Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
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Regina Rühlemann: Die Wende

Zwanzig Jahre nach der Wende kann ich sagen, ich war keinen Tag arbeitslos bis zum Ende des 60. Lebensjahres und dem Ende der Altersteilzeit.
Was uns aber in der Zeit der Wende als Erzieher bewegt hat, möchte ich hier einmal aufschreiben.

Die Wende

In der Weinert-Schule ging im September 1989 das Gerücht um, die Wiedervereinigung kommt. „Unvorstellbar", keiner konnte es glauben. „Wir sind viel zu unterschiedlich, um unsere Staaten zu vereinigen". „Das wäre viel zu teuer", sagten die einen, „das wäre eine Vergewaltigung", sagten die anderen. Aber die Montags-Demos mit den Rufen „Wir sind das Volk!" „Keine Gewalt!" läuteten die Wiedervereinigung ein. Abend für Abend saßen wir an den Fernsehgeräten und verfolgten gebannt das Tauziehen der Politiker. Erich Honecker suchte Asyl in der Kirche, die er einst abgelehnt hatte. Aber sein Satz" Jeder hat ein Recht auf Arbeit! sollte bald eine besondere Bedeutung für uns erlangen.
Wie staunten wir über die Wohnungen im Regierungsviertel in Wandlitz. Die Nachrichten überschlugen sich. Die Grenzen wurden geöffnet. Fast alle fuhren gen Westen, um das Begrüßungsgeld von 100 DM pro Person zu kassieren. Es sollte der BRD eine große Lücke in den Staatshaushalt reißen, die kaum zu stopfen war. Im Westen sagte man: Jetzt können wir uns die Wiedervereinigung leisten.
In uns Erziehern war Angst, entlassen zu werden.. Angst um unseren Beruf, um unsere Abschlüsse. Zu verschieden waren die Bildungssysteme der zwei deutschen Staaten. Auf uns kam eine halbjährige Zusatzqualifizierung zu unserem Fachschul-Abschluss zu, wenn wir weiter als Erzieher im neuen Staat arbeiten wollten. Also drückten wir abends und an den Wochenenden die Schulbank.
Alles wurde für uns anders: Die Allianz übernahm die Versicherungen, wir wechselten in uns fremde Krankenkassen, das Gehalt wurde ab Juli 1990 in DM ausgezahlt, die Intelligenz-Renten gestrichen, die Kontaktstunden erhöhten sich, der Haushaltstag fiel unter den Tisch und unsere Ehrentage wurden abgeschafft. Es war nicht leicht, mit allem fertig zu werden. Keiner feierte mehr den Frauentag, ein anderes Datum gab es für den Kindertag, Tag des Lehrers fiel weg, Tag des Eisenbahners, des Gesundheitswesens und, und, und ... Dafür kamen kirchliche Feiertage und uns unbekannte Ehrentage: der Valentinstag, der Muttertag, Halloween ... Alles änderte sich!

Nur wir, die Ostdeutschen, die gelernten DDR-Bürger, die in diesem Staat aufgewachsen, studiert und gearbeitet hatten, wir waren noch dieselben, waren hin- und hergerissen zwischen den zwei Systemen.
Aber wir waren unendlich froh, dass es friedlich zugegangen war bis zur Wiedervereinigung.
Was nun folgte war nicht nur schön: Schließung der Volkseigenen Betriebe, Ausverkauf der DDR, Abwicklung von Einrichtungen, Arbeitslosigkeit für Millionen. So hatten wir uns das nicht vorgestellt!
Man musste sich neu orientieren, ohne das Mäntelchen in den Wind zu hängen.

Im neu eröffneten Supermarkt erschlug uns fast das Warenangebot. Wir testeten vieles: die Schrottautos aus dem Westen, das duftende Waschpulver und die vielen Seifen, die Haarfarben, den Joghurt und stellten fest, dass viele uns unbekannte E´s auf den Etiketts standen, dass die Margarine nur 40 % Fett enthalten konnte und vieles mehr.

Für uns Erzieher am meisten spürbar war, dass wir nun nicht - wie herkömmlich - nach einem einheitlichen Bildungs- und Erziehungsplan arbeiteten. Alles wurde individueller, ein neuer Elternrat wurde gewählt, Hausbesuche bei den Eltern der Hortkinder wurden nur noch bei Bedarf vorgenommen. Aber es gab auch Stimmen, die waren gegen alle Neuerungen. Für sie gehörte es zum guten Ton, einfach gegen alles Neue zu sein.
Für uns war die Übergangszeit eine schwierige Zeit. Plötzlich sollte alles nicht mehr richtig sein, was wir bisher für richtig hielten? Zweifel plagten uns, waren wir für die Schulkinder noch glaubwürdig? Viele Dienstberatungen und Weiterbildungen halfen uns, die ersten Schritte in die neue Zeit zu gehen. Eine Abwanderungswelle in die alten Bundesländer setzte ein.

Eine Phase der Veränderung wechselte die andere ab.
Dadurch, dass viele junge Mütter arbeitslos wurden, gab es von Jahr zu Jahr weniger Kinder. Der Babyboom war vorbei.
Für uns hatte das zur Folge, dass immer weniger Kinder eingeschult wurden, und, weil die Mütter teilweise zu Hause waren, nicht mehr den Hort besuchten.
Wieder saß uns die Angst im Nacken, dass wir entlassen werden. Unsere Wohnungen waren zu klein, um als Tagesmutter zu arbeiten. Der Mann hatte da auch das letzte Wort zu sprechen.

Aber irgendwie ging es weiter. Gruppen wurden zusammengelegt, Dienstgespräche geändert, die Gruppenarbeit noch interessanter gestaltet, dass die Kinder am Nachmittag noch einmal zurück in den Hort kamen, obwohl sie nach dem Mittagessen nach Hause gehen konnten.
Heute greift man auf manches Erprobte aus der DDR-Zeit zurück, was sich bewährt hatte. Ich denke da an die Krippen, Öffnung der Schulen und Ganztagserziehung.
Wir können sagen, wir waren dabei in der Umbruchszeit. Es war eine interessante aber schwierige Aufgabe.


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