Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Hannelore Mussar: Ein heißer Herbst kündigt sich an

Im Herbst des Jahres 1989 nahm ich an einer Fortbildung im Fach Geschichte zum Thema „Die Auswirkungen der französischen Revolution" in Erfurt teil. Aus unserem Kreis war ich die Einzige. Das behagte mir zuerst nicht, aber ich fuhr trotzdem. Überraschender Weise traf ich gleich am ersten Abend mit einer ehemaligen Kommilitonin zusammen. Nach dem Studium hatte es sie nach Demmin verschlagen. Da wir uns nach langer Zeit wiedersahen, gab es viel zu erzählen.

Wir waren in einem Studentenwohnheim untergebracht. Unsere Wohneinheit bestand aus einem Zwei- und einem Dreimannzimmer mit gemeinsamem Waschraum und WC. Ich lernte auf diese Weise weitere Kolleginnen aus anderen Gebieten unseres Landes kennen. Zwei von ihnen kamen aus Leipzig. Sie berichteten, für mich überraschend, von Demonstrationen und Unruhen in ihrer Heimatstadt. Mich fragten sie, ob ich nichts davon auf dem Bahnhof bemerkt hätte. Ich verneinte.
Aber von nun an verfolgte ich mit noch größerem Interesse alles um mich herum. Seit einiger Zeit hatte ich die Hoffnung, dass sich in unserem Land etwas tun werde. Missstände, wie erhebliche Versorgungsengpässe, fehlendes Material in den Betrieben, die Ausbürgerung bekannter Künstler u.a., wurden offenkundig. Außerdem setzte ich auf das sowjetische Vorbild mit „Perestrojka" und „Glasnost".
Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Unsere Lehrveranstaltungen verliefen völlig anders als gewohnt. Dozenten, die nach altem Stremel ihre Vorlesungen halten wollten, wurden von uns unterbrochen und zur Diskussion gezwungen. Mir bereitete diese Art des Meinungsaustausches großes Vergnügen. Endlich gab es unterschiedliche Betrachtungen, vor allem aus der Alltagserfahrung heraus, und altbekannte Phrasen verfehlten ihre Wirkung. Ich hatte den Eindruck, dass sich erst nach und nach die Kollegen zur freien Meinungsäußerung durchrangen. Allen voran überwanden die Vertreter aus den Großstädten wie Leipzig und Dresden zuerst ihre Hemmungen und steckten schließlich alle an. Es entstand so eine besondere Spannung und eine Aufbruchsstimmung machte sich breit.
Als meine Kolleginnen und ich am Nachmittag des 18. Oktobers 1989 von unseren Seminaren
