Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
logo_dg
logo_superillu
logo_bsa
logo_20jahre
 
 
Schirmherr der Aktion
bm_tiefensee
BM Wolfgang Tiefensee
bmvbs_c_m2
 
 
Ingrid Rosenthal: Endlich befreit von politischen Zwängen

Am 23. Oktober begann auch an unserer Schule der Unterricht nach den Herbstferien.

In der Schule hing ein eigenartiger Aushang, der uns aufforderte, an einer Kundgebung auf dem Alten Garten teilzunehmen. Wir wussten aber bereits von einer Demo zur gleichen Zeit – aufgerufen hatte das Neue Forum. Also rein in den Trabi und am Zoo entlang durch die Schlossgartenallee Richtung Schloss. Vor uns fuhr in seinem Dienstwagen der Vorsitzende des Rates des Bezirkes Schwerin (oder wurde gefahren).

Die staatlich verordnete Kundgebung interessierte uns nicht.

Auf der Museumstreppe hatten sich die Anhänger des Neuen Forums formiert, die lediglich die Möglichkeit hatten, ihre Ideen per Megaphon kundzutun. Die Lautsprecheranlage hatte die andere Seite. Es war alles so schrecklich aufregend, dass ich heute nichts zu den Inhalten der Ansprachen sagen kann. Eigentlich hat man geguckt, wer wohl da war, ob man Gleichgesinnte unter Bekannten und Kollegen finden konnte.

Dann setzte sich die Menschenmasse in Bewegung in Richtung Werderstraße, Kirchstraße und bewegte sich um den Pfaffenteich. Parolen schallten durch die Straßen wie „Stasi in die Produktion“, „Gorbi hilf“ uns „Schließt euch an“ (speziell dieser Ruf galt den an der Straße stehenden Polizisten).

Am 30. Oktober fand in unserer Schule eine monatliche Dienstberatung statt. Sie begann – wie stets j e d e Dienstberatung – damit, dass ein Kollege über die politische Situation sprechen und zu politischen Stimmungen und Meinungen unter den Schülern Auskunft geben musste. Dazu waren von der Schulleitung Karteikarten angelegt und ausgegeben worden, die man als Klassenleiter auszufüllen hatte. Zuvor hatte ich beim Mittagessen bereits wesentliche Gedanken mit meinem Mann besprochen und mir vorgenommen, meinem Herzen am Nachmittag auf der Dienstberatung Luft zu machen.

Ich habe mich dann gemeldet und – sicher mit viel Herzklopfen – folgende Gedanken geäußert: Es sähe so aus, als ob man nicht bemerke, was um uns herum geschähe. (Damit spielte ich unter anderem auf die Flüchtlingsströme über Ungarn, und die Menschen in der Prager Botschaft an.) Honecker sei zurückgetreten, wann folgt diesem Schritt auch Volksbildungsministerin Margot Honecker? „Ich gebe hiermit zur Kenntnis, dass ich als Nichtgenossin n i c h t mehr am Parteilehrjahr der SED teilnehme!“ fuhr ich fort.

Nun fühlte ich mich gänzlich befreit von politischen Zwängen, obwohl ich ja nicht wusste, was folgen würde. Ich fühlte mich unwahrscheinlich happy und war in dem Moment danach wohl so mit mir beschäftigt, dass ich heute nicht mehr weiß, wie die Reaktion durch Schulleitung und Parteisekretärin war. (Ich muss aber den jüngeren Lesern erklären, dass alle Lehrer in der DDR, sowohl die Parteilosen, als auch Lehrer, die in einer „Bruderpartei“ organisiert waren, am SED-Parteilehrjahr teilzunehmen hatten.)

Ich weiß nur, dass Kollegen mir nach der Dienstberatung anerkennend und dankbar auf die Schulter klopften.

In meinem Kalender von 1989 findet sich unter Montag, dem 6. November, der Eintrag: 14.30 Uhr Parteilehrjahr nur für Genossen. Ich bin stolz darauf, dieses gesagt und erreicht zu haben.

Wie ging es in den Schulen weiter? Samstags war ja noch Unterricht, aber zunehmend blieben nach der Maueröffnung am 9. November die Schüler weg, weil sie mit den Eltern einen Tagesausflug in den „Westen“ machen wollten. Erschien mir eine Entschuldigung für ein Fernbleiben der Schule am Samstag als fadenscheinig, habe ich gesagt, dass man nun die Wahrheit sagen könne. Ab 18. November war dann samstags schulfrei.

Übrigens gab es von da an Warteschlangen an den Tankstellen!!

Eines Tages kam ein Schüler zu mir und fragte oder bat mich, ob wir nicht mal die Hymne der Bundesrepublik Deutschland singen könnten. Ich habe ihn dann erst mal auf die nächste Stunde vertröstet. Zu Hause hatte ich aber ein Musikbuch, in dem die Hymne stand. Also konnte ich in der darauf folgenden Stunde diesem Wunsche nachkommen. Das war eines der bewegendsten Erlebnisse meiner Lehrerlaufbahn.

1990-1991 bin ich stellvertretende Schulleiterin gewesen. Zum bevorstehenden 3. Oktober 1990, dem Tag der deutschen Einheit, hatten wir vor, eine Fahne vor der Schule zu hissen. In der Schule gab es natürlich nur Fahnen mit Hammer und Sichel. Also trennte ich das Emblem fein säuberlich ab, wir hissten im Beisein einiger Schüler und Lehrer die Flagge und staunten nicht schlecht, als diese wenig später spurlos verschwunden war.


 

Demo in Schwerin

Einheitsfeier in Schwerin.

 

Einheitsfeier in Schwerin

Einheitsfeier am Alten Garten vor dem Schweriner Schloss.

 

Flaggenhissen vor der Schule

Flaggenhissen am 03. Oktober 1990.