Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
logo_dg
logo_superillu
logo_bsa
logo_20jahre
 
 
Schirmherr der Aktion
bm_tiefensee
BM Wolfgang Tiefensee
bmvbs_c_m2
 
 
Siegfried Boldt: Meine Flucht im Herbst 1989

Eigentlich wollte ich garnicht abhauen, ich wollte weiter auf meine offizielle Ausreise warten. Vor über sieben Jahren hatte ich schon einen Ausreisantrag gestellt. Das war in einem vorigen Leben.  Jetzt nach meiner Scheidung, ich hatte meine Wohnung so gut wie fertig eingerichtet. Ich hatte fast alle Möbel selber gebaut, da ich kein Geld für neue hatte. Mein Meisterstück war die Küche mit Speisebar und stolz war ich auf mein Himmelbett. Meine Arbeit gefiel mir und ich verdiente ganz gut. In einer Maschinenbaufabrik, war ich so ein Allroundtransportarbeiter. Ich hatte mehrere Gabelstapler für verschiedene Arbeitsbereiche zu bedienen. Ab und an durfte ich einen Kleintransporter und einen Sattelschlepper fahren.
Nebenbei fertigte ich u.a. Setzkästen, Stifthalter, die ich verkaufte und so mein Einkommen aufbesserte. Ich hatte nicht das Gefühl, mir geht es schlecht. Meine Jungs besuchten mich oft und ich konnte ihnen manche Mark zustecken.   Aber immer öfter, fragten mich Kollegen, was ich hier wohl noch wolle, da ich ja nach meiner Scheidung ja sowieso alleine bin.  Jeder sah, dass dieser Staat eigentlich am Ende war und jeder schimpfte auf alles, insbesondere gegen die SED Regierung. Alle verfolgten die Perestroika und Glasnost in der UdSSR, hatten Sympathien für Gorbatschow und hofften darauf, dass sich die DDR auch öffnete und das starre Regime gelockert würde. Diese Hoffnung wurde immer wieder mit den Füßen getreten. Deshalb wurde der Protest im Lande immer größer. Auch ich besuchte Montagsdemonstrationen in Dresden und half auch in Radebeul, welche mit zu organisieren.  Wir verfolgten die Besetzung der Prager Botschaft und erlebten, die dramatische Fahrt über das Territorium der DDR, am 30. September.  Und wieder füllte sich die Prager Botschaft und wieder drängten Kollegen.  Dann habe ich mich zur Flucht entschlossen und in einer Nacht- und Nebelaktion in der Nacht vom 2. Oktober auf den 3. Oktober meine Wohnung leer geräumt. Alles verteilt an meine Ex, Verwandten, Bekannten und Freunden. Meine Ex, ich hatte zu ihr ein gutes Verhältnis aufgebaut, obwohl ich allen Grund hatte auf sie stinksauer zu sein, aber ich wollte meine Jungs sowenig wie möglich mit unserer verkorksten Beziehung belasten, hat mich dann am 3. Oktober zum Dresdener Hauptbahnhof begleitet. Um den Abschied noch hinaus zu zögern, nahm ich nicht den Elf Uhr Zug und wir sind noch Mittagessen gegangen. Hätte ich das bloß nicht gemacht, mir wäre Manches erspart geblieben.  Gegen 13.00 Uhr waren wir am Bahnhof und ich wollte mit dem nächsten Zug nach Prag fahren. Da stand ich dann vor verschlossenen Schaltern. Die Grenze zur CSSR war dicht gemacht worden, um zu verhindern, dass immer mehr nach Prag fliehen.  So habe ich mich entschlossen, über die grüne Grenze zu gehen und mich irgendwie nach Prag durchzuschlagen.  So bin ich mit meinem Himpelditsch, meinen alten 500er Trabbi, ins Osterzgebirge gefahren.  