Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Ingolf Bieselt: Freitag, der 13.10.1989 - Ein Glückstag

Für die Herbstferien haben wir bewusst das Visum für unsere Familie nach Ungarn beantragt, um die Weiterfahrt nach Westdeutschland zu wagen. Bei meinem erneuten Anruf am 13.10.1989, bei der VP-Dienststelle diesbezüglich, bekam ich eine positive Antwort. Das Visum müsse jedoch bis 13 Uhr abgeholt werden. Ich arbeitete in Dresden/Postplatz und musste zur VP-Dienststelle nach Radebeul/Ost. Also kurz entschlossen Dienstschluss und zum Trabbi. Der sprang nicht an, was tun? - Die S-Bahn, also im Laufschritt zum Bahnhof/ Neustadt den nächsten Zug in Richtung Meißen, vom Bahnhof Radebeul/Ost im Laufschritt zur VP-Dienststelle. Noch schnell atmend hielt ich das Visum in den Händen. Nun musste ich noch nach Hause nach Friedewald. Hierzu fiel mir spontan ein Arbeitskollege und sehr guter Freund in Radebeul ein. Erstmals habe ich nun auch vertrauenswürdige Freunde in unser Vorhaben einbezogen. Der Zeitdruck, wir hatten ganz einfach den Drang es nun endlich umzusetzen, ließ uns in diesen Stunden nicht mehr zur Ruhe kommen. Meine Frau erfuhr erst bei der Rückkehr von der Arbeit von dem Visum und nun ging es Schlag auf Schlag. Die Sachen wurden gepackt, schon unter dem Gesichtspunkt, dass die Weiterfahrt über Ungarn hinausgeht. Der Trabbi musste in Dresden/Postplatz abgeholt, noch Geld vom Sparbuch abgehoben und auch noch einiges davon getauscht, der Trabbi (wir sind mit dem Lada gefahren) noch an einen neuen Besitzer umgeschrieben werden, und...und...und!
Erst abends, unsere Kinder mit 9 und 11 Jahren waren schon im Bett, haben wir unsere Schwiegermutti sowie Schwager und Schwägerin in unser Vorhaben eingeweiht. Schwiegermutti war schwer herzkrank, da mussten wir etwas vorsichtig vorgehen. Wir wohnten alle unter einem „Dach", auf einem sehr schönen Grundstück, da war es schwer unsere Wünsche nach Reisefreiheit u.s.w. entgegenzusetzen.

Nach einer kurzen Nacht mit wenig Schlaf, sind wir dann am Samstag gestartet. Als Grenzübergang zur CSSR hatten wir Altenberg gewählt und vor uns nur zwei Autos. Diese beiden mussten rechts herausfahren und wurden gründlich kontrolliert. Sollte uns das auch passieren? Wir hatten zwar vorgesorgt und uns überlegt, was wir erzählen wollten. Aber trotzdem war das Risiko groß. Vor der Kontrolle gaben wir uns einen Hände-druck, und an den feuchten Handflächen spürten wir unsere Anspannung. Es ging alles gut und nach der ersten großen Kurve mussten wir erst mal anhalten und durchatmen. Bei der Weiterfahrt stellte sich ein Defekt am Lada ein und das am Samstagnachmittag. Keine Werk-statt war offen. So entschieden wir uns für einen Zwischenstopp bei einem Wanderfreund und standen spät abends bei ihm vor der Tür. Für die Freundschaft nicht unbedingt förderlich, aber er organisierte für Montagmorgen die Autoreparatur. Das inoffizielle Reiseziel gaben wir unseren Freunden nicht an und fuhren am Montag noch bei Bratislava über die Grenze nach Ungarn. Dort haben wir bei einer sehr netten älteren Frau übernachtet, die schon mehrere „Touristen" wie uns beherbergt hatte. Diese Information tat zwar gut, aber ich konnte wie bei der ganzen Tour nicht mehr als ca. 3 Std. in der Nacht schlafen, denn es gingen mir tausend Dinge durch den Kopf. Wir bekamen bei unserer Wirtin noch ein Frühstück und sind dann weiter zur ungarisch-österreichischen Grenze gefahren. Während uns die ungarischen Grenz-posten recht locker weiterwinkten, wurden auf der österreichischen Seite unsere Ausweise kopiert. Wir bekamen 200 Schilling Transitgeld; beim Roten Kreuz standen z.B. Kleidung und Verpflegung zur Verfügung. Eigentlich schade, dass wir keinen Gebrauch davon gemacht haben, denn erst später stellten wir fest, dass unser Sohn den rechten Schuh verloren hatte. Bei unserer Weiterfahrt unterbreiteten wir dann unseren Kindern, dass es keine Heimfahrt geben wird. Der größte Kummer war zunächst das Meerschwein, was bei der Omi nur zur Ferienbetreuung abgegeben war, da liefen Tränen. Da konnte auch die Fahrt vorbei an Wien und Linz nicht trösten. Für einen Abstecher hatten wir keine Muße und kein Geld. So kamen wir noch am Nachmittag an die Grenze zur BRD bei Passau. Es kam uns vor, als würden wir bereits erwartet. Mit Informationen zur Weiterfahrt, einschl. Kartenmaterial zum Auffanglager und einer Tankstelle zum kostenfreien Tanken, ging es weiter.

