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Was kann man im 20. Jahr nach der Wende so alles, speziell über die Grenzöffnung in Dedeleben, schreiben? Es war eine sehr interessante Zeit, alles war aufregend und neu. Selbstverständlich wurden alle Ereignisse im Radio sowie im Fernsehen verfolgt, man wollte eben nichts verpassen.
Irgendwann kam dann die berühmte Pressemitteilung des Herrn Schabowski im TV. Ich war mit meiner Freundin und späteren Frau bei mir im Zimmer als wir es hörten. Wahnsinn!
Am selben Abend sollte es zur Disco nach „Abrahams“ gehen, eine unserer Dorfgaststätten. Ich sage nur Paprikaschnitzel oder Rouladen, da kommen Einheimische sicher ins Schwärmen oder haben wieder den Geschmack der Gerichte auf der Zunge. Dort spielte die Discothek „Orion“. Es blieb aber ziemlich leer. Kein Wunder, viele machten sich gleich auf die Socken um einen Abstecher in den „goldenen Westen“ zu unternehmen. Ich weiß noch, so gegen 22:00 Uhr kam ein Kumpel auf den Saal und berichtete dass er „drüben“ war. Er war total aufgeregt. Was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, war der Satz, dass dort alles so bunt gewesen ist. Manche Sachen bleiben halt unvergessen, auch nach so vielen Jahren.
Am nächsten Tag wurde beschlossen per Autobahn nach Helmstedt und dann weiter auf den Heeseberg zu fahren. Leider hatten viele andere auch diese glorreiche Idee, so dass die Autobahn total überfüllt war. Letztendlich wurde der Plan geändert und wir fuhren mit dem Zug von Marienborn nach Helmstedt. Auch der Bahnhof war übersät von Menschen, aber die bessere Alternative zur Autobahn. So musste der Ausflug auf den Heeseberg leider gestrichen werden, obwohl wir uns schon sehr darauf gefreut hatten. Denn diesen kleinen Höhenzug, gleich hinter der ehemaligen Grenze in Niedersachsen, hatte man zu DDR-Zeiten immer vor Augen, doch für uns DDR-Bürger bis zum Herbst 1989 unerreichbar. Dort gab und gibt es eine sehr gute Gaststätte mit einem herrlichen Blick auf Dedeleben und dem Harz. So ließen wir es uns in Helmstedt gut gehen. Und es stimmte, alles war sehr bunt.
Man kann sagen: Der erste Ausflug in den Westen war sehr interessant und wird wohl nie vergessen werden. Der nächste Ausflug ging sonntags über Hessen-Matierzoll nach Schöppenstedt. Morgens kam im Radio die Meldung über die Öffnung des dortigen Grenzübergangs. Also ab mit meiner Freundin, meinen Eltern und meinen zukünftigen Schwiegereltern Richtung Westen. Es gab einen ziemlichen Stau vor diesem Grenzübergang, sodass wir den Trabi meiner Eltern, übrigens im Sommer 1989 nach vielen Jahren Wartezeit erst neu gekauft, immer per Hand weitergeschoben haben. Es ging höchstens immer nur zwei Meter weiter, und einen kleinen Trabi weiter zu schieben ist ja sicher kein Problem.
Kurze Zeit später kam eine Sonderausgabe des „Schaufenster“ (Zeitung aus Niedersachsen) heraus, die wir durch Zufall in die Hände bekamen, mit Bildern der Grenzöffnung und unteranderem einem großen Farbfoto unserer „Schiebeaktion“. Dass wir auch fotografiert wurden, haben wir an jenem Tag aber gar nicht gemerkt. Als Bildunterschrift stand darunter: „Tausende von DDR-Bürgern besuchten seit der Grenzöffnung am 12. November Wolfenbüttel und Braunschweig. Dabei wurden die Fahrzeuge sogar über die Grenze geschoben.“ Der Fotograf dachte wohl unsere „Rennpappe“ sei kaputt, war sie natürlich nicht.
Unsere westdeutschen Landsmänner und natürlich auch Frauen muckierten sich immer über den Gestank der Zweitaktmotoren unserer Trabis, Wartburgs oder der verschiedenen Zweiräder. Ich konnte das gar nicht verstehen, habe ich es doch selbst nicht wahrgenommen. Doch sollte man heute das Glück haben noch einmal hinter einem Trabant her zu fahren, dann riecht es doch ziemlich stark nach Auspuffgasen. Wir waren damals wohl daran gewöhnt.
