Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Dr. Fritz Rath: Der lange Weg von Erfurt nach Trier

9.11.1989 - der Fall der Mauer

Keiner hatte wohl diese Situation erwartet: Zwar war im Spätsommer 1989 in Ungarn die Grenze bei Sopron nach Österreich durchlässig gemacht worden und viele Urlauber waren dort gen Westen geflüchtet, und im September waren alle, die in die westdeutsche Botschaft in Prag geflohen waren, mit einem Sonderzug über Dresden nach Bayern ausgefahren worden. Als wir dann im Oktober in der Sächsischen Schweiz zum Orientierungslauf-Wettkampf waren, war die Grenze zur CSSR schon so scharf bewacht, wie die zur BRD. Und in Dresden gab es schon Demonstrationen, die größten aber im Oktober in Leipzig...
Am Donnerstag, den 9. November hatten wir von unserem Betrieb BMK Erfurt aus unsere 2- tägige KDT-Exkursion nach Berlin. Am Abend wurde wie üblich in einer Gaststätte gefeiert. Kaum hatten wir uns spät abends dann schwertrunken in unserem Quartier niedergelegt, kamen die Wirtsleute und teilten uns mit, die Grenze nach Westberlin sei offen. Aber wir wollten nicht mehr auf.
Am nächsten Tag, Freitag den 10.11., war vormittags eine Busrundfahrt durch Ostberlin organisiert. Da ich ganz vorn saß, hörte ich im Bus-Radio die Debatte des Westberliner Senats, der gerade beschloss, jedem Besucher aus dem Osten 100.- DM Begrüßungsgeld zu geben. Als die Rundfahrt beendet war und wir noch einige Stunden Freizeit bis zur Abfahrt unseres Zuges hatten, nahm ich meinen Kollegen Günther Pohl zur Seite, und wir beschlossen auch mal schnell in den Westen zu gehen.
Der nächste Grenzübergang war in der Kochstraße, am "Checkpoint Charlie". Als wir hinkamen, war da eine etwa 400 m lange Schlange, da anfangs die Regelung galt, im Personalausweis einen Vermerk für den Grenzübergang eintragen zu lassen. Es wäre aussichtslos gewesen, sich hier anzustellen. Also gingen wir an der Schlange vorbei direkt zum Grenzposten, zeigten den Ausweis vor und wurden durchgelassen. Nach 28 Jahren war ich wieder in Westberlin. Wir gingen zügig weiter in Richtung Süden bis zum Flughafen Tempelhof, denn hinter der Grenze waren alle Auszahlstellen für das Begrüßungsgeld überfüllt. Dort jedoch war kein Andrang, sodass wir das Geld schnell bekamen und einen Stempel im Personalausweis erhielten. Dann hatten wir nur noch etwas Zeit, uns umzusehen, die freudige Stimmung einzufangen, dann mussten wir schon wieder zurück nach Lichtenberg zum Zug. Wir verschwiegen den anderen, wo wir gewesen waren, denn es waren unter uns viele Genossen und damals wusste noch keiner, wie sich die Sache entwickeln würde... Als ich gegen 20 Uhr zu Hause in Erfurt ankam, war alles schon in Aufruhr: Am Sonnabend wollte die ganze Familie mit dem Auto nach Trier zur Verwandtschaft fahren. Dafür benötigte man noch eine Genehmigung, aber die Polizei-Meldestellen machten Überstunden und waren wegen des Andranges bis 22 Uhr geöffnet. Die anderen hatten schon ihre Genehmigung, auch ich bekam sie noch. Dann musste noch die PKW-Fahrt vorbereitet werden. Dazu lud ich alle verfügbaren Benzinkanister ein und fuhr zu einer der wenigen Tanksteilen, nach Gispersleben. Auch hier riesige PKW-Schlangen. Auch hier hätte sich ein Anstehen zum Betanken des Wartburg nicht gelohnt. Also fuhr ich vorn an die Zapfsäule und füllte mir sämtliche Kanister voll. Zu Hause bei der PKW-Kontrolle stellte ich jedoch mit Schrecken fest, dass der Bügel gebrochen war, der die Lichtmaschine hält. Nur mit der Spannung der Schraube hielt sie noch. Aber ich hoffte ja, dass wir am nächsten Tage heil nach Trier kommen würden, dann würde notfalls die Zündung mit der Batterie gespeist werden müssen. Weit nach Mitternacht war ich endlich fertig.
