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Karla Quander: Mein Herbst 89 |
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Eigentlich war es ein Herbst wie jedes Jahr, aber es sollte doch anders kommen. Wir, mein Vater und zwei Geschwister von mir hatten einen Antrag gestellt, am 9. November 1989 zum 75. Geburtstag unserer Tante in den Odenwald fahren zu dürfen. Erst musste der Arbeitgeber und dann die Polizei ihre Zustimmung und somit die Zählkarten für die Fahrt gen Westen geben. Bis zwei Tage vor Abreise wusste noch niemand von uns, ob es klappen würde oder nicht. Vielleicht hätte auch nur einer von uns fahren dürfen? Es klappte und wir fuhren alle vier gen Odenwald.
In unserem Abteil saß noch ein junges Ehepaar mit einer etwa sechsjährigen Tochter; ihre Puppe hatte sie unter dem Arm. Als ich mir das Gepäck der Familie so angeguckt hatte, dachte ich, das wird ein Urlaub ohne Rückkehr. Sie hatten die Federbetten und andere Utensilien auf den Koffer geschnallt. Im Gespräch erfuhren wir dann, sie mussten ins Auffanglager nach Gießen. Als unser Zug nun langsam zum Grenzübergang „Oebisfelde“ fuhr, war fast Totenstille im Zug. Es wurde kaum gesprochen, alle Reisenden hatten ihre Papiere schon bereit. Meine Schwester hatte den Reisepass so fest in der Hand, dass das DDR-Emblem auf ihrer Handfläche abgedruckt war. Dann kam die Kontrolle; drei Beamte und zwei Hunde. Es war entwürdigend, denn unser Vater wurde gleich angeschrieen, weil er für einen Augenblick aus dem Fenster sah, statt die Beamten anzuschauen. In Gießen stieg die Familie dann aus und wir wünschten ihnen noch alles Gute.
Was wir da noch nicht wussten, diese Familie war sicher eine der letzten, die in das Lager mussten. Als wir ziemlich spät bei unserer Tante ankamen, war dort schon Stimmung, „Die Mauer ist auf“. Das war ein Hallo. Wir hatten sofort mit unseren Familien zu Hause telefoniert; sie sollten kommen. Leider waren alle Straße und Autobahnen zu. Am nächsten Morgen hatten wir aber in Michelstadt schon den ersten Trabi gesehen und der wurde natürlich richtig begrüßt.
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