In Schöppenstedt gab es das Begrüßungsgeld und einige Geschäfte waren sogar an dem Sonntag geöffnet, sodass einiges des Geldes gleich dort bleib. Es war ein schöner Tag. Gerade die ersten Wochen und Monate danach erkundeten meine Freundin und ich die nähere Umgebung. Es ging zum Beispiel nach Schöningen und Wolfenbüttel, selbstverständlich mit dem alten Trabant meiner Eltern. Man wollte ja alles sehen. Die vielen neuen Eindrücke die man sammeln konnte, das war Wahnsinn! Meine Favoriten was das Einkaufen anging waren übrigens die Plattenläden. Hatte man doch in der DDR selten das Glück an Lizenzplatten heran zu kommen. Lizenzplatten waren Schallplatten westlicher Künstler. Kurze Zeit später habe ich mir aber auch einen CD-Player gegönnt. Die Platten und den Plattenspieler, genauso wie die Bandgeräte, halte ich aber immer noch in Ehren. Zu DDR-Zeiten saßen wir immer mit dem Tonbandgerät oder Kassettenrecorder vor dem Radio und warteten, während meistens NDR 2 lief, auf die neusten Lieder zum aufnehmen. Und wehe der Moderator sprach dazwischen, dann hätte man sich grün und blau ärgern können!
Zur Grenzöffnung zwischen Dedeleben und Jerxheim am 08. Dezember. An diesem Tag waren wir am Vormittag zu Besuch bei Bekannten in Börßum (Niedersachsen). So kam es, dass wir mit ihnen zur Grenzöffnung fuhren. Allerdings auf „Westseite“. So standen wir schon „Drüben“ als meine Landsleute den Übergang stürmten.
Eins sollte nicht vergessen werden. Im Vorfeld kam es zu einer Protestaktion, wo viele Dedelebener an die Grenze marschierten um den Übergang und die Öffnung zu fordern. Doch an jenem Tag bleib die Grenze noch geschlossen. Aber wie wir ja alle wissen, am 08. Dezember 1989 war es soweit und die Grenze wurde geöffnet. Es waren Massen von Menschen auf den Beinen, so viele Leute hat der Grenzzaun dort bestimmt noch nie gesehen. Auf der niedersächsischen Seite standen die dortigen Einwohner und begrüßten die DDR-Bürger. Zwischen den Menschen sah man ebenso einige Plakate mit interessanten und lustigen Parolen. Hier einige Beispiele (im Original übernommen): „Dedeleben + Jerxheim muss der Nabel der Welt sein“, „Dedeleben grüßt Jerxheim“ oder SPD Ortsgruppe aus Aderstedt grüßt die SPD Ortsgruppe in Jerxheim“.
Eines ist auch noch „hängen“ geblieben. Irgendwer kam mit seiner Trompete an die Grenze blies hinein und schrie „ATTACKE“. War schon lustig!
Eine weitere interessante Tatsache ist die, dass einige Einwohner aus Jerxheim über den neu eröffneten Grenzübergang mit ihren Fahrrädern nach Dedeleben fuhren. Sicher kannten viele unseren Ort noch aus vergangenen Tagen und wollten einmal sehen wie sich Dedeleben eventuell in der vergangenen Zeit verändert hat. Allerdings wurde die Fahrt zu einem kleinen „Hürdenlauf“. Denn durch die Zuckerrübenabfuhr und die anschließend versuchte Reinigung war die Straße so matschig, dass zwischen Rad und Schutzblech so viel Schlamm steckte, dass die Räder teilweise getragen werden mussten um vorwärts zu kommen. Des Weiteren fanden unsere Besucher ein „Geisterdorf“ vor. Die Gaststätten, sogar die Kaufhalle, waren geschlossen. Schließlich wollte jeder bei dem historischen Ereignis an der Grenze dabei sein. Da konnte man uns sicher die Tatsache verzeihen, dass wir an diesem Tag für die Zeit der Grenzöffnung ein fast verlassenes Dorf zurück ließen, oder?
Übrigens gab es in der Zeit danach so Hin und Wieder einige Verwirrung, über die auch heute noch so manches Mal schmunzelnd erzählt wird. Dies hat aber nichts mit den verschiedenen Gesellschaftsordnungen damals zu tun, sonder ganz einfach mit regionalen Unterschieden wie es sie zwischen Ost und West oder auch zwischen Nord und Süd gab und gibt. Kam ein Niedersachse zum Beispiel in den Osten um beim Fleischer einzukaufen, waren mache Unstimmigkeiten vorprogrammiert. Denn eine gebratene Wurst aus der Pfanne oder vom Grill heißt bei uns Schmorwurst und in Niedersachsen Bratwurst. Wohingegen eine Bratwurst in Sachsen-Anhalt eine Mettwurst (laut niedersächsischer Definition) in Niedersachsen ist.
Der Grenzübergang wurde danach nach und nach ausgebaut. Die Straße bekam eine Asphaltschicht und die Brücke über den „Großen Graben“ die beide Länder trennte wurde erneuert
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Am Grenzübergang
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