Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
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Lisa Heller: Raus aus der DDR! Doch - Wie?

Notizen einer Flucht von Schwerin DDR über Budapest UNGARN nach München DEUTSCHLAND

Winter 1988
Raus aus der DDR – aber wie? Meine Kinder, sind in die Fluchtpläne eingeweiht. Wie mein Blick sich mit den Jahren schärfte und ich erkannte mit welcher Brutalität und Verlogenheit das DDR System aufrecht erhalten wurde, so ist auch der Blick meiner Kinder immer kritischer geworden.

Berlin, 6.Dezember 1988
Ich fliege mit dem Flugzeug nach Budapest. Visum für 3 Tage. Das scheint den Kontrollorganen suspekt. Sie kontrollieren sogar die Träger der Reisetasche, wollen sie auftrennen. Ich habe zwei Bücher dabei, die mir bei meinem Vorhaben helfen sollen. Das eine klingt sehr unverfänglich: 10 Millionen Kinder – Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich von Erika Mann. Das Buch, das mir einst die Augen über die DDR öffnete.  Der Inhalt fließt in meine Briefe ein. Bei einem Freund meiner holländischen Tante wohne ich. Er wundert sich, dass ich die Nächte wach bin. Ich schreibe. Schreibe an unsere Freunde und Verwandten in den Ländern, wo keine Briefe von der Staatssicherheit kontrolliert und geöffnet werden. Deshalb bin ich in Budapest.  Meine Absender sind fingiert. Ich hoffe, die Nachricht erreicht die Freunde und Verwandten. Die Nachricht, dass wir raus aus der DDR wollen und noch nicht wissen wie. Vielleicht wissen sie einen Weg.

Schwerin, Jahreswechsel 88/89
Mit meiner Tochter stehe ich im Nebel um Mitternacht am Schweriner See. Aus den Jackentaschen holen wir Piccolo und Gläser. Der Sekt rauscht in die Gläser und wir stoßen auf die Flucht an. Wir wissen, was wir wollen. Raus! Noch wissen wir nicht – WIE.

Schwerin, 2. Februar 1989
Kalinin – Schule. Tage der Wehrbereitschaft für die Schüler dieser und aller Schweriner Schulen.
8.30 Uhr Eröffnungsappell in vormilitärischer Ausbildungsuniform. Im Schulflur hängt ein Schild: Ordnungsübungen: Marschieren, Geländeausbildung, Sanitätsausbildung. Ich spreche mit dem Direktor dieser Schule, um meinen Sohn von diesen militärischen Ausbildungstagen zu befreien. Ich möchte nicht, dass mein Sohn gerüstet wird gegen einen imaginären Klassenfeind zu kämpfen. Dieses widersinnige Affentheater, die Kinder und Jugendlichen mit Gasmasken durchs Gelände zu scheuchen, verabscheue ich.
Beim Direktor habe ich, wie ich glaube, eine kaum abzuschlagende Entschuldigung: Mein Sohn soll in den Winterferien seiner gehbehinderten alten  Großmutter die Kohleneimer vier Stockwerke hoch tragen. Deshalb kann er nicht an der Wehrbereitschaft teilnehmen.
Der Direktor: Die Tage der Wehrbereitschaft sind Pflicht! Sie schließen den Unterricht im Fach Wehrkunde ab. (Dieses Fach wurde auf den Zeugnissen verheimlicht.) Alle Schüler, soweit sie gesundheitlich in der Lage sind, nehmen daran teil, ohne Ausnahme.
Ich hörte, dachte und hatte schon lange entschieden: Ich werde mit meinen Kindern dieses Land verlassen. Weg von militanter Erziehung seit dem Kindergartenalter. Meine Kinder sollen die Chance erhalten, andere Lebensmöglichkeiten kennen zu lernen.
Raus aus der DDR! Doch – wie?

Schwerin, 2. Mai 1989
Westfernsehen. Unglaubliche Bilder aus dem sozialistischen Bruderland Ungarn. Ein ungarischer Soldat durchschneidet im Beisein von Fernsehkameras aus aller Welt den Grenzzaun zu Österreich. Ein Loch im Eisernen Vorhang! Ein mögliches Schlupfloch, wie die Grenze zu Westberlin vor dem Mauerbau 1961.
Meine Kinder waren längst mit den Fluchtplänen einverstanden. Es geht über Ungarn.

