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Erinnerungen an die Jahre der Wende, die Jahre, die die Wiedervereinigung Deutschlands herbeiführten.
Die Glocken hatten das Jahr 1989 eingeläutet. Das politische Klima hatte sich durch die Ereignisse in der damaligen Sowjetunion auch in der DDR gewandelt. Erste Reiseerleichterungen zwischen Ost und West traten in Kraft. Meine Cousine „2.Grades" Renate John lud uns zu ihrem 60. Geburtstag am 24. März 1989 nach Westberlin ein. Da begann der Hürdenlauf mit der noch funktionierenden Bürokratie der DDR. Neben einem guten Leumund galt es nun, eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Arbeitgebers vorzulegen. Dann ging es hin zur Anhörung bei der hiesigen Polizeistelle. Der Polizeibeamte, ein in Wiek aufgewachsener Junge, ein Herr Karsten B. markierte den starken Mann. Da hieß es dann abschließend, der Herr Alwert dürfe fahren, seine Frau Christa dürfe weiter das häusliche Heim hüten. Wir sagten damals „Geiselhaft" dazu. Mit den nötigen Stempeln und Vermerken ging es nun auf die Reise gen Westberlin, in den Stadtteil Kladow/Bezirk Spandau. In Berlin-Lichtenberg angekommen, hieß es nun sich in der Grenzübergangsstelle Berlin-Friedrichstraße einzufinden, ein im Volksmund genannten „Palast der Tränen". Riesiges Gedränge unter den strengen Augen der Grenzbeamten. Man fühlte sich wie ein Schaf in einer großen Herde - und diese Herde wurde nun in mehrere dicht nebeneinander liegende Schleusen gedrückt. Es ging zur Einzelabfertigung. Die Tür ging auf, ein schmaler abgeschlossener Raum tat sich auf, die Papiere wurden einem streng dreinschauenden Beamten gereicht. Standardfragen und prüfende Blicke ließen unangenehme Gefühle - Gefühle eines Untertanen - aufkommen. Doch dann der ersehnte Ausreisestempel, die nächste Tür ging auf und weiter ging es dann endlich unter den strengen Blicken der breitbeinig dastehenden Grenzoffiziere auf den S-Bahnsteig Richtung Westen. In Berlin-Spandau angekommen hieß es sich dort anzumelden und das Begrüßungsgeld von 100 DM in Empfang zu nehmen. Eine ganz neue Welt stürmte auf den Neuankömmling ein. Unvergessen bleibt für mich bis heute der Anblick der Grenzbefestigungsanlagen und im Besonderen das triste Bild des Potsdamer Platzes von einer erhöhten Aussichtsplattform aus gesehen. Mit vielen neuen Eindrücken kehrte ich dann Ende März wieder wohlbehalten heim - und zu Hause gab es viel zu erzählen!
September 1989: Wir hatten zum Monatsende einen FDGB-Ferienplatz in Oybin/Zittauer Gebirge erhalten. Oybin liegt in unmittelbarer Nähe der tschechischen Grenze. Die politische Lage in der DDR wurde immer instabiler. Ungarn hatte die Grenze nach Österreich aufgemacht, die ersten Flüchtlinge strömten in die Botschaft der BRD in Prag. Der 40. Jahrestag der DDR stand vor der Tür. Wir schrieben den 07.Oktober 1989. Statt zu der groß angekündigten Festveranstaltung im FDGB-Heim, gingen wir an diesem Abend zu dem Erntedankfest in der dortigen Kirche. Erstaunt hörten wir die regimekritischen Ausführungen des Pfarrers. Der Pfarrer war der spätere Innenminister des Landes Sachsen, ein Herr Eggers. Über die Rezeption des Ferienheimes hatten wir eine Busreise nach Prag gebucht. Einen Tag vor diesem Ausflug hatte die damalige Tschechoslowakei die zwischenzeitlich geöffnete Grenze wieder dicht gemacht. Es wurde eine Ausnahme gemacht. Wir durften nach strenger Kontrolle an der Grenze trotzdem fahren. Jugendliche Fahrgäste durften nicht mit. In Prag angekommen, bot sich unseren Augen ein Bild der Unordnung auf den Straßen. Überall standen kreuz und quer die Trabants, Wartburgs und Ladas mit DDR-Kennzeichen - fluchtartig verlassen - die Türen noch auf - Decken und Nuckelflaschen durcheinander auf den Rücksitzen - die ersten Ersatzteile wurden von den Einheimischen abmontiert. Das war der Anfang der Massenflucht in die Deutsche Botschaft.