Wie es sich für eine ordentliche Familie gehört, mussten die Kinder am Sonnabend dem 11.11. - erst noch in die Schule gehen auch wenn dort die Klassen an diesem Tage nur halb voll waren, weil viele schon unterwegs in den Westen waren. Gegen halb 12 Uhr konnten wir dann endlich losfahren. Bis Eisenach ging alles ohne Verzug, aber dann standen wir um 12:30 Uhr zwischen Eisenach-Ost und -West im Stau, in der Mittagssonne. Es ging überhaupt nicht vorwärts. Aus dem Radio hörten wir von Begrüßungsreden des Hessischen Ministerpräsidenten Wallmann, die er kurz hinter der Grenze gab. Wir glaubten, dass wir das auch noch erleben würden....
Gegen 17 Uhr, es dämmerte bereits, waren wir mit dem Stau endlich an der Grenze fuhren danach erst mal an die Raststätte Herleshausen, um eine Straßenkarte von der BRD zu bekommen, denn so etwas gab es in der DDR ja nicht, und wir wussten nicht, wie wir nach Trier kommen sollten. Dann endete die Autobahn an der Abfahrt Wommen, es ging runter auf die Landstraße Herleshausen Nesselröden, Vorfahrt beachten, ohne Verkehrsregelung: der nächste stundenlange Stau. Dann auf der Landstraße bis zur Einmündung auf die Verbindungsstraße B400- Autobahnanschluss Wildeck-Obersuhl, wieder Vorfahrt beachten und zusätzlich Linksabbieger ohne Verkehrsregelung: wieder ein stundenlanger Stau. Etwa gegen 21 Uhr waren wir wieder auf der Autobahn und überlegten, ob es sich überhaupt noch lohnte, bis Trier zu fahren, zumal der Zustand der Lichtmaschine wie gesagt kritisch war. Im Dunkeln hätte die Batterie das Auto nicht bis Trier gebracht Aber einmal begonnen, wollten wir nicht aufgeben. Bis Gießen waren noch einige wenige DDR-PKW unterwegs teils voll beladen, weil sie ins Auffanglager wollten. Auf der Weiterfahrt über Limburg und Koblenz war die Autobahn schon leer. In der Nacht gegen 2 Uhr kamen wir in Trier an. Wenn ich nicht 1987 von Frank Grölle in Koblenz mit dem PKW abgeholt worden wäre, hätte ich nie gewusst wie man nach Trier-Zewen zu Grölles kommt, zumal im Moseltal noch dichter Novembernebel war. Aber so konnte ich mich zurechtfinden und gegen 02:30 Uhr klingelten wir bei Hilde und Helmut Grölle, die ihren Augen kaum trauten. Es wurde bis etwa 4 Uhr erzählt und das Wiedersehen gefeiert. Dann gingen wir schlafen und ich fuhr im Schlaf weiter Auto...
Sonntagvormittag, den 12.11. schweißte Helmut erst einmal den Bügel der Lichtmaschine, denn Wartburg-Ersatzteile gab es nicht in Trier, schon gar nicht am Sonntag. Dann hängte sich Hilde sofort ans Telefon, machte den Beamten ausfindig der das Begrüßungsgeld austeilte und holte ihn vom Mittagstisch weg. Dann fuhren wir alle in die Auszahlstelle in der Stadt mit meinem Reisepass bekam ich auch noch einmal die 100.- DM Begrüßungsgeld, wir waren bis dahin erst die 2. Familie, die in Trier überhaupt das Geld in Empfang nahm. Dann besichtigten wir bei schönem Wetter die Stadt. Nachmittags spendierte Helmut einen Tank und einen Kanister voll Benzin, damit wir wieder bis Erfurt kommen konnten. Denn unser Westgeld war uns dafür zu schade.
Gegen 17 Uhr fuhren wir wieder zurück, als Ossis am Nummernschild erkennbar und von vielen begrüßt. Dann kam wieder der stundenlange Stau vor der Abfahrt Wildeck-Obersuhl und morgens gegen 3 Uhr waren wir wieder in Erfurt. Um 6 Uhr klingelte der Wecker und alles ging wieder auf Arbeit bzw. in die Schule...

Hauptmarkt in Trier

Trier, Hauptmarkt Porta Nista

 

Simonstr. in Trier

Trier, Simonstraße