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Ich saß am 9. November 1989 am Fernseher und schaute mir die tägliche Pressekonferenz an, die die Tagesereignisse aus Sicht der Partei- und Staatsführung kommentierte. Da wurde dem Redner Günther Schabowski ein kleiner Zettel gereicht. Er überflog ihn kurz. Dann kommentierte er frei dessen Inhalt. Die Quintessenz seiner Aussage war:
Alle Bürger der DDR können ab sofort auch ins westliche Ausland reisen.
Im Saal der Pressekonferenz machte sich großes Erstaunen durch Gemurmel breit. Nach kurzer Zeit donnerten die Hinterfragungen der Journalisten auf den Redner ein. Der aber war über die Nachricht selbst erstaunt und bestätigte nochmals: Die Grenzen sind auf!
Diese Nachricht, so unvermittelt, so absolut unglaublich, löste in den nachfolgenden Tagen Umstellungen in den Denk- und Handlungsweisen der Menschen aus, wie sie nie vorhergesehen werden konnten.
Der EISERNE VORHANG war geöffnet!
Ich saß die ganze Nacht vorm Fernseher und hatte zugleich noch das Radio an, denn von den Grenzübergängen der deutsch-deutschen Grenze wurden Live Berichte über die ersten DDR-Besucher im Westen gesendet. Die Freude der Menschen, dass in dieser Nacht der so verhasste „Eiserne Vorhang" mit einem Satz gefallen war, unbegreiflich!
In Berlin tanzten die begeisterten Menschen auf der Mauer. Völlig Fremde lagen sich in den Armen. Unbeschreiblicher Jubel in ganz Deutschland.
Es war das Ereignis der Weltgeschichte. Die Nachrichten-Agenturen aller Welt hatten das Thema.
Die Mauer zwischen den bislang verfeindeten Blöcken Ost-West begann zu bröckeln.
Ich war gerade in diesen Tagen grippekrank; zum Glück auf dem Weg der Besserung. Da es hieß, man brauche noch eine polizeiliche Bescheinigung zum Grenzübertritt, machte ich mich am nächsten Morgen zum Volkspolizei-Kreisamt auf den Weg, um mir dieses „Papierchen" zu holen. Je näher ich diesem Gebäude kam, um so mehr Leute strömten zu dieser frühmorgendlichen Stunde in diese Richtung.
Schon vor weit der Öffnungszeit des Amtes war dort eine Riesenmenschenmenge versammelt, als gäbe es irgendwas umsonst. Es war ja auch so! Es gab den Schein in der Freiheit. Den Schein, der es Jedermann ermöglichen sollte, seine jahrelang angestaute Neugier endlich befriedigen zu können. Nun, ich wusste ja bereits, was mich im Westen erwartete. Doch was mich jetzt erwartete, übertraf jegliche Vorstellungskraft. Als das Gebäude geöffnet wurde, strömten Hunderte in die Aufgänge. Im Nu waren Möglichkeiten, in den Warteräumen und Gängen einen Platz zum Stehen zu bekommen, derart vollgerammelt, dass man sich nicht mal mehr drehen konnte. Das organisierte Chaos schlechthin.
Man gab sich die Klinke jeder Amtsstube in die Hand. Die Türen konnten später nicht mehr geschlossen werden, so drückten die Massen dagegen. Nach ca. dreißig Minuten rumorte es unter den Anwesenden, da kam endlich das erlösende Wort eines Bediensteten: „Es werden keine Passierscheine mehr benötigt, Sie können ohne reisen, die Grenzen sind völlig offen!" Es dauerte kaum fünf Minuten, da war keine Seele der Wartenden mehr im Gebäude. Wie ein Bienenschwarm stoben alle auseinander.
Als ich nach Hause kam, drängten Barbara und Thomas, auch gleich losfahren zu wollen. Ich musste sie davon abbringen, denn inzwischen war die Autobahn eine einzige Blechlawine. Vom Balkon aus konnten wir ein Stück der Autobahn einsehen und sie konnten sich selbst von der Unmöglichkeit überzeugen. Man konnte nicht einmal über die nahe gelegene Auffahrt auf die Autobahn gelangen. Die im Stau stehenden Autos ließen keinen Zwischenraum zur Auffahrt.