Da ich nur eine helle Jacke bei mir hatte, habe ich mir in Heidenau, mit einem Scheck, obwohl mein Konto nicht gedeckt war, einen viel zu teuren, mangels Auswahl, dunklen Anorak gekauft. Ich wollte ja durch den dunklen Wald und wollte nicht auffallen, bzw. getarnt sein. In Bienhof habe ich meinen Trabbi abgestellt und bin zu Fuß los. Die Karte, die ich dabei hatte, hat mir nicht wirklich geholfen. Um einen Berg bin ich zweimal gelaufen. Das ist mir nur aufgefallen, weil ich Lichter, ich glaube es war ein Ferienheim, zweimal gesehen habe.  Auf der Karte war ein Wasserspeicher eingezeichnet. Da wollte ich über die Grenze, aber da war ein hoher Zaun und ich mußte wo anders rüber, was ein paar hundert Meter weiter auch kein Problem war.  Lange bin ich quer Feld ein, bzw. Wald gelaufen, bis ich oberhalb von Petrovice, das erste Mal wieder Lichter sah. Ich mußte noch eine ganze Weile laufen, bis ich das Dorf hinter mir gelassen habe. Es war ziemlich anstrengend, immer am Rand des Dorfes, am Steilhang quer durchs Gelände.  Als ich keine Lichter mehr sah, da bin ich zur Strasse runter. Da sollte es sich besser laufen. Ich wollte noch in der Nacht, bis nach Usti nad Labem. Hier so hoffte ich, würde ich schon eine Fahrgelegenheit nach Prag finden. Ich wäre auch zu Fuß bis Prag gelaufen.  Also, ich war gerade auf der Strasse angekommen, da schrie hinter mir einer Stoi-Halt und ich hörte das Durchladegeräusch einer Kalaschnikow. Stellt Euch meinen Schrecken vor. Da liefen gleich ganze Geschichten vor meinen Augen ab. Man hat ja von den vielen Todesschüssen an der ver-dammten Mauer gehört. Da ist mein Herz ganz tief runter gerutscht und ich hätte mich vor Angst bald in die Hosen gemacht.  Ich dachte wirklich, wenn ich mich bewege, wird auf mich geschossen. Schüsse, die dieses verfluchte Land schon manchen, der nur in Freiheit leben wollte, in den Rücken geschossen hatte. Cowboys haben sich wenigstens immer Auge in Auge gegenüber gestanden. Feige Schüsse in den Rücken, widerspricht jedem Ehrgefühl. Dieses Ehrgefühl wurde den Soldaten im Warschauer Pakt mit allen, auch brutalsten Mitteln ausgetrieben. Ich weis garnicht mehr was ich gesagt hatte. Ein wenig Tschechisch konnte ich ja. Die Tschechoslowakei ist ein wunderschönes Land und ich liebe die Böhmische Küche und das Bier in Böhmen ist so herrlich süffig. Deshalb war ich auch sehr oft in der CSSR und Prag kannte ich wie meine Westentasche. Deshalb konnte ich auch manchen Brocken Tschechisch sprechen. Das hat mir wohl in dieser gefährlichen Situation geholfen. Da habe ich sicherlich das Richtige gesagt und ich wurde abgeführt. Ich wurde zum Grenzübergang Bahratal gebracht.  Da gab es erst mal Verhöre.  Später wurden noch zwei junge Männer gebracht, die auch nach illegalem Grenzübertritt verhaftet wurden. Wir saßen in so einen Art Aufenthaltsraum. Da ich ein wenig Tschechisch konnte, habe ich mit den Grenzern, auch manches in Tschechisch gesprochen und auch für die Beiden übersetzt und ich habe auch an einer Piccolo rumgenuckelt. Da dachten die Beiden doch; ich wäre, so eine Art Dolmetscher und würde auch irgendwie ein Grenzer, oder vielleicht Stasiangehöriger sein. Bis sich diese absurde Situation auflöste, war das sogar ein wenig witzig.  Am nächsten Morgen wurden wir nach Pirna, auf eine Polizeiwache ge-bracht. Die Fahrt dahin war furchtbar. In so einen Gefangenentransporter, mit ganz engen Kabinen, ohne Licht und an Händen und Füßen gefesselt. Das war so was, wie der Vorhof zur Hölle, mit viel Angst und Schmerzen verbunden.  