Berlin, Mai 1989
Unter den Linden bin ich verabredet. Bin früher da. Interessiert betrachte ich eine große Fotostrecke über soziale Einrichtungen in Großbritannien und bin fasziniert und völlig in das Betrachten versunken. Plötzlich bemerke ich, dass rechts und links neben mir Polizisten jeden meiner Schritte spiegelgleich mitgehen. Amüsiert probiere ich es aus: Vor, zurück, zur Seite. Tatsächlich. Sie kleben fast an mir. Angst schleicht langsam in mir hoch. Was soll das? All meine Flapsigkeit ist dahin. Sie begleiten jede meiner Bewegungen. Bin ich schon gefangen? Da erkenne ich das Schild: Botschaft Großbritannien. Mit einem irren Lachen löst sich meine Spannung. Die Polizisten glauben wohl, ich nehme Anlauf (wie damals viele hilflosen DDR-Eingesperrte), um in die britische Botschaft zu springen. Schrill lachend löse ich mich aus diesem Tanz. Glücklich sehe ich meine Verabredung. Aber da heule ich erst mal meine ganze Angst heraus. 

Schwerin, 2. August 1989
Das Schleswig-Holstein-Musikfestival gastiert mit Justus Frantz zum erstenmal in Schwerin. Viele meiner Freunde sind da. Und beim 5. Klavierkonzert von Beethoven verabschiede ich mich von ihnen. Ein Abschied wahrscheinlich für lange Zeit. Fast wie sterben. Jeden Einzelnen umarme ich in Gedanken, danke für seine Zuneigung und bitte um Verzeihung, dass ich flüchten muss.

Schwerin, 22. August 1989
Wir schließen unsere Wohnungstür ab. Wir schließen einen Lebensabschnitt ab und verlassen dieses Land. Auf dem Flughafen Schönefeld steuert ein Polizeiwagen direkt auf uns zu. Ängstlich flüstert mein Sohn: Sie wissen was wir vorhaben. Ich fasse seine Hand fester: Sie können uns nichts beweisen. Es weiß niemand was wir vorhaben. Wir fahren in den Urlaub.
Das Polizeiauto bremst scharf kurz vor uns. Aber es war nur eine leere Drohgebärde. Wir fliegen nach Budapest.

Budapest, 23. August
Schnurstracks fahren wir zur Botschaft der Bundesrepublik Deutschland. Dort hoffen wir auf Hilfe. Doch die Botschaft ist geschlossen. Ich nehme nur das geschlossene Tor, den Klingelknopf und das Wachhäuschen mit dem ungarischen Soldaten wahr. Hinter uns stürmen vier junge Leute ebenfalls auf die Botschaft zu und fallen förmlich auf den Klingelknopf. Wie der Griff nach einem Rettungsring, denke ich. Ein Botschaftsmitarbeiter reicht uns Flugblätter durch das Torgitter. Darauf steht der Weg zur Kirche der Heiligen Familie im Stadtteil Zugliget. In der Garage hinter dieser Kirche hat die deutsche Botschaft gewissermaßen ein Notquartier eingerichtet. Anträge für Pässe werden entgegengenommen. Unsere Passbilder haben wir zwischen Buchseiten versteckt, um nicht bei der DDR Pass- und Zollkontrolle aufzufallen.

Budapest, 24. August
Wir halten bundesdeutsche Pässe in der Hand. Ein unbeschreibliches Gefühl, so etwas wie Sicherheit, Geborgenheit. Obwohl es noch nicht die Freiheit bedeutet, damit gen Westen ausreisen zu können. Es fehlt der Einreisestempel. In der DDR würde ich für den Besitz dieses Passes mindestens zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt werden und für den Kontakt mit der bundesdeutschen Behörde noch ein paar Jahre dazu.
Wir sitzen mit mehreren Flüchtlingen im Pfarrhof der Kirche. Mitten unter uns ein Menschenschlepper. Der fragt: Hast du 1 000 Mark West, bringe ich dich in meinem Wagen rüber. Zwei junge Männer, die sich vorher nicht kannten, zählen ihr Westgeld. Der eine hat mehr als 1 000 Mark, der andere weniger. Zwei Wildfremde legen ihr Geld zusammen und machen das Schleppergeschäft. Bevor sie losziehen, schenkt mir der eine seinen Lada. Kannste haben. Danke, ich lehne ab.