Wir verabredeten, gleich Morgen, dem 11.11.1989 gegen 03.OO Uhr zu starten.
Bei Nacht und Nebel, im wahrsten Sinn der Worte, brachen wir zu nachtschlafender Zeit nach dem 1. Frühstück auf. Den Beginn des Hessenlandes konnte man am Straßenbelag erkennen. Auf Thüringer Seite betonierte Fahrbahnen, auf hessischer asphaltierte; glatt wie ein Babypopo. Als Ziel hatten wir uns den Besuch meines Onkels Willy in Neuenstein-Waltersbrück vorgenommen. Bis zum Autobahndreieck Kirchheim sollte unsere erste Fahrstrecke sein. Dort machten wir gegen 5.30 Uhr eine Fahrpause. Auf der Zufahrt zum dortigen Parkplatz leuchtete uns schon die Reklame von McDonalds entgegen. Auf dieses Rasthaus steuerten wir zu.
An der Tür hing ein Schild: Alle Preise können Sie auch in Mark der DDR bezahlen! Prima, dann brauchen wir das wenige Westgeld, das Barbara von Dollars in D-Mark hatte umtauschen können, ein Geschenk einer Verwandten aus Amerika, nicht angreifen.
Nun probierten wir jeder einen Hamburger und eine Tasse Kaffee. Als Mitbringsel nahmen wir kleine Stoffhündchen mit, die auf den Bauch gedrückt, eine Melodie spielten. Danach haben wir von einem nahegelegenen Möbelhaus die Schaufensterauslagen angesehen. Barbara fiel aus allen Wolken als sie diese Stücke zu sehen bekam. Zu nachtschlafender Zeit rief sie immer wieder ein weiteres Stück entdeckend, „Guck doch mal hier, wie wunderschön das Wohnzimmer.., die Kommode.., die Couch."
Ich musste sie beruhigen, um von den Leuten auf dem Parkplatz nicht gleich als Ossis erkannt zu werden. Nachdem sie sich sattgesehen hatte, fuhren wir in den Ort Kirchheim, um die Ausfahrt in Richtung Neukirchen - Schwalmstadt zu finden. Es war aber derart neblig geworden, man sah vom Auto aus keine Hinweisschilder mehr. Wir kamen an einem Hotelgasthof vorbei, in dem schon Licht brannte. Ich bat Barbara reinzugehen, und nach der Fahrtrichtung zu fragen. Nach drei Minuten kam sie heraus und überbrachte uns die Einladung der Hotelchefin, die uns zum Morgen-Kaffee einlud.
Ganz begeistert war sie vom Empfang ihrer ersten Ossis. Sie hatte flott den Kaffeetisch gedeckt und bat uns Patz zu nehmen. Noch frisch dampfende Brötchen einer unbekannten Konsistenz, reichlich Butter, Käse, verschiedene Wurst- und Marmeladesorten, Eier und literweise Bohnenkaffe fanden wir vor. Es war nunmehr seit unserem Aufstehen das dritte Frühstück, aber noch nicht das letzte!
Immer wieder wurden wir von der Chefin aufgefordert ordentlich zuzulangen. Glaubte sie vielleicht, dass es in der DDR nichts zu essen gab? Oder war es ihrem Metier geschuldet, dass sie immer ihren Gästen so zuspricht? Wie auch immer, es war von ihr ehrlich und herzlich gemeint. Sich nach unserem Weg erkundigend, erklärte ich ihr, meinen Onkel besuchen zu wollen. „Ja weiß der von Ihrem Kommen?" Natürlich nicht. Wie auch. Telefonisch nicht erreichbar, weil man in der DDR ein solches Gespräch erst stundenlang anmelden musste, ehe die Verbindung geschaltet wurde. Für sie unvorstellbar. Sie bot auch gleich an, den Onkel anzurufen und suchte die Telefonnummer heraus. Es klappte sofort eine Verbindung zu ihm, und er freue sich sehr auf unseren überraschenden Besuch. Sein Sohn Jürgen würde uns am Ortseingang erwarten. Es wurde 8.OO Uhr vereinbart und Tschüss bis bald.
