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In der Adventszeit 1989 war ich Polizeischüler der damaligen Volkspolizei der DDR und wurde in der Polizeischule Neustrelitz ausgebildet. Damals, fast 30jährig, erlebte ich die Zeit vom Sommer 89 bis zu den ersten Montagsdemonstrationen mit gemischten Gefühlen. Zuvor hatte ich bereits 10 Jahre einen zivilen Beruf ausgeübt und kannte, so glaubte ich, die Sorgen und Sehnsüchte der Menschen ganz gut.
Von den damit verbundenen Zweifeln, noch das Richtige zu tun, waren meiner Einschätzung nach auch ein Großteil der dortigen Lehrer, Ausbilder und Schüler betroffen. Viele schwankten zwischen Linientreue zum Staat und Sympathien für die Demonstranten und deren Forderungen nach einer Öffnung des Staates. Wie die meisten hofften auch wir auf eine unblutige Beruhigung der Lage, auf politische Veränderungen und in unserem Fall auch auf eine „Entpolitisierung“ unseres Berufsstandes. Man wollte kein „Steigbügelhalter“ der Mangelwirtschaft mehr sein, ebenso wenig den in den 80er Jahren immer deutlicher werdenden gesellschaftlichen Veränderungen entgegenstehen.
In diesen Monaten, unsere Freunde und Verwandten hatten mittlerweile größtenteils ihren ersten „Ausflug“ in den Westen über Bayern oder Berlin gestartet und mit überwiegend strahlenden Augen von ihren ersten Erlebnissen erzählt, galt für uns die Parole: „Für die Angehörigen des Ministeriums des Inneren der DDR gilt die allgemein gültige Reisefreiheit in das nichtsozialistische Ausland bis auf weiteres noch nicht!“
Die Betonung lag auf „NOCH“, so dass jedem von uns klar war, dass es nur noch eine Frage von Tagen, höchstens wenigen Wochen sein konnte, bis auch wir uns das „gelobte Land“ anschauen konnten. Und mit dieser Erwartung sahen wir dem Tag „X“ entgegen, der dann kurz vor Weihnachten 1989 Wirklichkeit werden sollte. Unser Klassenleiter, ein liebenswürdiger, von den Nachkriegsjahren geprägter Mann, teilte uns an einem Vormittag im Unterricht mit, dass für uns heute Schluss sei. Auf Beschluss der politischen Führung gelte die Reisefreiheit jetzt auch für uns. Wir könnten uns, soweit Interesse bestehe, umziehen, Zivilkleidung tragen und den 14 Uhr Zug von Neustrelitz nach Berlin nehmen. Wir könnten Westberlin anschauen, das Begrüßungsgeld in Anspruch nehmen und sollten trotz allem nicht den Verlockungen des „Klassenfeindes“ erliegen. Außerdem machte man uns seitens der Schulleitung aufgrund der außergewöhnlichen Situation, sozusagen als kleines Bonbon, ein einmaliges Zugeständnis! Unser Ausgang ende nicht um Mitternacht, sondern um 6 Uhr des darauf folgenden Tages. Wir hätten also genügend Zeit, uns alles anzuschauen und rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn wieder da zu sein. Da bei allen Schülern unserer Klasse größtes Interesse an diesem „Ausflug“ bestand, ging dann nach dem Austausch von Zugverbindungen und geplanten Vorhaben alles sehr schnell. Zuvor hatten wir unserem Klassenleiter aufgrund des außergewöhnlichen Entgegenkommens seitens der Schule aufrichtig und vor allem dankbar versichert, pünktlich zurück zu sein und nicht die Hand zu nehmen, die als Finger gedacht war.
Und dann kam doch alles anders!
Nachdem wir uns auf dem Bahnhof Neustrelitz in alle Winde zerstreut hatten, saß ich im Zug nach Berlin. Dort fasste ich den spontanen Entschluss, meine Tante Inge, die ich seit meiner Jugendweihe 1974 nicht mehr gesehen hatte, im damaligen Westberlin zu besuchen. Gegen 16 Uhr auf dem Berliner Ostbahnhof eingetroffen, überquerte ich kurze Zeit später zu Fuß tief bewegt und dankbar den Grenzübergang Oberbaumbrücke. Hier suchte ich das nächste Geldinstitut auf, holte mir rasch und ein wenig irritiert mein Begrüßungsgeld ab und lenkte mich von meiner Befangenheit erst einmal ab, indem ich mir am nächsten Zeitungskiosk eine BZ und eine Schachtel Marlboro Menthol kaufte. Nach einer kleinen Verschnaufpause wollte ich nun meiner Tante Ingeburg in der Kommandantenstraße, Nähe Moritzplatz, einen Besuch abstatten. Sie war damals schon Rentnerin, ich wollte sie nicht zu spät überraschen. Es war bereits gegen 18 Uhr. Kurz entschlossen sprach ich die nächstbesten „Westkollegen“ an, um nach dem schnellsten Weg zur Kommandantenstraße zu fragen. Hilfsbereit und freundlich beschrieben sie mir den Weg, sagten, die gesuchte Straße befinde sich in der Nähe des Rathauses Steglitz.