In Pirna auf der Wache gab es so viele Flüchtlinge, dass wir in eine Zelle für vier Mann, mit zwanzig eingesperrt wurden. Es war die Hölle. Stickig, schlechte Luft, Durst, Hunger und unbequem. Es gab keinen vernünftigen Sitzplatz, geschweige einen Liegeplatz.  Später habe ich gehört, es wurden die Reisende aus dem letzten Zug nach Prag rausgeholt. Teilweise wurden sie raus geprügelt.  Am späten Nachmittag wurde ich, mit viel zu vielen Mitgefangenen auf einem Mannschaftstransporter gepfercht und nach Dresden gebracht. Mit Handschellen gefesselt, wie Schwerverbrecher.  Wir wurden ins Polizeipräsidium in einem Schulungsraum verbracht, wie es im Beamtendeutsch hieß. Fast ein Tag war seit meiner Verhaftung ver-gangen und zu essen und zu trinken gab es immer noch nichts.  Vorne an einem Lehrertisch saßen immer zwei bewaffnete Beamte.  Wir durften nicht sprechen. Nur unsere Gedanken waren frei.  Da wäre ich schon mal gerne Gedankenleser gewesen. Ob meinen Leidensgenossen, auch so düstere Gedanken durch den Kopf gingen, wie mir. Wir alle hatten ja schon von den berüchtigten Stasigefängnissen gehört. Jeder kannte irgendwelche gruslige Geschichten von psychischer und physischer Folter, in diesen Horten der Barbarei. Wenn einer auf Toilette mußte, wurde er von einem bewaffneten Beamten mit Handschellen in der Toilette, an der Halterung für Klopapier an ge-schlossen. Die Halterung war sehr stabil und wohl dafür ausgelegt.  In der Nacht hörten wir dann von Krawallen am Hauptbahnhof.  Im Nachhinein habe ich erfahren, daß viele Demonstranten verhaftet wurden. Es waren so viele, das der Platz nicht reichte und sie auch in Garagen und anderen unwürdigen Orten eingesperrt wurde. Es ist zu Überschreitungen und Folter gekommen. Es kam Angst auf bei der Polizei, daß es noch zu mehr Unruhen kommt. Da reichten die normalen Beamten nicht mehr aus, um alles in den Griff zu bekommen. So wurden Schüler der Bereitschaftspolizei eingesetzt und die sollen besonders schlimm gewesen sein. Morgens wurden unsere bewaffneten Bewacher durch Bereitschaftspolizeischüler ersetzt, die nicht bewaffnet waren und wir wurden, bei Toilettengängen nicht mehr mit Handschellen gefesselt.  Dann gab es endlich auch was zu essen. Ein Verpflegungsbeutel mit einer Knackwurst, Brötchen und einem verschrumpelten Apfel. Dafür mußten wir zwei Mark zahlen.    Im Laufe des Tages wurden wir nach und nach verhört und wir wurden immer weniger. Es war eine grosse Unsicherheit, in unserer immer kleiner werdenden Gruppe. Wir wussten ja nicht, was mit den Anderen passiert, wurden sie wirklich nur verhört? Oder wurden sie wo anders hingebracht. Selbst als ich entlassen wurde. Wusste ich nicht, ob wirklich alle entlassen worden sind. Ich mußte eine Erklärung unterschreiben, daß ich keinen Fluchtversuch mehr unternehmen werde und daß ich einen neuen Ausreiseantrag stellen müßte, um raus zu kommen. Ohne diese Unterschrift wäre ich in Haft ge-nommen worden. Riesen gross war die Angst, da mir ja angedroht wurde: Es werde demnächst Anklage erhoben und ich müßte mich vor Gericht, wegen Republikflucht verantworten. Im Nachhinein, mit einem heutigen Wissensstand, hätte es mir noch grausliger werden müssen. Da gab es in der DDR schon Pläne für KZ's. Da wäre ich dann bestimmt gelandet.  