Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Gabriele Weigmann: Ein Erlebnis der Rührung und der Freude

Meine Geschichte aus dem Herbst ’89 ist nicht besonders spektakulär, obgleich sie meine heutigen Mitmenschen in Niedersachsen durchaus bewegt und in ihren Bann zieht, wenn ich sie erzähle.

Bei uns in Haldensleben war damals alles ruhig, es gab keine Demos. Wir verfolgten die Geschehnisse vorm Fernseher. ARD und ZDF berichteten ja sehr ausführlich. Zu meiner kleinen Familie zählen Mann, 2 ½ jähriger Sohn und ich. Dass auch wir von den Ereignissen sehr bewegt waren und alles wie paralysiert verfolgten, möchte ich hier nur am Rande erwähnen.

Als es dann endlich soweit war und die Grenze geöffnet wurde, hatten wir erstmal keine Gelegenheit, die neue Freiheit auszunutzen, denn mein Dienstplan im Krankenhaus (bin Krankenschwester) ließ es nicht zu. Die langen Schlangen und stundenlange Wartezeiten an den Grenzübergängen wegen der Passkontrollen schreckten mich ab. Mir war es wichtiger weiterhin pünktlich jeden Tag zum Dienst zu erscheinen. So bin ich eben!

Wir wagten unseren ersten „Ausflug“ in den Westteil Deutschlands erst kurz vor Weihnachten, als der größte Ansturm schon vorbei war. Unser Ziel war die berühmte Autostadt Wolfsburg. Wir überquerten die Grenze damals mit unserem guten alten 25-jährigen Trabant (bis dahin unser ganzer Stolz) am Grenzübergang Marienborn/ Helmstedt. Wie selbstverständlich wurden wir, nachdem wir gehorsam unsere Papiere vorgezeigt hatten, durchgelassen durch die vorher unüberwindbare, monströse Grenze! Was für ein Gefühl! Ich habe bis heute keine Worte dafür gefunden.

So „knatterten“ wir in die Freiheit...Nach Wolfsburg zu kommen, war denkbar einfach, alles prima ausgeschildert. Trotzdem schafften wir es nicht, in der Innenstadt auf einen Parkplatz zu kommen, um dann zu Fuß die Stadt zu erkunden. Die Eindrücke waren so groß, dass mein Ehemann sich laufend an einer Kreuzung falsch einordnete und wir dann irgendwo in einem Ortsteil von Wolfsburg landeten, ich glaube, es war Versfelde. Da unser inzwischen dreijähriger Junge zunehmend unruhiger wurde, suchten wir dort einen Parkplatz und stiegen aus. Hier gab es ein kleines Einkaufszentrum mit Plus-Markt, kleinen Einzelhändlern und auch einem Postamt. Letzteres war berechtigt, uns das so genannte Begrüßungsgeld auszuzahlen. Das haben sich ja damals alle abgeholt. Mit dieser Tatsache überspielte ich das Gefühl, dass es mir eigentlich peinlich war, hier um Almosen zu betteln. Auch das bevorstehende Weihnachtsfest und ein mit tollen Dingen gefüllter Gabentisch für den Jungen ließen mich alle Zweifel wegwischen!

Nun standen wir da mit insgesamt 345 DM, wir hatten uns zu Hause auch die 15 DM pro Person von der Bank geholt, die man umtauschen durfte – was für ein Reichtum war das damals für uns. Wir beschlossen, zuerst bei Plus die heiß begehrten Südfrüchte und einige Süßigkeiten einzukaufen. Ich erinnere mich noch gut. Ich war wir erschlagen, als ich die Berge von Apfelsinen, Mandarinen, Bananen sah, dazu Früchte, die ich gar nicht kannte, Unmengen von Weihnachtsbeuteln, Kaffeepäckchen und und und! Wir kauften trotzdem nicht den ganzen Laden leer, sondern beschränkten uns auf einige Süßigkeiten für den „bunten Teller“.

In der Einkaufspassage gab es u.a. noch einen Laden mit Kinderkleidung und ein Sportgeschäft, die nebeneinander lagen. Vor dem Sportladen stand ein Ständer mit Fußballfanartikeln. Mein Mann betrachtete lange einen Schal von Eintracht Frankfurt, seinem Lieblingsverein für 19,99 DM. Ich liebäugelte mit den süßen Kinderschuhen von NIKE für 79,95 DM. So kamen wir mit den Ladenbesitzern ins Gespräch. Die netten Leute wollten viel über uns wissen, wie wir „da drüben“ leben, Beruf, Schulbildung, einfach alles. Gekauft haben wir dann doch nichts. Wir konnten uns einfach nicht entscheiden. Zuletzt wollte ich mir die Kindermode wenigstens mal ansehen. Lange stand ich unschlüssig vor den vielen farbenfrohen tollen Sachen. Was nehme ich bloß, einen hellblauen Pulli mit Michy Maus, oder eine fesche Jeans? Eine freundliche Verkäuferin machte mir die Entscheidung leichter. Sie suchte für meinen Sohn eine schicke Jeans heraus, eine Nummer größer, ganz wie ich es wollte, für stolze 24,99 DM. Mein Mann und ich waren gerade am Bezahlen, da ging die Ladentür auf und wer kam herein? – Die Ladeninhaberin von nebenan. Sie hängte meinem Mann den Schal von Eintracht Frankfurt um den Hals und drückte ihn von ganzem Herzen. Was für eine Geste! Nein, hier ging es nicht um das Geschenk! Mein Sohn bekam zu seiner Hose den hellblauen Pulli mit Micky geschenkt – wieder eine herzliche Umarmung! Ich weiß nicht, was die freundlichen Leute damals dachten oder fühlten, für mich war diese erste Ost/West-Begegnung einfach wunderbar und ist bis heute unvergessen. Auch jetzt noch nach fast 20 Jahren, während ich dies alles aufschreibe, muss ich mit den Tränen kämpfen, Tränen der Rührung und der Freude.

 


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