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18. Oktober 1989 - Bundeskanzleramt
Wir erlebten - sicher als die einzigen DDR-Bürger (Journalisten ausgenommen) - den Rücktritt Erich Honeckers in Bonn am Bundeskanzleramt. Aus besonderem Anlass (runder Geburtstag meines Schwagers) weilten mein Mann Heinz (bereits Rentner) und ich in der BRD. Da es voraussichtlich unsere einzige gemeinsame Reise sein würde, hatten wir beschlossen, von dieser Reise nicht mehr in die DDR zurückzukehren. In Vorbereitung dieser Reise waren wir mit unserem Trabi weit raus in die Felder gefahren, um ungehörte, vorbereitende Absprachen zu treffen. Mir war diese Entscheidung schwer gefallen, hatte doch ein Kollege, der vorübergehend die Schulleitung übernommen hatte, das O.K. für diese Reise gegeben. Er würde also Schwierigkeiten durch mein Fernbleiben bekommen. Ich verstand aber auch meinen Mann, der mit den Zuständen in der DDR sehr unzufrieden war. Er befürchtete, dass es zu ähnlichen Aktionen durch die sowjetischen Truppen wie am 17. Juni 1953 kommen könnte.
Die Herbstferien 1989 kamen und wir traten die Reise an, die uns also auch nach Bonn führte. Am Mittwoch, den 18. Oktober 1989, machten wir einen Spaziergang am Bonner Rheinufer. Neugierig wie ich bin, sagte ich, hier müsse doch das Bundeskanzleramt sein. Wir gingen dorthin. Wie das Foto zeigt, standen dort viele Leute. Ich dachte, es sei eventuell eine Führung und so stellte ich mich dazu (kleine weibliche Person mit rosagesprenkeltem Shirt).
Plötzlich fingen die dort stehenden Männer an zu schimpfen, denn sie drängten auf das Gelände des Bundeskanzleramtes. Da sagte ein BGS (?)-Mann: "Das ist Anordnung vom Bundeskanzler!" "Und das, wo Erich Honecker zurückgetreten ist!" rief plötzlich ein vor mir stehender Mann. Ich rannte zu meinem Mann und der Cousine (auf dem Foto links stehend) und berichtete ihnen schnell davon und setzte hinzu: "Nun fahre ich wieder zurück und helfe mit, dass es anders wird!" Und flugs war ich wieder bei dem Journalistenpulk und fragte den vor mir stehenden Mann: "Ist das wahr, was Sie eben gesagt haben?" Er drehte sich zu mir um und sagt: "Sind Sie etwa aus der DDR?" "Ja!" "Und was sagen Sie zu seinem Nachfolger?" Ich entgegne: "Ich weiß doch gar nicht, wer das ist." Er: "Egon Krenz." Meine Reaktion: "Ach du großer Gott!" In dem Moment fährt der Regierungssprecher J. Klein vor, guckte aus dem Auto auf die Journalisten, die alle auf ihn einredeten und sagte zu ihnen: "Ich kläre das gleich mit dem Bundeskanzler." Es dauerte nur einen winzigen Moment und die Journalisten verschwanden allesamt im Bundeskanzleramt.
Nur ein Mann blieb draußen, mit dem wir dann ins Gespräch kamen. Er war von einem, uns damals noch nicht so bekannten Fernsehsender SAT 1 und zeigte uns ein Fax mit der Mitteilung über Erich Honeckers Rücktritt. Da haben wir es dann schwarz auf weiß gehabt. Allerdings hatte am Tag zuvor - also am Dienstag, dem 17. 10.1989 - groß in der Bildzeitung gestanden "Morgen Honeckers letzter Arbeitstag".
Wir reisten im total überfüllten Zug zurück in die DDR, mit sehr aufgebrachten Leuten, denn die "Grenzer" haben - trotz aller weltpolitischen Ereignisse - ihre schikanierenden Zollkontrollen durchgeführt. Alle raus aus den Abteilen und nur die zur Kontrolle "Ausgesuchten" blieben drinnen. Deshalb war es ja nun dringend notwendig, auch in Schwerin auf die Straße zu gehen, um dieses Stasisystem zu beseitigen.
Ingrid Rosenthal
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