Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Hannelore Mussar: Grenzöffnung

9. November 1989

Dieses in der deutschen Geschichte mehrfach bedeutsame Datum verbinde ich mit unvergesslichen Erinnerungen.
Der 9. November 1989 war ein Donnerstag, der zunächst ganz normal verlief. Ich hatte bis 13 Uhr Unterricht und musste 14:30 Uhr zu einer Beratung der Geschichtslehrerkollegen des Kreises Parchim in die EOS (erweiterte Oberschule). Gegen 16:30 Uhr kehrte ich nach Hause zurück, setzte mich unverzüglich an meinen Arbeitsplatz und fertigte die restlichen Unterrichtsvorbereitungen an. Anschließend bereitete ich für meine Tochter das Abendessen vor und machte mich dann auf die Schnelle für ein gemütliches Beisammensein mit meinen Fachkolleginnen und -kollegen zurecht. Bei der letzten Auszeichnungsveranstaltung der Gewerkschaft hatte der Fachzirkel Geschichte eine Kollektivprämie von 200 Mark erhalten, die ich verwahrte und die nun bei einem zünftigen Abendessen verprasst werden sollte. Deshalb trafen wir uns in dem gemütlichen Restaurant "Gambrinus", speisten genüsslich und diskutierten bei einem Glas Wein viele aktuelle Probleme. Dabei ging es hoch her, wir spürten deutlich, dass sich die Lage in unserem Land dramatisch zugespitzt hatte. Jeder von uns hatte große Erwartungen an die Zukunft, aber auch Ängste beschlichen uns. Die Zeit verging wie im Fluge. Zu vorgerückter Stunde verließen wir das Lokal. Ich begab mich auf schnellstem Wege nach Hause, schlich durch die Wohnung, um meine Tochter nicht zu wecken, und fiel bald in einen Tiefschlaf.
Am nächsten Morgen hieß es wieder früh aus den Federn. Nach dem Frühstück brachte ich immer die Wohnung in Ordnung. Dabei lief das Radio. Aber die Geräusche des Staubsaugers übertönten die Nachrichten, ich vernahm nur einzelne Wortbrocken. Als ich etwas von "Grenzöffnung" verstand, glaubte ich mich verhört zu haben. Das konnte nicht sein.
Eilig griff ich einige Minuten später meine Schultasche und ging zur Arbeit. Kaum wurde ich von den Schülern erspäht, kamen sie mir entgegen gelaufen, umringten mich und redeten alle durcheinander. Ich begriff im ersten Moment nur, dass etwas Unvorhergesehenes passiert sein musste, offensichtlich waren unsere Grenzen zur Bundesrepublik und zu Westberlin tatsächlich geöffnet worden. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander, neben Freude mischten sich Angst und Sorge, ob das alles gut gehen würde. Mir blieb wenig Zeit zum Sortieren meiner Gedanken. Im Lehrerzimmer empfingen mich ebenfalls aufgebracht diskutierende Kollegen. Die Unruhe im Schulhaus ließ mich gleich zu meinen Schülern eilen. Die Reihen waren deutlich gelichtet. Einige Schüler hatten mit ihren Eltern die Gunst der Stunde genutzt, um ihre Verwandten und Bekannten im anderen Teil unseres Landes zu besuchen. Angesichts der neuen Situation konnte man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Die Euphorie der Schüler kannte keine Grenzen. Sie bestürmten mich mit Fragen. Mir bereitete es Freude, ganz offen mit ihnen zu diskutieren. An so einem Tag mussten die Vorbereitungen in der Tasche bleiben. Etwas nicht möglich Gehaltenes war passiert, einfach Wahnsinn!
So sehr ich mich über die Ereignisse freute, so konnte ich es doch nicht fassen, wie ich als politisch interessierter Mensch eine solche Entwicklung buchstäblich „verschlafen" hatte.
In den folgenden Tagen überschlugen sich die Geschehnisse. Ich bemühte mich um umfangreiche Informationen, betätigte mich aktiv im Neuen Forum und erlebte die unvergessliche Stimmung hautnah.

 

Teil 1


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