zurückkehrten, empfing uns eine andere Kollegin, die wegen Unwohlseins bereits zu Mittag gegangen war, völlig aufgeregt mit der Neuigkeit, Erich Honecker sei zurückgetreten und Egon Krenz werde neuer Staatsratsvorsitzender. Wir lachten sie aus und sagten, sie habe wohl geträumt. Das konnte nicht stimmen. Keiner wollte es glauben. Unsere Nachbarin blieb hartnäckig. Sie zerrte uns zum Fernseher, in dem gerade über die Ablösung an der Führungsspitze berichtet wurde. Wir waren baff! Was würde nun folgen? Alle redeten wild durcheinander. Die Müdigkeit wich aus unseren Körpern. Der Vorsatz, uns vor einem gemütlichen Beisammensein noch eine Stunde aufs Ohr zu legen, war schon vergessen. Wir hatten Mühe, uns für die Feier zurechtzumachen. Immer neue Gedanken bewegten uns.
Als wir schließlich am Abend das Lokal betraten, trafen wir mit einem Kollegen zusammen, der ebenfalls an unserem Tisch Platz nahm. Er war über seine Frau verwundert, weil sie ihm am Telefon erklärt hatte, er solle Verständnis haben, aber sie wolle jetzt unbedingt eine Meldung im Fernsehen verfolgen, sie riefe später zurück. Unser Tischnachbar hatte bis dahin gar nicht mitbekommen, was sich ereignet hatte. Den ganzen Abend über diskutierten wir angeregt und überlegten, ob in unserer Heimat auch etwas von der Aufbruchstimmung zu merken sei.
Der Norden gilt ja allgemein als etwas verschlafen. Schon Bismarck soll sich nicht sehr freundlich über uns geäußert haben. Deshalb war ich völlig überrascht, was mich zu Hause erwartete.
Nach den Herbstferien veränderte sich das Klima in unserer Schule gewaltig. Lehrer wie Schüler kamen mit ganz neuen, aber oft recht unterschiedlichen Erwartungen in die Schule. Was früher hinter vorgehaltener Hand geäußert wurde, sprachen die ersten offen aus. Die Mehrzahl der Schüler erwartete von uns Lehrern, dass wir uns klar positionierten und statt des Lehrstoffs auf ihre Fragen und Probleme eingingen. Einige Kollegen hatten damit große Schwierigkeiten. Sie empfanden das Verhalten einiger Schüler als renitent und weil sie es nicht gewohnt waren, mit ihnen zu diskutieren, fühlten sie sich in die Enge getrieben und z.T. angegriffen. Mit drastischen Maßnahmen, wie dem Einsatz von Schulstrafen, versuchten sie, meist erfolglos, gegenzusteuern. Andere freuten sich, nicht mehr mit der eigenen Meinung hinter den Berg halten zu müssen und wiederum andere fanden sich in ihrer bisherigen Haltung bestärkt. Die Mehrzahl der Schüler war, meist durch die Haltung ihrer Eltern und Freunde bzw. durch die Meldungen aus den Medien, von dem Wunsch nach Veränderung beseelt. In ihren Köpfen spukten die unterschiedlichsten Gedanken umher und sie nutzten den großen Freiraum. So wollten sie ihre Lehrer, besonders die Klassenlehrer, frei wählen können. Sie forderten ein Mitspracherecht bezüglich der Unterrichtsgestaltung und der Unterrichtsinhalte. Es kam zu Schulstreiks mit anschließenden Kundgebungen, auf denen sie ihre Gedanken öffentlich kundtaten.