Budapest, 25. August
Wir haben von unseren ungarischen Freunden eine Unterkunft in der Stadt bekommen. Morgens fahren wir immer sehr früh ins Flüchtlingslager. Die Budapester im Bus helfen, wo sie können, sobald sie unser Vorhaben ahnen. Bei den Busfahrscheinen. Beim Weg weisen. Immer mit freundlichem, verständnisvollem Gesicht.
Im Flüchtlingslager so etwas wie ein Gefühl der Solidarität. Doch wenn Namen im Gespräch sind, sind es immer nur Vornamen. Jeder ist auch hier auf der Hut vor dem anderen. Die Unsicherheit ist sehr groß und das Sicherheitsbedürfnis auch. Die Angst vor der Stasi ist allgegenwärtig. Wie viele von denen halten sich unter den Flüchtlingen auf? Spionieren Namen aus? Wir entdecken Stasileute auf umliegenden Dächern, immer fotografierend. Einer läuft mit dem Fotoapparat vor dem Bauch die Straße entlang und fotografiert ungeniert alle Autokennzeichen für den Bericht nach Berlin.  Meine Tochter  entdeckt einen ehemaligen Arbeitskollegen, der nach Stasi „riecht“.  Auffallend sucht er unsere Nähe.  Auch die vielen Journalisten aus aller Herren Länder machen mir Angst. Meine Freunde in der DDR sollen nicht aus dem Fernsehen erfahren, dass wir flüchten und sie verlassen haben. Keiner weiß es dort. Ich wollte keinen mitschuldig machen bei eventuellen Befragungen durch die Staatssicherheit.

Budapest, 26. August
Die Gerüchteküche kocht. Entführungsversuch aus dem Flüchtlingslager Csilleberc. Eine 28jährige mit Chloroform betäubt. Ob wahr oder unwahr. Das Schlimme, es hätte wahr sein können.
Die Malteser geben mit jedem Wort Hoffnung. Ihre Fürsorge ist unbeschreiblich. Immer zugewandt und freundlich versuchen sie unsere Situation zu erleichtern. Sie organisieren Lebensmittel, warme Kleidung, denn wir sind ja nur mit einer Tasche losgezogen, um an der Grenzkontrolle nicht aufzufallen. Es tut gut, dass sie unsere Lage verstehen, schenkt uns Respekt und Anerkennung vor dem eigenen mutigen Schritt. Um die Kinder im Lager ein wenig abzulenken, spiele ich mit ihnen im Zelt. Sofort unterstützen mich die Malteser. Wolfgang Wagner, der Leiter der deutschen Malteser, bietet mir sogleich seine Hilfe an. In Windeseile steht ein großer Wäschekorb da mit bunten Stiften, Zeichen- und Malblöcken, Heften und Schreibgeräten und kleinen Spielereien, die erst einmal die Aufmerksamkeit der Kinder ablenken und ihnen mit diesen kleinen Geschenken Zugewandtheit zeigen. Ich brauche für die Kinder nur einen Wunsch zu äußern, schon versuchen ihn die Malteser zu erfüllen. Für einen jungen Mann, der die Lagersituation kaum verkraftet, besorgen sie eine Gitarre. Damit beruhigt sich der junge Mann ein wenig. Die Malteser versuchen alles, was möglich oder unmöglich ist, um unsere Lage zu erleichtern. Denn Angst ist wohl das vorherrschende Gefühl. Keiner traut dem anderen. War der Verrat doch in der DDR Alltag. Den Maltesern fällt auf, dass wir immer sehr leise miteinander reden. Ja, die Angst. Unvergessen Csilla Freifrau von Boeselager, Präsidentin des Deutschen Ungarischen Malteser Caritas Verbandes. Sie ermutigt, beruhigt, nimmt mit einem Lächeln Ängste.