Gut das es viele vernünftige Menschen gab und wir eine friedliche Revolution erleben durften. So bin ich nach Hause in einer leeren Wohnung angekommen.  Mühsam holte und suchte ich meine Möbel und Sachen wieder zusammen, die ja bei Freunden, Verwandten und Bekannten verstreut waren. Alles habe ich nicht wieder bekommen. Vor allen für mich hochwertige Dinge, die ich dringend brauchte.  Es vergingen Tage mit Angst und Hoffnung, wenn man die immer mächtiger anschwellenden Montagsdemonstrationen sah. Eine in Radebeul habe ich mit organisiert. Ich habe mit Freunden im Neuen Forum zusammen gearbeitet und wir wollten im Saal des Kraftwerksanlagenbaus eine Informationsveranstaltung abhalten. Wir waren überwältig von der grossen Resonanz. Der Saal war viel zu klein, für die vielen hundert Menschen. Da bot der Pfarrer der Lutherkirche an, seine Kirche zu öffnen. So erlebte Radebeul seine erste Montagsdemonstrationen, zur Lutherkirche.  Am 26. Oktober wird die Grenze zu CSSR wieder geöffnet.  Es begannen wieder Botschaftsbesetzungen. Wieder entschloss ich mich abzuhauen.  Wieder räumte ich, in einer Nacht- und Nebelaktion meine Wohnung leer. Am 8. November bin ich früh mit dem Zug nach Prag gefahren, um in die Botschaft zu gelangen. Ich und viele andere Fluchtwillige sind garnicht zur Prager Botschaft ge-kommen. Wir sind gleich am Bahnhof abgefangen worden und zu einem bereitstehenden Zug geleitet worden.  Nach zwei Stunden Wartezeit ging es los in Richtung BRD und dieses mal nicht über das Territorium der DDR.  Bei der Abfahrt haben viele ihr DDR-Geld aus dem Fenster geschmissen. Ich nicht. Ich habe später mein Kleingeld in einen Klingelbeutel vom DRK geworfen, die zum Sammeln durch den Zug liefen. Meine Geldscheine habe ich erst mal behalten, da ich ja garnicht wusste, was mich noch erwartete. Bei Schirnding sind wir mit unserem Flüchtlingszug auf Bundesdeutschen Territorium angekommen. War das ein Jubel auf dem Bahnhof. Wir haben uns in den Armen gelegen und viele haben wie die Schloßhunde geheult. Ich auch.  In Marktredewitz war Großer Bahnhof für uns. Es war ein toller Empfang. Es waren Tafeln mit allen möglichen Klamotten aufgestellt. Angefangen von Lebensmitteln, wie Bananen, Bekleidung und Kosmetikartikel. Die Leute haben sich wie verrückt auf die Tische gestürzt. Mir war das irgendwie peinlich, zu sehen, wie sich meine Landsleute wie Hamsterer benahmen. Also habe ich mich zurück gehalten und nur eine Banane gegessen.  Abends um halb Neun, wir waren gerade aus Marktredewitz abgefahren, ich hatte ja meinen Radiorecorder mitgeschleppt, hörte ich im Radio: „Die Mauer ist auf." Keiner wollte es so recht glauben, ich auch noch nicht. Um Neun Uhr zu den Nachrichten, war mein Wagon brechend voll. Alle wollten die tolle Nachricht hören, es lag eine gespannte Erwartung, in fra-genden Gesichtern.. Schon bei den Nachrichten, brach im Zug ein Jubel los. Es war der blanke Wahnsinn und sowas von Emotionsgeladen, das wieder alles heulte.  Auf einmal gab es sogar wieder was zu Trinken. Alle holten ihre Eiserne Reserven raus. Auch ich hatte noch eine Piccolo gebunkert.  In Bad Hersfeld war Endstation. Wir wurden mit Bussen in eine Bundes-wehrkaserne gekarrt. Der Aufenthalt hier, wäre auch eine Geschichte wert. So viele kaputte Typen.


leerbild04