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Ich bin seit 1986 verwitwet und wohnte mit meinen beiden Söhnen (damals 20 und 17 Jahre alt) in einem Vorort von Berlin. Wir wohnten in einer Plattenbausiedlung in der 3. Etage, hatten eine 2 ½-Zimmer-Wohnung, einen „Trabi", eine Garage und ein Wassergrundstück am Kalksee. Ich selbst war 47 Jahre alt und arbeitete in einen Großbetrieb in der Verwaltung. Dies alles trug u. a. mit dazu bei, dass ich meine Verwandten, die in der ganzen BRD verstreut wohnten, zu bestimmten familiären Anlässen besuchen durfte. Ich war damals auch Schöffe auf dem Kreisgericht. Wir wurden vom Betrieb jährlich für 14 Tage für die Arbeit am Gericht freigestellt. Im September 1989 während dieses Einsatzes, nahm ich als Schöffe an einer Gerichtsverhandlung teil, die mich sehr zum Nachdenken anregte.
Ein Mann, der als Zivilangestellter bei der NVA (Nationale Volksarmee) tätig war, bekam die Genehmigung, anlässlich einer Familienfeier, seine Mutter in Bayern für 4 Tage zu besuchen. Als dieser Mann seine Fahrkarte am Schalter im „Ostbahnhof" löste, fragte er den Bahnbeamten, ob dieser Interzonenzug in „Berlin-Zoo" halten würde. Allein wegen dieser Frage wurde ihm evtl. Republikflucht unterstellt und er wurde für 1 Jahr und 5 Monate inhaftiert. Und dies, obwohl zur gleichen Zeit Rechtsanwalt Dr. Vogel (damaliger Regierungsvertreter) den Menschen, die sich in der Botschaft in Prag aufhielten, Straffreiheit zusicherte, wenn sie in die DDR zurückkehren würden.
Dann kam der 7. Oktober (40. Jahrestag der DDR) und in der Zeit danach verfolgten wir täglich mit Spannung die Nachrichten im Westfernsehen und erfuhren von den Montagsdemonstrationen in Leipzig und auch über Demonstrationen mit Festnahmen in Berlin. In den Tageszeitungen wurden jetzt auch schon ab und an Berichte über die Misere in der DDR geschrieben. In den Betrieben unter den Kollegen wurde viel darüber diskutiert, kurzum, die Leute redeten jetzt öfter über den immer schlechter werdenden politischen und wirtschaftlichen Zustand.
Als wir dann nach der Arbeit am Abend in den Nachrichten von ARD und ZDF hörten, wie viele DDR-Bürger wieder in die BRD geflüchtet sind, wurde ich unruhig. Unser Ort hatte ca. 12.000 Einwohner, d. h. unser ganze Ort war von einem Tag auf den anderen nicht mehr da. Und täglich wurden es mehr, die die DDR verließen.
Ich muss sagen, ich hatte nie den Gedanken die DDR zu verlassen. Was wir besaßen, haben wir uns mühselig angeschafft, das lässt man nicht einfach im Stich. Mir reichte es, dass ich ab und an in den Westen fahren durfte. Zu Ostern und Weihnachten bekamen wir von unseren Verwandten aus dem Westen Pakete geschickt und so störte es uns nicht weiter, dass es bestimmte Sachen schlecht oder gar nicht zu kaufen gab.
Aber ich machte mir Sorgen um meine beiden Söhne, die ja ihr ganzes Leben noch vor sich hatten. Ich machte ihnen den Vorschlag, doch über Ungarn nach dem Westen zu gehen und dort ihr Leben aufzubauen. Ich wollte dann später im Zuge der Familienzusammenführung nachkommen.
Am Montag, 06. Nov. 1989, erfuhren wir aus dem Fernsehen, dass wieder 22.000 Bürger die DDR verlassen hatten und wir sagten uns, so kann es nicht weitergehen. Die DDR-Führung lässt nicht zu, dass so viele Bürger weggehen und macht die Grenzen ganz dicht. Und so beschlossen wir an diesem Abend am kommenden Samstag, 11.11.1989, die DDR zu verlassen.
