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Um mein „Herbst 89 - Erlebnis" etwas deutlicher zu machen , muss ich mit dem Mauerbau 1961 beginnen. Meine Eltern und mein 10 Jahre jüngerer Bruder wohnten in Berlin - Mariendorf, ich selbst lebte mit Ehemann und zwei Kindern in Berlin - Friedrichshain. Unsere Familien wurden also im August 1961 durch die Mauer willkürlich getrennt, gegenseitige Besuche waren nicht mehr möglich. Wir alle litten sehr unter der plötzlichen Trennung. Besonders mein Vater war untröstlich, konnte er doch seine geliebten Enkelkinder, die damals 3 Jahre bzw. 1 Monat alt waren, nicht mehr sehen. Aus lauter Gram darüber verstarb er 1964. Ich versuchte mit etlichen Anträgen, wenigstens an seiner Beerdigung teilzunehmen um mich zu verabschieden. Der herzlose und menschenverachtende Antwort darauf war : „Was wollen Sie denn dort, Ihre Familie ist doch hier" !!! Um wenigstens das Gefühl der Nähe zu haben, bekam ich in Briefen meiner Mutter in versteckter Form Tag und Uhrzeit mitgeteilt, wann sie sich an auf der Westseite der Spree an der Oberbaumbrücke einfinden würde. Ich stand in der Mühlenstrasse im Bezirk Friedrichshain mit meinen Kindern - wir dachten aneinander und weinten ... das war unser Familienleben. Im Jahr 1969 verstarb dann auch meine Mutter, ohne dass wir uns noch einmal in die Arme schließen konnten .
Im Herbst 1989 brodelte es überall in Berlin, die Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen wuchs, auf dem Alexanderplatz fanden Protestveranstaltungen statt. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt bekam ich meine erste und einzige Kur - Genehmigung. Ich fuhr am 9.November 1989 früh um 6 Uhr nach Friedrichroda in Thüringen. Abends nach dem Abendessen saßen wir im Gemeinschaftsraum und vernahmen die Worte von Günter Schabowski zur Öffnung der Mauer. Wir glaubten alle an einen Scherz und mir, als einzigste Berlinerin in der Runde, verschlug es die Sprache ... Da hatte ich 28 Jahre direkt neben der Mauer gelebt und jetzt konnte ich die Öffnung nur von weitem verfolgen ! Mein Entschluss stand fest - ich musste nach Berlin, endlich meinen Bruder wiedersehen ! Am nächsten Morgen war ich die erste beim Kurarzt. Ich war entschlossen, die Kur abzubrechen. Die Reaktion des Kurarztes war für mich ernüchternd als er sagte „ich kann meine Mutter auch nicht jede Woche sehen. Sie können natürlich die Kur abbrechen, müssen dann aber den Aufenthalt und die Anwendungen trotzdem bezahlen". Das konnte ich aber finanziell nicht, so musste ich die Zeit tapfer durchhalten. Viel schlimmer als seine Ablehnung aber war für mich die Arroganz und die Unwissenheit über die vielen tragischen Schicksale, die sich mit der Mauer in vielen Familien abgespielt hatten.
Mein „Mauerfall - Feiertag" war dann die Silvesternacht 1989/90 als ich mit einer Bekannten mit Sekt am Brandenburger Tor anstoßen und die offene Grenze genießen konnte !
Inzwischen wohne ich in Mecklenburg -Vorpommern in der Nähe meiner Tochter. Jede Fahrt durch Berlin ist jedoch immer noch mit der Erinnerung an die furchtbare Zeit der Trennung der Familie verbunden und wir genießen die gemeinsamen Stunden in der Familie umso intensiver.
Inge Fischer
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