Wochen später hatten diese Ereignisse auch unsere Familie eingeholt. Unsere Tochter Birgit mit ihrem 6-jährigen Sohn Peter und ihrem Lebensgefährten machten sich auch per Bahn auf die Reise gen Prag - die Grenze war wieder kurzzeitig geöffnet. Sie kamen nicht weit. In Pirna wurden sie wie Vieh aus dem Zug getrieben und ab ging es im Sammeltransport ab Dresden wieder heimwärts. Das hatte sich alles von einem Spätnachmittag bis zum Morgen des nächsten Tages ereignet - und so konnte unsere Tochter an dem besagten Morgen wieder pünktlich auf ihrer Arbeitsstelle im Sanatorium Bad Wilsnack erscheinen. Von dem nächtlichen Abenteuer hatte keiner etwas bemerkt. Der 2. Anlauf per PKW klappte dann. Die Zustände in der Deutschen Botschaft in Prag waren natürlich nicht die besten. Mütter mit Kindern hatten ein Dach über dem Kopf, die Männer hatten ein Provisorium im Freien. Per Bahn erfolgte dann die Ausreise in den Westen. Der kleine Peter erzählte mir dann später in Neumünster emotionsgeladen von dieser Ausreise: Maschinengewehre an der Grenze, das DDR-Geld flog aus den Fenstern, Deutschland-Rufe. Es waren sorgenvolle Tage für uns als Eltern. Der „Ausflug" endete glücklich in Neumünster, wo ihnen Verwandte des Lebensgefährten den ersten Halt gaben. Bei unserem ersten Besuch staunte ich über die moderne Heiztechnik - kein rauchender Schornstein. Kannten wir doch nur Braunkohle und Brikett. Ich ahnte damals nicht, dass dieser Standard schon 4 Jahre später Realität in unserem Haus in Wiek war. So rasant war die Entwicklung.
Anfang des Jahres 1990 folgten wir der Einladung unserer Verwandten in das damalige noch Westberlin - und diesmal per PKW einschließlich unseres Sohnes Peter. An der Grenze noch die formalen Kontrollen, allerdings sehr oberflächlich. Auf die Frage eine Grenzers, ob wir zu verzollende Ware bei uns führten entgegneten wir: „Wir nehmen außer einem Schnupfen nichts mit." Ein verdutztes Gesicht. Kommentarlos ließ er uns passieren. Wir erlebten dann hautnah in der Nähe des Reichstages wie die Mauer fiel. Mit Hammer und Meißel waren die Souvenirjäger dabei, die Mauer zu demontieren. Große Löcher taten sich auf. Die noch anwesenden Grenzsoldaten stellten sich zu Fotoschnappschüssen mit den Touristen in diese Öffnungen. Es herrschte eine Stimmung wie auf einem Straßenfest. Uniformstücke der Nationalen Volksarmee der DDR und der Roten Armee der Sowjetunion wurden auf Trödlerständen angeboten.
Erhabend erlebten wir auch die Grenzöffnung zwischen dem Stadtteil Kladow im Bezirk Spandau und dem Ortsteil Glienicke in der noch damaligen DDR. Menschenmassen hüben und drüben. Nachdem sich die Schlagbäume gehoben hatten, passierte als Erster ein Hund von Ost nach West! Dann gingen die offiziellen Vertreter aufeinander zu. Die Begrüßung zwischen dem Polizeipräsidenten von Spandau und dem Grenzkommandeur der Ostberliner Seite war so herzlich, dass man annehmen musste, dass sie sich schon kennen. Da hatte die Menschlichkeit über das bornierte Verhalten der DDR-Politiker aus der Vergangenheit gesiegt. Während unseres weiteren Aufenthaltes erhielten wir als Geschenk Eintrittskarten für die Grüne Woche am Messegelände. Die D-Mark war noch nicht in unseren Geldbörsen. Nur kleine Geschenkgaben waren darin und so hatten wir uns, mit Stullenpaketen bewaffnet, in dieses Getümmel gestürzt. Als wir uns nicht beobachtet fühlten, stellten wir uns in eine Ecke fern des Trubels, teilten uns eine Tasse Kaffee zu 2,50 DM und ließen uns die Stullen schmecken. Wir kamen uns schon etwas komisch vor. Mit vielen neuen Eindrücken aus dieser für uns so neuen Welt kehrten wir wieder Heim. Unsere nette Gastgeberin in Kladow war Renate John. Dafür noch ein Dank an dieser Stelle.
Im Laufe der Zeit entkrampfte sich das Verhältnis zwischen Ost und West immer mehr. Die Machtstrukturen der DDR zerfielen zusehends. Ein Raunen ging durch das Land. Jeder Bürger der noch formell existierenden DDR vom Baby bis zum Greis erhalte beim erstmaligen Besuch der Bundesrepublik einschließlich Westberlin ein Begrüßungsgeld von 100 D-Mark - für unsere damaligen Verhältnisse viel Geld. [...]
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Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Matthias Erler.
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