Einem guten Bekannten, der im Zuge der Familienzusammenführung die Ausreisegenehmigung für Ende des Jahres erhalten hatte (dazu waren 13 verschiedene Behördenstempel nötig), erzählte ich davon und er sagte: „Bis Samstag könnt ihr nicht warten, die machen die Grenzen eher dicht, bei den Massen, die täglich die DDR verlassen." Ich hatte aber Angst, bereits an der Grenze nach der damaligen CSSR festgehalten und verhaftet zu werden. Da der Bekannte am Donnerstag nach Prag fahren wollte, bot er mir an, mich über die Grenze zu begleiten.
In Pirna bei Dresden wohnte damals meine 79-jährige Mutter. Und so beschlossen wir, am Mittwoch nach der Arbeit zu meiner Mutter zu fahren und am Donnerstag, 09.11.1989, früh über die CSSR in die BRD zu gehen. Zur damaligen Zeit war es so, dass niemand davon wissen durfte, wenn man die DDR verlassen wollte, da davon Wissende diversen Repressalien ausgesetzt waren. Weiterhin wurde alles was man an Eigentum zurückließ vom „Vater Staat" beschlagnahmt.
Mein älterer Sohn fuhr damals einen gebrauchten „Lada" und ich einen „Trabant-S". Am Dienstag, 07. Nov. 1989, gingen wir drei wie gewohnt zur Arbeit. Nach der Arbeit tauschten wir auf der Notenbank für 3 Tage tschechische Kronen ein und packten jeder eine Sporttasche mit Wäsche für 3 Tage. Da wir nicht alles zurücklassen wollten, sagte mein älterer Sohn seinem Freund Bescheid, der kam um 22.00 Uhr mit seinem Pkw mit Hänger und holte diverse Sachen aus der Garage ab. Danach noch diverse Sachen (Wäsche, Geschirr usw.) aus der Wohnung. Das ganze dauerte bis Mittwoch Morgen 2.30 Uhr. Das alles musste ganz still und leise vor sich gehen, denn wie schon gesagt, wohnten wir in der 3. Etage in einem Plattenbau mit 10 Aufgängen (100 Familien) und keiner durfte davon wissen. Den Farbfernseher packte mein Sohn in den Kofferraum seines Wagens, den sollte meine Mutter bekommen. Ich packte noch einen Koffer und zwei Reisetaschen mit diversen Sachen und persönlichen Papieren, die wir bei meiner Mutter lassen wollten, damit sie uns diese bei ihren nächsten Besuchen in der BRD mitbringen konnte. Sie war ja Rentnerin und konnte jederzeit fahren.
Am Mittwoch auf der Arbeit sagte ich, dass ich noch 5 Tage Resturlaub habe, die ich benötige, da meine Mutter in Pirna krank sei und ich nach dem Rechten sehen müsse. Ich bekam auch die Genehmigung. Der schlimmste Augenblick war für mich, als ich mich bei meinen Kollegen zum Dienstschluss verabschiedete und wusste, dass ich sie belüge und nicht wiedersehen werde. Meiner Nachbarin gab ich den Wohnungsschlüssel und sagte ihr, dass wir die DDR verlassen und nach drüben gehen wollen. Ich hätte noch 5 Tage alten Urlaub und sie hat bis Dienstag Zeit, sich aus der Wohnung zu hohlen, was sie brauchen könnte. Danach fuhren wir nach Pirna zu meiner Mutter. Ihr musste ich erst mal schonend beibringen was wir vorhaben. Bis 2.00 Uhr nachts besprachen wir alles miteinander.