Vom Wunsch beseelt, meine Tante mit einem unverhofften Besuch zu überraschen, fiel es mir aufgrund der fortgeschrittenen Zeit nicht schwer, ca. 10 DM für ein Taxi zu opfern. An der Kommandantenstraße stellte ich bei der Hausnummernsuche fest, dass offenbar etwas nicht stimmte. Meine Tante hatte ihr Haus immer als Hochhaus beschrieben, hier standen jedoch nur villenähnliche Gebäude! Außerdem gab es die gesuchte Hausnummer nicht! Ich teilte dem freundlichen Taxifahrer meine Bedenken mit, der daraufhin auf seinen Stadtplan sah und schmunzelnd meinte, es gebe in Berlin zwei Kommandantenstraßen. Offensichtlich hatten wir die Falsche angefahren! Freundlicherweise nahm er mich kostenlos wieder zu unserem Ausgangspunkt zurück, mittlerweile war es weit nach 22 Uhr. Da ich eine erneute Anfahrt zeitbedingt nicht mehr für sinnvoll hielt, entschloss ich mich, den Besuch auf den nächsten Ausgang zu verschieben, noch irgendwo ein Bier zu trinken, etwas zu essen und pünktlich die Rückfahrt nach Neustrelitz anzutreten.
Die typische Berliner Straßenkneipe, die ich kurze Zeit später irgendwo im damaligen Westteil der Stadt betrat, schien, so kam es mir damals zumindest vor, den ersten „Ossi“ als Gast zu sehen. Anfangs am Tresen neugierig-verhalten beobachtet, trank ich mein Bier, rauchte meine „West-Menthol“ und kam ins Gespräch mit den Gästen. Schnell wurde allen „Einheimischen“ klar, woher ich kam. Nach den ersten Geschichten und Anekdoten, die beiderseits die Runde machten, war der Damm gebrochen, es flossen Bier und Stonsdorfer, so dass mein alkoholbedingter Untergang in greifbare Nähe rückte, mein pünktliches Eintreffen in Neustrelitz in weite Ferne.
Irgendwann gegen 3 Uhr stand ich wieder auf der Straße. Im Laufe der Nacht hatte man mich noch zu Fuß und biergeschwängert zum Denkmal der Luftbrücke, zum Denkmal des Volksaufstandes und andren mehr oder weniger in Erinnerung gebliebenen Sehenswürdigkeiten geführt oder gefahren. Beim Gehen hatten die Wirtin und auch einige Gäste zur Erinnerung noch „Ostgeld“ eins zu eins mit mir getauscht, und man behauptete abschließend, man hätte mich schon beim Eintreten als „Ossi“ entlarvt. Auf meine Frage nach dem Warum, zeigten sie auf meine Schuhe und meinten, solche, es waren für DDR-Verhältnisse ganz normale Winterschuhe, tragen doch nur „Ossis“.
Aufgrund der Kälte war ich in kurzer Zeit wieder Herr meiner Sinne und mir wurde schnell klar, dass es mir unmöglich gelingen konnte, rechtzeitig um 6 Uhr wieder in Neustrelitz zu sein. Mein Entschluss, sehr schnell zum Ostbahnhof zurück zu kommen, um den nächstmöglichen Zug zu nehmen, scheiterte daran, dass alle Busse und Bahnen nur im Stundentakt fuhren. So musste ich noch einmal Geld in ein Taxi investieren und erreichte gegen 4 Uhr den Ostbahnhof. Hier stellte ich fest, dass der nächste Zug nach Neustrelitz erst in zwei Stunden fuhr.
