte je gesagt: ab sofort! Deshalb setzte ich mich mit meiner Tochter spontan in unseren Wartburg und wir fuhren die Autobahn Richtung Marienborn.
Mit einigen Diskussionen an den vorherigen Kontrollpunkten kamen wir tatsächlich durch den Zoll und die Grenzkontrolle. Wir konnten weiter nach Helmstedt fahren! Die Angst meiner Tochter war nur: \"wenn die uns nicht wieder reinlassen?\" Wir wollten schließlich nicht \"rüber\" sondern nur probieren, ob die Grenze wirklich auf war!
Als wir in Helmstedt den Kontrollpunkt passierten, um eine Wendestelle zu finden, leuchteten viele Scheinwerfer auf und Reporter kamen mit Mikros ans Auto. Als sie aber hörten, wir wollten nur probieren, ob die Grenze auf ist, waren wir nicht mehr interessant und man wendete sich ab. Das war keine Story für die Westpresse. Also fuhren wir über Helmstedt zurück nach Hause.
An der Wiedereinreise in die DDR gab es längere Diskussionen: wieso und warum und woher usw. Schließlich bekam der Paß meiner Tochter einen Stempel vom 9. 11. 89, ich bat, das für mich nicht zu tun, da ich ja nicht wußte, ob ich wegen \"Grenzprovokation\" o ä. an meinem Arbeitsplatz Schwierigkeiten bekomme.
Jetzt liegt der Ausweis meiner Tochter in der Gedenkstätte Marienborn. Der jetzige Leiter, Herr Dr. Scherible hat recherchiert, daß ich als allererste Ostdeutsche die Grenze passiert habe (ich glaube 21.15 Uhr)- Genaueres ist in Marienborn dokumentiert.
Dr. med. Annemarie Reffert |