Am Donnerstag, 09.11.1989, um 6.00 Uhr früh machten wir uns auf den Weg. Mein älterer Sohn, der einen „Lada" fuhr, um über den Grenzübergang Schöna/Schmilka in die CSSR zu fahren. Mein jüngerer Sohn und ich fuhren mit dem „Trabant" zum Grenzübergang Altenberg/Zinnwald. In der CSSR in Dubi wollten wir uns treffen. Es war ausgemacht, dass in Dubi gewartet wird, egal wie lange es dauert. Kurz vor der Grenze Altenberg/Zinnwald warteten wir auf meinen Bekannten, der mich mit meinem Sohn mit über die Grenze nehmen wollte. Diese Wartezeit war die erste Mutprobe für mich, denn der Bekannte kam nicht. Ich glaube, wenn ich allein gewesen wäre, ich hätte vor Angst wieder die Heimreise angetreten. Zum Glück hatte ich meinen Sohn bei mir. Mit einer knappen Stunde Verspätung kam dann mein Bekannter. Ihm war auf der Autobahn der Keilriemen gerissen und er musste erst einen neuen aufziehen.
Als wir zur Grenze kamen, wurden unsere Papiere ganz normal kontrolliert und uns eine gute Weiterreise gewünscht. - Mir fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt mussten wir nur noch meinen älteren Sohn treffen, dann konnte nichts mehr schief gehen! In Dubi wartete schon mein Sohn auf uns. Wir verabschiedeten uns von meinem Bekannten und fuhren über Karlovy Vary Richtung BRD. Um 11.30 Uhr stockte der Verkehr und es ging stop and go Richtung Grenze, die wir ca. 15.30 Uhr erreichten. In Schirnding wurden wir ganz herzlich begrüßt, bekamen etwas zu Essen und warme Getränke. Dann wurden wir auf verschiedene Auffanglager verteilt. Mit einem Lageplan mit Wegbeschreibung fuhren wir nach ca. 1 Stunde weiter nach Staffelstein. Hier trafen wir gegen 17.30 Uhr ein. Das Gebäude war für 400 Personen ausgelegt. Es waren viele junge Leute mit Kleinkindern anwesend, die sofort mit Textilien und Kinderwagen, Spielzeug usw. von den Mitarbeiterinnen des DRK ausstaffiert wurden.
Im Vorraum waren 2 Telefone installiert, von denen wir kostenlos Verwandte anrufen durften. Nach dem Abendbrot erhielten wir noch einige erste Informationen von Mitgliedern des BGS (Bundesgrenzschutz). Da die letzten Tage für alle sehr anstrengend und aufregend waren, gingen wir bald zu Bett.
Am nächsten Morgen, 10. Nov. 1989, installierte man im Speiseraum einen Fernseher und wir sahen die Bilder von der „Öffnung der Mauer" in der letzten Nacht. Es herrschte Totenstille - wir konnten nicht begreifen, was wir da sahen! -
Wir fuhren von Berlin Richtung Osten nach Dresden, über die CSSR bis nach Schirnding, um später endlich bei unseren Verwandten in Raum Hannover anzukommen und unser neues Zuhause aufzubauen. Mussten weiterhin alles stehen und liegen lassen und hätten einen Tag später direkt von Berlin nach Hannover mit Hab und Gut fahren können! So etwas nennt man wohl „Schicksal". Und doch sind wir alle glücklich, dass wir diesen Schritt getan haben.
Ich muss abschließend noch folgendes zu der Ausreise sagen:
Wir hatten uns jeder den Versicherungsausweis mit Pflaster auf dem Körper befestigt, falls wir dieses Dokument für die Arbeitssuche benötigen würden. Als meine ältester Sohn an der Grenze Schöna/Schmilka kontrolliert wurde, musste er den Kofferraum öffnen. Beim Bücken löste sich das Pflaster und sein Ausweis fiel auf den Boden. Nun dachte er, dass alles vorbei sei und er festgenommen wird. Doch der Zollbeamte sagte zu ihm: „Na, sie wollen uns wohl auch verlassen? Ich wünsche ihnen eine gute Reise."
Als mir das mein Sohn erzählte ist mir erst klar geworden, dass ich mit keiner Silbe daran gedacht hatte, was machen wir, wenn einer von uns an der Grenze festgenommen wird? Aber zum Glück ist ja alles gut gegangen. |
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