|
Auszug aus dem gleichnamigen Buch: „Und plötzlich tickt die Uhr ganz anders - Tagebuchaufzeichnungen aus der Wendezeit 1989"
Über den ersten Einkaufsbesuch in der BRD
Montag, 20. November Pünktlich mache ich mich schon am frühen Morgen auf den Weg, um den Zug in Richtung Westen nicht zu verpassen. Tausende Menschen drängen sich bereits 15 Minuten vor der Abfahrt des Zuges an der Bahnsteigkante – Zugeinfahrt – eine unaufhaltsame Menschenmasse setzt sich in Bewegung – rücksichtslos wird geschoben und gedrängelt. Weinende Kinder! Stöhnende alte Frauen und Männer – aber jeder ist sich selbst der Nächste, keiner möchte zurückbleiben, jeder hat nur ein Ziel: möglichst schnell, und zwar mit diesem Zug, in den Westen zu gelangen. Die Abteile und Gänge sind so vollgestopft, dass es mir nicht gelingt, auch nur einen Arm oder ein Bein zu bewegen. Jetzt weiß ich, was es heißt, wenn ein Zug 300%ig besetzt ist. Ca. 40 Minuten Fahrt (auf die Uhr kann ich nicht sehen). 20 Minuten Aufenthalt in Maienborn. Eine Kontrolle ist unmöglich und es wird auch gar kein Versuch unternommen, eine durchzuführen. Nach Anfahrt des Zuges kein Rucken und Holpern mehr, zügig rauschen die Waggons über die Schienen. Neugierige Blicke aus den Fenstern von denen, die vorne stehen, und die Mitteilung an die anderen: „Wir sind im Westen, man sieht es an den Häusern!“ Bahnhof Helmstedt – das Aussteigen ist nahezu unmöglich, denn die meisten wollen nach Braunschweig, jedoch ist keiner bereit, das Abteil zu verlassen, aus Angst davor, dass der Zug ohne ihn wieder abfahren könnte. Endlich habe ich mich zur Tür vorgekämpft und es gelingt mir auszusteigen. Ich weiß noch nicht genau, wo ich hin will und folge unwillkürlich einer riesigen Menschenmenge, die sich stadteinwärts bewegt. Oh, wie schön und imposant dieses Städtchen ist, es wirkt wie im Bilderbuch, sauber und bunt. Die Geschäfte vollgestopft mit Waren, übersichtlich und dekorativ angeboten. Ich bleibe vorm Obstgeschäft stehen und sehe erwachsene Menschen, die mit staunenden Kinderaugen das bunte Geschäftstreiben verfolgen. Doch zunächst scheinen die „Besucher“ alle das gleiche Ziel zu haben: Abholen des Begrüßungsgeldes! Ich trabe immer der Menge hinterher und sehe eine Schlange, die mindestens 500 Meter lang ist. Ich zögere einen Moment und reihe mich dann ein. Mir wird bewusst, wie oft ich in meinem Leben schon in der Schlange stehen musste, um für mein schwer verdientes Geld etwas kaufen zu können. Warum sollte ich mich jetzt, wo ich zum ersten Mal etwas geschenkt bekommen sollte – und noch dazu 100 DM – nicht anstellen? Ich stehe in der Reihe und kämpfe mit einem inneren Zwiespalt. Widerspruch zwischen Stolz und Demut. Die Gier nach Besitz siegt, ich bleibe stehen. Am Schalter angelangt, ein freundliches Gegenüber, das meine Unsicherheit zu bemerken scheint. Sie reicht mir 100 funkelnagelneue DM herüber und wünscht mir einen schönen Tag, so als wäre das eben Geschehene das Normalste der Welt, ohne jegliche Geringschätzung oder Überheblichkeit für mich. Eine Unterschrift – fertig. Dankbar nehme ich den Schein entgegen, er fühlt sich richtig steif an – schönes Papier – anders als das, was ich kenne. Erleichtert, neugierig und glücklich ziehe ich los. Die Zeit, sich lange umzuschauen, ist nicht vorhanden, denn tief in meinem Innern macht sich bereits ein wenig Sorge um die Heimfahrt breit. Vielleicht sind die Züge auf der Rückfahrt noch mehr überfüllt, denn die leeren Taschen sind da schließlich prall gefüllt. Ich gehe in die Geschäfte und konzentriere mich ausschließlich auf Sonderangebote. Die Aufmachung, Fülle und Farbenpracht sind überwältigend. Ich kaufe kosmetische Artikel, Seife, Duschbad, Creme, Deo, alles natürlich in doppelter Ausführung, denn ihr lieben Eltern, die ihr bisher nur Entbehrungen auf euch nehmen musstest, sollt auch ein „Stückchen vom Westen“ haben. Ich kaufe gezielt alles, was Freude macht, egal wie alt man ist. Zuletzt noch zwei Tafeln Schokolade, meine Tasche ist voll und 50 DM habe ich noch im Portemonnaie. Ich stehe auf der Straße, es ist winterlich kalt, für eine Tasse Kaffee und einen Sitzplatz in dem hübschen kleinen Restaurant wäre das Westgeld viel zu schade. Ein letzter Blick – zurück zum Bahnhof.
Sollte dieser Beitrag Ihr Interesse geweckt haben, lesen Sie mehr in:
Maria Segro: Und plötzlich tickt die Uhr ganz anders, Tagebuchaufzeichnungen aus der Wendezeit 1989. Fieling. 2008.
|
|

Cover des Buches
|