In dieser Situation trat die Parteisekretärin unserer Schule völlig überraschend an mich mit der Frage heran, ob ich bereit sei, einen Zirkel des Parteilehrjahres zu leiten. Das war einerseits ungewöhnlich, weil ich gerade erst den Antrag zur Aufnahme in die SFD gestellt hatte, aber andererseits reizte es mich, weil ich mehrmals mein Missfallen über den Ablauf dieser Veranstaltungen geäußert hatte. Mir war es zuwider, dass mehrere Kollegen vorbereitete Beiträge mitbrachten, die sie meist aus dem ND (,‚Neues Deutschland“, dem Zentralorgan der SED) abgeschrieben hatten und keine eigene Meinung äußerten. Nun wollte ich es anders versuchen und nahm das Angebot gern an. Aus diesem Grunde hatte ich das Glück, an mehreren Veranstaltungen in Vorbereitung auf das Parteilehrjahr teilzunehmen, die ganz nach meinem Geschmack waren. Die erste Veranstaltung wurde von einem, wie sich später herausstellte, geistig nicht sehr beweglichen Genossen der SED- Kreisleitung geleitet. Er glaubte, noch nach alter Manier vorgehen zu können, und wir würden brav zuhören. So nach bewährtem Motto „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht“, wie es in einem Lied hieß. Diesmal hatte er sich aber geirrt. Er war gewillt, uns Passagen aus einem Brief von Egon Krenz vorzutragen, aber wir erklärten ihm, dass wir selber lesen könnten. Wir wollten lieber über anstehende Probleme diskutieren. Das wiederum überforderte ihn total. So verlief dieser Teil ganz anders als geplant. Sicher war er heilfroh, als ihn nach zwei Stunden ein anderer Genosse ablöste.
Wie mulmig seinem Nachfolger zumute war, merkte ich sofort. Entgegen der sonstigen Gewohnheit suchte er schon im Vorfeld das Gespräch mit einzelnen Anwesenden. Als er mir in der Pause eine Tasse Kaffee anbot, dachte ich bei mir: „Oh, wie viel Angst musst du haben, dass du dich heute so volkstümlich gibst.“ Er berichtete mir von einem Pastor und dessen Aktivitäten, den er für besonders aggressiv hielt. Dabei ahnte er nicht, dass dieser „Scharfmacher“- wie er ihn bezeichnete- mich konfirmiert hatte und mir bekannt war als aufrechter Mensch (Der Bruder dieses Geistlichen wurde übrigens nach der Wende Landtagspräsident in Mecklenburg-Vorpommern).
Dass die Angst berechtigt war, sollte sich bald zeigen.
Eine zweite Zusammenkunft der Agitatoren fand im Saal des Kulturhauses „Kurt Bürger“ statt. Ein Vertreter der Bezirksleitung der SED erschien und machte Ausführungen zum „Neuen Forum“. Er hatte erst einige Sätze gesagt, als im Raum ein deutliches „Bla, Bla“ ertönte. Verunsichert schaute der Redner von seinem Manuskript auf und wollte einige Anmerkungen machen, aber dazu kam es nicht. Das Plenum forderte eine freimütige Aussprache. Ungeordnet wurden den Genossen im Präsidium Fragen gestellt, dabei erstreckte sieh das Spektrum von politischen Tagesereignissen bis zu Auskünften über die Privatsphäre der dort anwesenden Parteifunktionäre. So musste der Erste Sekretär der Kreisleitung der SED die Frage beantworten, ob er das Haus einer Familie, die über Ungarn geflüchtet war, für sich nutzen wolle. Sein Stellvertreter wurde gefragt, weshalb er zwei AWG (Arbeiter Wohnungsbau Genossenschaft)-Wohnungen für sich beanspruchte? Viele der Anwesenden machten ihrem Herzen Luft und drehten deshalb den Spieß einfach um. Jetzt waren es die Funktionäre, die Rede und Antwort stehen mussten. Immer wieder kam es dabei zu tumultartigen Szenen. Anwesende standen auf, riefen bei einzelnen Beiträgen dazwischen und luden den angestauten Ärger ab.
Während der Pause gab es für alle Delegierten Kaffee und belegte Brötchen. Für die Parteiprominenz war dazu eigens ein Tisch gedeckt, aber keiner wagte es, dort Platz zu nehmen. Alle suchten sie das Bad in der Menge und gaben sich im kleinen Kreis sehr moderat. Besonders die jüngeren Funktionäre bemühten sich, Verständnis für die aufgebrachte Stimmung zu zeigen (oder zu heucheln) Sicher glaubten sie, alles wieder in geordnete Bahnen bringen zu können‚ wenn sie sich mit an die Spitze der Volksbewegung stellten.


