Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Gabriele Henning: Eine Demostration in Schwerin

Bei uns in Schwerin ging alles etwas später los. Wie wir Mecklenburger so sind, denn von meiner Freundin aus Leipzig bekam ich nach der Leipziger Demo schon bald einen Anruf, da sie meinte, der Norden schläft. Aber das Gegenteil war der Fall, denn unser Freund Martin Klähn war schon im September bei der Gründerveranstaltung in Berlin-Grünheide mit dabei, nicht eingeladen, aber trotzdem eisern, beharrte er auf Einlass!

Am 2. Oktober planten wir dann eine größere Veranstaltung, da uns bisher nur kleinere Wohnungen zur Verfügung standen, aber immer mehr Menschen unzufrieden waren und dazu auch stehen wollten. Sie wollten sich einbringen und hatten tausend Fragen. Als der Zeitpunkt der Veranstaltung näher rückte merkten wir, dass auch der Gemeinderaum lange nicht ausreichen würde und so mussten wir in die Paulskirche ausweichen, die schnell gefüllt wurde. Viel sprachen ihre Ängste aus, aber wir merkten, dass auch die Stasi längst unter uns war.

Ich kam vom Dienst im Krankenhaus und hatte bereits große Angst, irgendwie war die Luft geladen. Man merkte, dass große Verantwortung auf uns allen liegt. Nur keine Gewalt! Wir wollten alles aufs Spiel setzten, die Schulausbildung der Kinder, unsere beruflichen Chancen, nur unser Leben nicht!

Darauf folgten politische Auseinandersetzungen und Aussprachen in den Betrieben. Wir im Krankenhaus waren Vorreiter. Dort konnten uns die Machthaber nie so vereinnahmen wie in den Produktionsbetrieben, dort gab es schon immer eine gewisse Freiheit. Und wir merkten bald, dass wir sehr viele waren und immer mehr wurden.

Am 23. Oktober fand die erste Demonstration statt. Wir Christen gingen in den Dom, die anderen zogen auf den „Alten Garten“ vor dem Theater. Wer zu spät kam, konnte nicht mehr hinein. Bei diesem Friedensgebet, in den Wochen vorher fanden die Friedensgebete ebenfalls statt, doch war dort die Beteiligung noch gering, hatten wir ein gutes Gefühl. Als es dann auf die Straße ging, die anderen vom Theater kamen, wir immer mehr wurden und sich überall Menschen anschlossen, wich allmählig die Angst. An Stelle der Angst trat nun der Mut. Wir sind das Volk, nicht mehr irgendwelche Insassen, die zu funktionieren haben, damit sie wenigstens das Gnadenbrot vom Staat bekommen.

Die nächsten Tage waren sehr kurz, denn wir mussten wachsam sein, damit die Genossen nicht zurückschlagen, sich all ihre Macht wieder zurückerobern konnten. Deshalb war ich auch so glücklich, dass sich die Bundesregierung unter Helmut Kohl so schnell für die Wiedervereinigung entschlossen hatte. Alles andere wäre zum Scheitern verurteilt gewesen.

Auch die Freude und Herzlichkeit bei den ersten Kurzbesuchen in Hamburg und Lübeck bleiben mir immer in Erinnerung. Mögen wir dies nach 20 Jahren wieder erobern in uns und mit den anderen Menschen, dann bleibt die Wende immer ein Segen! Wer unzufrieden ist, soll sich einmischen, immer und immer wieder, er kann und darf es jetzt.


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