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Mein Sohn hatte zu dieser Zeit die Ausreisegenehmigung für Ende November 1989 in der Tasche. Er, seine Frau, mein Lebensgefährte und ich sahen die Maueröffnung getrennt im Fernsehen. Natürlich stand für den Sohn fest: Wir reisen sofort aus. Die Möbel waren schon verpackt, nur der Dackel Maja musste noch versorgt werden. Mit der 10-jährigen Melanie und transportierbarem Gepäck sollte es am Sonntag früh mit dem Zug losgehen. Der Versuch meine Kinder hier zu behalten scheiterte. Mein Organisationstalent erwachte.
„Mit dem Auto ersparst du ihnen viel Mühe“. Also musste Benzin her. Auf zu der Tankstelle Leipziger Chaussee. Wieso war an der Kreuzung Merseburger Straße / Raffinerie Straße schon Stopp?
Den Gedanken, noch schnell Benzin zu holen, hatten viele. So stand ich von 19.30 bis 2.00 Uhr nachts nach Sprit an. Diese Tankstelle war in der Stadt mit 300.000 Einwohnern die einzige Nachttankstelle. Sonnabend so gegen 23.00 Uhr sind wir , 5 Personen mit einem wahnsinnigen Gepäck, über Herleshausen nach Gießen gefahren.
Ich versuchte auf der linken Fahrspur mit meinem Citroen soviele Autos wie möglich hinter mir zu lassen. Ich bekomme noch heute Gänsehaut wie damals, wenn ich daran denke, wie wir den Grenzstreifen überfuhren; als rechts und links die Sicherungsmauern der DDR noch sichtbar waren.
An der Grenze stand ein Schild: Besucher und Ausreisende Richtung Tankstelle Herleshausen. Wir „Alten“ waren wieder im Westen; für meine Kinder aber war es das 1. Mal. Viele Menschen empfingen und umjubelten uns und reichten Sekt. Es waren wohl Holländer, ich begriff nichts.
Gießen war belegt und wir mussten dann im Nebel nach Fulda. Ich funktionierte, konnte kaum noch denken. Gegen 4.00 Uhr wurden wir in einer Kaserne in Fulda empfangen, bekamen Nachtessen mit der Bitte, den Abwasch zu erledigen. Wir taten es gern und spülten auch noch den großen Berg Teller, der vor uns Angekommenen.
Mein Lebensgefährte und ich durften dort auch noch übernachten und bis nach dem Frühstück bleiben. Dabei kamen uns in Fulda wohnende Bekannte in Erinnerung. Im Telefonbuch waren sie noch zu finden. Ein Treffen am Vormittag wurde verabredet. Wir machten noch schnell ein Abschiedsfoto mit den Kindern. Leider war kein Film in der Kamera.
Die Freunde luden uns zum Mittagessen ein. Wie bekommt man ein komplettes Menü am Sonntag überraschend auf den Tisch? Die noch gute Garderobe und die sagenhaft unmodernen Ledertaschen, nahm ich ungern, aber artig entgegen. Alles landete später im Container.
Am Nachmittag fuhren wir zurück Richtung DDR und schauten schnell noch einmal in der Kaserne bei meinen Lieben vorbei. Doch das Zimmer war leer. Zurück wurden wir umgeleitet über Dorfstraßen und Feldwege, die von Menschen gesäumt waren. Ich meinte ein Fußballspiel oder Ähnliches sei der Anlass. Auf Nachfrage rief man uns zu: Haltet durch, kommt bald wieder! Damals, wie auch heute beim Schreiben liefen uns Tränen herunter.
Wir verspeisten die durch das Fenster gereichte Schokolade und passierten einen neuen Übergang am Grenzstreifen.
Wieder in Halle lernte ich den Dackel Maja, der nicht mit ausreisen durfte, lieben. Ich konnte sie weder ans Telefon holen noch mit in die Wohnung der Kinder nehmen. Er sprang jaulend in die Betten oder verkroch sich in der Ecke.
Am 1. Advent brachten wir zwei "Alten" in einem völlig überladenen Barkas B 1000 Möbel und Maja in das neue Heim nach Köln. Riesige Freude auf allen Ebenen, bis auf einen Wermutstropfen: Die Hauswirtin bekam von einem "gut situierten Nachbarn" einen Anruf: "Dieses DDR-Auto auf ihrem Hof ist kein sonntäglicher Anblick!!!"
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