Bei der nächsten Veranstaltung dieser Art wurde dann der Rücktritt unbeliebter Funktionäre bekannt gegeben, was mit donnerndem Applaus bejubelt wurde.
Wenn ich nach solchen Ereignissen in die Schule zurückkehrte, warteten die Kollegen schon auf meine Berichterstattung. Mich erfasste diese Aufbruchsstimmung und ich engagierte mich im „Neuen Forum“.
(„Neues Forum“ - am 10. September 1989 gegründete Bürgerinitiative zur Umgestaltung in der DDR)
Bald darauf begannen die Demos in unserer Stadt und es gab unzählige Diskussionsrunden, zunächst in den großen Kirchen, dann auch auf dem Platz im Stadtzentrum. Einige SED- Funktionäre und Mitglieder traten öffentlich bei den Veranstaltungen in den ihnen sonst sehr suspekten Kirchen auf und marschierten in den Demonstrationszügen mit. Sie schufen sich - wie sich später herausstellte - das Sprungbrett in die neue Zeit, indem sie ihre Beziehungen und Möglichkeiten nutzten, sich eine andere gesicherte Existenz aufzubauen. Ich verstand sehr schnell den nun geprägten Begriff des „Wendehalses“. Ein eifriger Mitstreiter in der Gruppe des „Neuen Forums“ unserer Stadt attackierte einige Mitglieder, weil sie sich nicht an den Veranstaltungen in der Kirche und bei den ersten Demos beteiligt hatten. Außerdem regte er sich immer wieder über die „Roten Socken“ (SED-Funktionäre, Mitglieder und Informanten der Staatssicherheit) auf. Bald stellte sich dann zu unser aller Entsetzen heraus, dass gerade er als Informant (IM) enttarnt und aus dem Schuldienst entlassen wurde.
Auf den „Platz der Arbeit“ (dem heutigen Moltkeplatz) kamen Menschen unterschiedlichen Alters, mit sehr verschiedenen Berufen, unterschiedlichen Weltanschauungen und mit den verschiedensten Erwartungen an die Veränderung zusammen. Viele artikulierten ihre eigenen Wünsche für die Zukunft. Einige Tonbandmitschnitte legen Zeugnis davon ab. Aus heutiger Sicht kann man einige Vorstellungen fast belächeln, so naiv waren sie.
Der allgemeine Wille nach Veränderung trug zum Teil auch anarchistische Züge. Beispielsweise sahen einige Schüler die Chance, dem Unterricht zu entfliehen. Sie organisierten so genannte Schülerstreiks, zogen von Schule zu Schule und immer mehr Mitschüler schlossen sich ihnen an. Die völlig verunsicherten Lehrer ließen sie gewähren. Vereinzelt gab es Strafandrohungen, die aber angesichts der allgemeinen Unruhe verpufften.
Die Schüler sahen jetzt wie viele Werktätige die Möglichkeit, sich gegen Repressalien zu wehren. Einige Lehrer, die immer engstirnig versucht hauen, keine andere Meinung zuzulassen, bekamen große Schwierigkeiten. Diesen fiel es schwer, sich in der Diskussion mit den Schülern zu behaupten. Der Begriff „Demokratie“ wurde oft so ausgelegt, dass man nun über Alles und Jedes diskutieren könne. Beispielsweise wurde ich durch Initiative von Eltern und Schülern in einer schwierigen Klasse als Klassenlehrerin eingesetzt. Die Schulleitung beugte sich dem Wunsch. Nach anfänglichem Schock nahm ich die neue Herausforderung an und heute erinnere ich mich gern an die Erlebnisse mit meinen Schülern in der Wendezeit. Aus uns wurde ein gutes Gespann.
Die Ereignisse am 9. November 1989 führten dazu, dass eine ganze Reihe Schüler mit ihren Eltern die Chance nutzten, den westlichen Teil Deutschlands zu erleben, Verwandte und Freunde zu besuchen. Die Euphorie kannte keine Grenzen. In den folgenden Tagen waren in den Klassen die Reihen ziemlich gelichtet. Es wurde fast nur noch über Erlebnisse berichtet und das aktuelle Tagesgeschehen diskutiert. Besonders leer war es an den Sonnabenden in den Klassenzimmern. Von Woche zu Woche entschied unsere vorgesetzte Behörde, die Abteilung Volksbildung beim Rat des Kreises, wie zu verfahren sei, bis schließlich der Sonnabend zum schulfreien Tag erklärt wurde.
Übrigens, schon bald erinnerte sich kaum jemand daran, seit wann diese Regelung bestand.

 

Teil 2


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