Budapest, 9. September
Eiskalt rieselt es mir den Rücken hinunter, als der chilenische Vater unter den Flüchtlingen seinen Sohn sucht. Genau wie die Bilder damals im September 1973, als Allende ermordet wurde, und viele Chilenen nach dem wahnsinnigen Morden mit einem Foto in der Hand  ihren Bruder, Mann oder Sohn suchten. So sucht im September 1989 der Chilene, der einst in der DDR Freiheit suchte, mit dem Foto in der Hand seinen Sohn, der aus dieser „Freiheit“ flüchtete.
Die Ungarn sind ein wunderbares Volk. Ich glaube, kein anderes Land in Europa hätte diese vielen Flüchtlinge, die sogar meist illegal im Lande sind, weil das Visum abgelaufen ist, mit dieser Geduld, Gelassenheit und Freundlichkeit ertragen und sogar bewirtet. Oft sind Ungarn da, die Obst für die Kinder bringen, warme Kleidung, die anbieten, Wäsche zu waschen oder sogar das Bad zum „Endlich - mal – duschen“ zur Verfügung stellen.
Unsere Überlegung, über die grüne Grenze zu flüchten, lassen wir fallen. Es erscheint mir für meine Kinder doch zu waghalsig. Es gab Tote an der Grenze zu Österreich. Auch aus Freude. Einer starb an Herzschlag bei den ersten Schritten in die Freiheit. Wir harren im Flüchtlingslager aus. Ein Wechselbad der Gefühle. Gyula Horn, der ungarische Außenminister, in Berlin bei Oskar Fischer, dem DDR Außenminister. Was handeln sie aus? Horn und Nemeth bei Kohl. Hoffnung. Können sie einen Weg, einen Ausweg, für uns finden? Schließlich hat Ungarn mit der DDR ein Auslieferungsabkommen.

Budapest, 10. September
Ein Tag wie kein anderer. Unvergessen. Schon den  Tag über herrscht ungewöhnliches Treiben in und um das Flüchtlingslager. Imre Kosma, der Pfarrer der Kirche der Heiligen Familie, grüßt uns lächelnd. Viele Flüchtlinge strömen von überall her. Auf der Anhöhe des Pfarrgartens wird ein Fernsehgerät aufgebaut. Die Journalisten vermischen sich mit den Flüchtlingen. Wo früher ängstlich Abstand gewahrt wurde, ist ein aufgeregtes Miteinander. Schließlich stehen die Menschen dicht an dicht in diesem kleinen Pfarrgarten.
19.00 Uhr: Gyula Horn spricht im Fernsehen. Csilla von Boeselager übersetzt: „Die DDR Bürger....können....ab sofort....mit ihren Passierscheinen das Land verlassen....egal in welche Richtung.“
Tausendfacher Jubel. All die Beklemmungen der letzten Zeit löst sich im Jubelschrei. Wir liegen uns in den Armen. Spannung und Angst der letzten Wochen sind einer unbeschreiblichen Freude gewichen. Danke Ungarn.

Zwischen Budapest und Wien, 11. September
Wir sitzen im Bus und fahren durch ein nie gekanntes doch oft erträumtes Land. In mir klingt Mozarts g-moll Sinfonie.
Kaum kann ich erfassen, dass die Bedrängnis, Unfreiheit und Bedrückung und schließlich Gefahr der letzten Monate vorbei ist.
Frei.
Was erwartet uns im neuen Leben?

München, Februar 1994
Im Fernsehen Bilder von Sarajewo. Jedes Flüchtlingsschicksal rührt mich noch zu Tränen und erinnert mich an die eigene Flucht mit meinen Kindern. Ich verstehe die Frau aus Sarajewo, die gerade sagt: Nicht jeder, der flüchtet, ist ein Feigling.


 

Lisa Heller, Demo Schwerin

Demonstration in Schwerin Ende Oktober/ Anfang November 1989.

Lisa Heller, Demo Schwerin

Schauspieler des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin (Klaus Bieligk, Brigitte Peters, Bärbel Röhl)

Lisa Heller, Demo Schwerin

Demonstration in Schwerin Ende Oktober/ Anfang November.