Da das Auffanglager in Passau bereits voll war, hatten wir als Anlaufpunkt Grafenau. Hier zogen wir in eine Kaserne vom Bundesgrenzschutz ein. Spätestens jetzt, beim Belegen der Betten in einem Mannschaftsraum mit ca. 20 Betten ging bei uns der Blutdruck etwas zurück und bei den Kindern kam Ferienstimmung auf, vor allem bei dem Anblick der Speisen und Getränke zum Abendbrot. Waren wir die ersten im Zimmer, so kamen im Laufe der Nacht immer mehr Ausreisewillige und belegten die restlichen Betten. Unser Sohn gab dann auch beim Früh-stück ganz laut seine Meinung kund: „Mönsch, das ist ja besser als im FDGB-Ferienheim" und brachte so alle Mann zum Lachen. Für die Erledigungen der notwendigen Formalitäten, waren alle Einrichtungen und Institutionen vor Ort. Vom Arbeitsamt bis zum Seelsorger, war alles vertreten. Während ich mich durch den „Bürokratendschungel" schlug, nahm meine Frau den telefonischen Kontakt zu ihren Cousinen in NRW auf.

Noch am Mittwochnachmittag, den 18.10.1989 waren alle Formalitäten erledigt und wir konnten ins Rheinland aufbrechen. Auf der Fahrt wurden uns z.B. Schilder aus vorbeifahrenden Autos gezeigt: „Erich Honecker zurückgetreten" Noch am Abend standen wir in der Gaststube von unseren Verwandten und feierten die Ankunft. Erste Kontakte entstanden und bereits am Freitag stellte ich mich in einem Ingenieurbüro vor.

Bereits am Montag, den 23.10.1989 fuhr ich dann mit unserem Lada, noch mit DDR- Schild, zu meinem neuen Job. Jetzt nicht über die Elbe, wie noch vor 10 Tagen, sondern über den Rhein. Als Wegweiser wurde mir die Flughafen-Autobahn genannt: „Immer Richtung Flug-hafen, gesagt getan, bis ich dann nur noch die Wahl hatte zwischen Ankunft und Abflug. Als ich dann einen Taxifahrer um Rat ansprach, kam prompt die Antwort: „Diese Ossis, kaum sind sie in der Freiheit, schon wollen sie wegfliegen"!

Dieser Herbst 1989 war für unsere Familie sehr, sehr aufregend und der Start in ein neues Leben, der uns recht gut gelungen ist. Natürlich gehört dazu auch etwas Glück!!! Wenn wir nun nach 19 Jahren zurück schauen, haben unsere beiden Kinder den Start in ein ordentliches Berufsleben geschafft und ihren neuen Freundeskreis gefunden. Für uns selbst ist der Freundeskreis eher kleiner, aber ausgeprägter und intensiver geworden, nur eben in der Heimat Sachsen geblieben!


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