Dieser Umstand bereitete mir äußerstes Unbehagen, verzögerte sich doch meine ohnehin verspätete Ankunft in der Polizeischule zusätzlich. Zudem wusste ich nicht, wie man dort auf mein Zuspätkommen reagieren würde, ob Sanktionen oder Bestrafung drohten. Abgesehen vom Vertrauensverlust unserem Klassenleiter gegenüber. Aber was nützte es, ich saß selbstverschuldet fest, konnte an meiner verzwickten Situation nichts ändern. Also ab in den nächsten beheizten Warteraum, eine von den ersten im „Westen“ gekauften Apfelsinen essen und bloß nicht einschlafen.
Gesagt, getan, und trotzdem eingeschlafen!
Nach ca. zwei Stunden wachte ich auf, der geplante Zug war abgefahren, der nächste fuhr wieder in ca. zwei Stunden.
Mein Unbehagen wuchs weiter an, Oh Gott, dass würde Ärger geben!
Gegen Mittag erreichte ich endlich mit einem äußerst mulmigen Gefühl die Polizeischule. Der Einlasskontrolldienst hatte mich beim Betreten des Geländes weder schief angeschaut noch sofort in „Ketten“ gelegt, was ja erst mal kein schlechtes Zeichen war. Nun musste ich nur noch, vor wem auch immer zumindest aber unserem Klassenleiter, mein Zuspätkommen erklären. Dazu hatte ich mir auf der Zugfahrt nach Neustrelitz eine Geschichte zurecht gelegt, die zumindest ansatzweise knapp an der Wahrheit vorbei schrammte. Mein Motto „Wollte pünktlich sein, in der großen unbekannten Stadt verlaufen – verfahren – abgehalten worden“.
Mit dieser Geschichte im Kopf betrat ich unsere Unterkunft, in welcher sich auch ein Zimmer unseres Klassenleiters befand. Überall Ruhe, weder Mitschüler noch unser Klassenleiter waren zu sehen. Die Klassenräume leer, äußerst ungewöhnlich. Unseren Klassenleiter fand ich dann in einem Nebengebäude. Nach einem kurzen Gruß wollte ich meine Verspätung begründen, um zu retten, was noch zu retten war.
Geduldig hörte er sich meine Schilderungen an, merkwürdigerweise jedoch ohne sichtbaren Zorn oder Verärgerung. Eher mit einer gewissen Erleichterung darüber, mich zu sehen.
Das sollte verstehen wer wollte!
Bis mir klar wurde, dass ich zu den ersten „Heimkehrern“ zählte!
Und das mit 5-stündiger Verspätung!
Die Erleichterung darüber, so aus der „Nummer“ heraus gekommen zu sein, war groß. Mit Bestrafung gerechnet und dann nahezu als Vorzeigeschüler mit nur 5-stündiger Verspätung gehandelt. Damit hatte ich in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet.
Um es kurz zu machen: Im Laufe des Tages traf dann auch der „Rest der Truppe“ ein. Bis auf zwei oder drei Mitschüler, die sich um Tage verspäteten. Wie darauf reagiert wurde, weiß ich nicht mehr.
Einen Mitschüler sahen wir überhaupt nicht wieder, er nahm unseren genehmigten Tagestrip wohl zum Anlass, lieber gleich im Westen zu bleiben. Bevor es sich einer noch anders überlegt und die Grenze wieder dicht macht.
Was aus meinen damaligen Mitschülern geworden ist, weiß ich nicht.
Ungewöhnlich ist, dass mir beim Betrachten unseres Klassenfotos kein einziger Name eines Mitschülers mehr einfällt. Ich betrachte diesen Umstand als Indiz für den Bann, in dem ich mich in den damaligen Wochen und Monaten befand. Fast jeder neue Tag brachte atemberaubende Enthüllungen, Veränderungen und Neuigkeiten ans Tageslicht, die vielfältig nachwirkten, staunen ließen, nachdenklich machten. U.a. geriet Wandlitz ins Gespräch, Schalk Golokowski, im Neuen Deutschland wurde erstmalig das Programm des „Westfernsehen“ abgedruckt. Da gerieten die Namen in den Hintergrund!
Ja, so war es, mein erstes Mal im „Westen“ und die Erlebnisse dieses Tages, dieser Wochen, werde ich wohl nicht vergessen.
Bildunterschrift: Jörg Friedrich: Obere Reihe, der Dritte von rechts.
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Gruppenbild der Polizeischüler in Neustrelitz. (Jörg Friedrich: Obere Reihe, der Dritte von rechts.)
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