Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Kai-Uwe Rührmund: Mein größtes Abenteuer

Zusammen mit einem Arbeitskollegen beantragte ich 1988 einen Urlaubsplatz für 1989 in Ungarn am Balaton. Damals reifte in uns der Plan, sollte der Urlaubsplatz bewilligt werden wollten wir versuchen über die Grenze nach Österreich in die BRD zu kommen.

Der Urlaubsplatz wurde uns zugesagt und so fuhren wir im Juli 1989 mit dem Auto nach Ungarn ohne genaue Vorstellungen, wie wir unsere Flucht nun gestalten wollen. In Ungarn angekommen, teilte mir mein Freund nun aber mit, dass er nun doch nicht in die BRD sondern wieder zurück in die DDR reisen werde. Ich konnte ihn gut verstehen, denn eine Flucht war gefährlich und der Gedanke, seine Familie über viele Jahre nicht sehen zu können, war eine große psychische Belastung.

Also war ich nun nur auf mich allein gestellt.
In meinem Urlaubsort gingen Gerüchte um, dass an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich noch geschossen wird und von einem Abbau der Grenzanlagen war nichts bekannt.
Um das Risiko möglichst klein zu halten erschien mir die Flucht nach Jugoslawien als gute Alternative. Dieses Land hatte zwar auch eine kommunistische Regierung, war aber der westlichen Welt mehr verbunden als dem Osten.
Am Abend des 10. August 1989 packte ich mir eine kleine Tasche (ein Paar Schuhe, ein T-Shirt, eine Hose und Unterwäsche) und ließ mich an die jugoslawische Grenze fahren. Von dort aus wollte ich nach Zagreb trampen, dann mit der Bahn nach Belgrad fahren und dort in der deutschen Botschaft um Hilfe bitten.
Da wir die Grenze noch in der Dämmerung erreichten, sprang ich aus dem langsam fahrenden Auto und versteckte mich bis zur Dunkelheit im Straßengraben.
Gegen 21 Uhr machte ich mich auf den Weg.
Nachdem ich Felder, Wiesen und einen Wald passiert hatte kam ich an eine Straße die Richtung Zagreb führte. Ich folgte der Straße und immer wenn ein Fahrzeug kam, sprang ich in den Straßengraben und wartete. Gegen 2 Uhr erreichte ich eine lange Brücke. Das andere Ende konnte ich nicht sehen und da ich keine Bewegungen erkennen konnte ging ich los. Als ich über die Hälfte der Brücke überquert hatte, bemerkte ich am anderen Ende zwei Personen. Zurückrennen konnte ich nicht. Das wäre zu auffällig. Also ging ich weiter. Als ich sie erreicht hatte fragte mich der eine: "Passport?". Ich reagierte nicht, ging einfach weiter und dann kam das Geräusch, das ich in meinem Leben nie vergessen werde. Das Klacken beim Durchziehen einer Kalaschnikow (russisches Maschinengewehr). Nun blieb ich natürlich doch stehen, wurde verhaftet, der Polizei übergeben und verbrachte die erste Nacht mit Handschellen an eine Holzbank gefesselt. Am folgenden Tag hatte ich eine 5-minütige Verhandlung und wurde zu 20 Tagen Haft wegen illegalen Grenzübertritts verurteilt.

Das Gefängnis entsprach wohl den Vorstellungen, die jeder von einem Ostgefängnis hat. Kaputte Fenster, zwei Doppelstockbetten, eine kleine Bank an der Wand, zwei Stühle und ein kleiner Tisch am Boden festgeschraubt. Das Klo trennte eine ca. 1 Meter hohe Wand vom Rest der Zelle. Die Benutzung erfolgte im Stehen und man konnte sehen, was die anderen tun. Morgens ertönte eine Sirene und man musste das Bett verlassen. Am Tage durften die Betten nicht benutzt werden. Am Abend gab es ein halbes Weißbrot, welches bis zum nächsten Abend reichen musste. Zum Mittag gab es eine Schüssel mit Haferschleim. Vormittags wurde jede Zelle einzeln auf den Hof geführt und im Gleichschritt ging es 15 Minuten um einen Baum und dann wieder in die Zelle. Zweimal in der Woche durften wir im Keller duschen (natürlich kalt) und einmal in der Woche musste man sich rasieren. Dazu gab es eine Klinge für zwei Leute.
Übrigens war ich mit zwei Rumänen und einem Jugoslawen in der Zelle.
Nach 21 Tagen wurde ich entlassen und durch zwei Polizisten nach Belgrad gebracht. Auf dem Bahnhof wartete schon ein Gefängniswagen auf mich, der mich in das nächste Gefängnis brachte. Das war eine Art Aufnahmelager, wo sich unter anderem auch neun Deutsche befanden. Die Zellen waren für zehn Personen. In der ersten Nacht waren wir 42 Männer in der Zelle. 20 schliefen in den Betten (der Kopf des Anderen bei meinen Füßen und umgekehrt) und die Matratzen lagen für die anderen 22 auf dem Fußboden.
Nach zwei Tagen wurden wir Deutschen entlassen. Die UNO erstellte uns ein Ausreisevisum und brachte uns zur deutschen Botschaft. Dort erhielten wir einen Pass und das Geld für die Fahrkarte von Belgrad nach Gießen. Am 14.09.2009 reiste ich in die BRD ein!

Im Nachhinein glaube ich, dass das Schlimmste die Tatsache war, dass man keine Informationen bekam, wie es nach dem Gefängnis weitergeht. Es sprich niemand deutsch und die Angst in die DDR abgeschoben zu werden ist sehr groß.


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