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Hier meine Geschichte: Ich bin Seemann, das heißt, ich war Seemann bei der Deutschen Seereederei Rostock. Im Jahre 1980 wurden mir Seefahrtsbuch und Sichtvermerk entzogen. Grund waren meine engen verwandtschaftlichen Verbindungen zum Westen. Nach meinem unfreiwilligen Ausscheiden aus der Handelsflotte der DDR war ich im Jahre 1989 in einer LPG beschäftigt. Anstelle von Wind und Wellen, Sturm und Seegang waren Treckerfahren, Hoffegen, Kohlpflanzen, Kohlernten, Melken und Ausmisten getreten. Ich war Genossenschaftsbauer mit Kapitänspatent! Ich konnte von Glück reden, dass mir die Landwirtschaft Arbeit und Überleben garantierte. Mord und Totschlag verjährten irgendwann - Westkontakte aber nie! Dennoch war ich ein gläubiger und leidender Bürger meines Landes, den die Dummheit und Arroganz seiner Führer bestürzt machten. Gorbatschow und Perestroika verhießen Verbesserung. Ich begann, meine Gedanken zum Überleben des Sozialismus niederzuschreiben. Nur so für mich, denn veröffentlicht werden durfte von mir nichts. Auch mein Buch-Manuskript über eine Ostasienreise auf der „Berlin" verstaubte schon mehr als zehn Jahre in meinen Ablagen. Im Jahre 1989 wuchs Hoffnung auch bei denen, die im Lande blieben. Andere verließen ihre Heimat. Sie hatten keine Hoffnung. Erich Honecker höhnte, dass er den vielen Flüchtlingen keine Träne nachweine. Das war für mich der Anlass, eben in höchster Not, am 11. Oktober 1989 dem Ersten Mann meines Staates folgenden Brief zu schicken: Werter Genosse Honecker! Ich wende mich in großer Sorge an Sie, Sorge um die Tausenden, die sich enttäuscht in innere wie äußere Emigration begeben? Trifft es Sie nicht auch, mit ansehen zu müssen, wie all das Gutgewollte der Partei missverstanden wird? Wir haben vergessen, daß wir nicht mit Idealmenschen unseren Sozialismus begonnen haben, sondern mit ganz einfachen, also nur Menschen. Vielleicht wissen Sie nichts von der Stimmung im Volk, auch nichts von Schlamperei in Betrieben und mangelnder Motivation allerorts. Sie werden von einem aufgeblähten, parasitären Apparat mit frisierten Erfolgsmeldungen belogen, bei Besuchen in Betrieben werden Ihnen „potemkinsche Dörfer" vorgeführt, auf Massenkundgebungen eine revolutionäre Jugend vorgegaukelt. Die Lage ist anders! Analysieren Sie die Gründe der Massenflucht und Sie werden sehen können, wie vor allem junge Menschen persönliche Freiheiten sozialer Geborgenheit vorziehen. Achten Sie diese Torheiten der Jugend, denken Sie an Ihre eigenen Jugendjahre zurück. Hätte jeder DDR Bürger neben dem Gefühl der sozialen Sicherheit auch das Empfinden persönlicher Freiheiten, einschließlich der Reisefreiheit, das Wissen, wie mündige Bürger, ohne Bevormundung und Gängelei behandelt und geachtet zu werden, es wären kaum 10% im Westen geblieben. Gibt es eine Chance? Üben Sie Selbstkritik, Selbstreinigung und Großmut gegenüber Ihren Kritikern. Zeigen Sie öffentlich Ihr Bedauern und Ihre Trauer um jeden einzelnen, der unser Land verlassen hat. Vollziehen Sie eine spektakuläre Umgestaltung des Politbüros, suchen Sie nach einem starken Mann als Nachfolger, wecken Sie Vertrauen. Lassen Sie Schluß machen mit den unwürdigen Verordnungen über Reisen ins kapitalistische Ausland. Reichen Sie jedem Ausgereisten die Hand zur Versöhnung und geben Sie jedem die Chance der Rückkehr unter neuen Freiheiten. Das wäre das Allerwichtigste. Die anderen Dinge sollten aber auch geregelt werden. Beenden Sie die Berufsverbotspraktiken wegen „Westkontakte". Überwinden Sie Renommiersucht und Parasitentum Ihrer Repräsentanten. Achten Sie darauf, daß die politischen Führer wieder maßvoll werden. Nehmen Sie ihnen die der m/l Ideologie widerstrebenden Privilegien wie Gästehäuser, Jagdgebiete, Westwagen ... Das alles sind nur schnelle Sofortlösungen. Auf die Dauer wird uns aber die geringe Arbeitsproduktivität, die mangelnde direkte Abhängigkeit der Werktätigen und Leiter vom ökonomischen Ergebnis in ihrem Betrieb Sorgen machen. Der Sozialismus ist die Höherentwicklung des Kapitalismus. Kapitalistische Effektivität in der Produktion ist doch das mindeste, was auch wir vorweisen müssen - und dann besser machen und sozialer. Alle unsere Sozialprogramme geraten aber in Gefahr, wenn wir nicht unbedingt Schöpfertum und bedingungslose Leistungsbereitschaft stimulieren, auch auf die Gefahr hin, sehr große Einkommensunterschiede zu haben. Zur Lösung der ökonomischen Probleme der DDR kann ich Ihnen konkrete Vorschläge unterbreiten. Bitte geben Sie mir Gelegenheit einer persönlichen Aussprache bei Ihnen! Mit sozialistischem Gruß Lothar Borbe Meine Worte müssen gewirkt haben! Am 18. Oktober 1989 ist Erich Honecker von all seinen Funktionen zurückgetreten. P.S.: 1989 und 1990 habe ich die neuen Freiheiten genutzt und mich zu vielen Problemen zu Wort gemeldet. Inzwischen habe ich mehrere Bücher veröffentlicht, darunter auch meine Reisebeschreibung „auf OSTASIENFAHRT". Eine späte Genugtuung!
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