Wir bedankten uns bei unserer Gastgeberin und wurden noch in die weitere Fahrstrecke eingewiesen. In Schwalmstadt machten wir kurz Rast und schauten uns die schönen Fachwerkhäuser an. Pünktlich um 8. OO Uhr trafen wir in Waltersbrück ein und wurden von Jürgen und dann von Onkel Willy herzlich in Empfang genommen.
Als wir des Onkels Haus betraten, roch es nach frischen Kaffee. Und haste nicht gesehen, der vierte Frühstückstisch erwartete uns. Nun konnten wir ihm keinen Korb geben und langten halt noch mal zu.
Wir berichteten den Dreien, denn inzwischen war auch Jürgens Freundin Andrea gekommen, was wir bisher erleben durften. Anschließend wurde das Haus und der Garten besichtigt. Danach bot uns Onkel Willy an, mit Jürgen nach Kassel zu fahren, damit wir unser Begrüßungsgeld abholen können. Daran hatten wir noch gar nicht gedacht, den Vorschlag aber gern angenommen. Auf ging es nach Kassel. Wir verbanden diesen Geldempfang mit einem Kurzbummel durch die Kasseler Einkaufsmeile, der Königstrasse.
In der Folge dieses Ereignisses fasste ich meine Empfindungen in die nachfolgenden Gedichte.
Herbststürme
November 1989
Das Volk ist auferstanden. Das Volk hat sich als Volk erkannt.
Der Herbststurm blies den „Bonzen" gar mächtig ins Gesicht.
Volkes Wille ging mit den „Spitzen" gar mächtig ins Gericht.
Viele Jahre haben „sie" versucht, das Volk in Folge zu verdummen.
Ganz anders hatten „sie's gebucht.
Das Volk sollt' für ewig nun verstummen.
Auferstanden aus dem Schlummer einer trüben, grauen Nacht,
erhob das Volk sich über seinen Kummer;
so hatten „sie's" sich's nicht gedacht.
Herbststürme wirbeln nicht nur Laub,
aufgewirbelt wird auch mancher Staub.
Verkrustungen sind aufgebrochen.
Die Zukunft hat uns viel versprochen.
Herbststürmen folgt der Winterschlaf.
Auf das es keiner werde, drum werden wir nicht mehr
so brav uns „führen" lassen wie -ne Herde.
Des Volkes Wille ist erwacht,
aus einer düster finstren Nacht.
Herbststürme gingen dem voran.
Nun gilt für alle, Frau und Mann: Kopf hoch,
den Blick nach vorn gerichtet und alle Vorteile gar wohl gesichtet.
Vorteile sozial und richtig frei,
wir das Volk, wir sind dabei!
Es kommt der Tag in irgendeinem Jahr,
da wird der Herbststurm sich wohl legen.
Bis dahin machen wir es wirklich wahr,
Privilegien und Macht davon zu fegen.
Umbruch
Februar 1990
Auferstanden aus den Klauen,
dieser betonierten Macht,
ist ein Volk aus Leipzig, Dresden, Plauen,
auferstanden aus der Nacht.
Auf dem Weg in einen Morgen,
der der Zukunft zugewandt,
wurde trotz ganz and'rer Sorgen
zuerst die Mauer eingerannt.
Eine Revolution, energisch doch friedvoll:
„Wir sind das Volk - wir!"
Die Welt war sprachlos - fand es toll.
„Wir sind das Volk! - Wir bleiben hier!"
Ihr Menschen, Politiker aus allen Ländern,
wir bitten jetzt Euch all';
lasst uns mit Euch das Alte ändern.
Doch versteht auch - es bleibt unser Fall.
Wir gehen auf diesen neuen Wegen,
mit neuen, and'ren Schritten.
Wir werden die alte Macht hinwegfegen,
wir haben lang genug gelitten.
Blicke in die Zukunft
März 1990
Aufrecht geh'n wir wieder, aufrecht ist der Blick.
In die Hände nehmen wir wieder, unser eigenes Geschick.
Viele Trümmer sind hinwegzuräumen.
Viel Neues, Bess'res ist zu tun.
Von „Neuem" ist nicht nur zu träumen,
schon gar nicht mal von Ruhm.
Es gibt so viel zu machen, es gibt so viel zu tun.
Einst werden wir darüber lachen, wie wir begonnen, nun.
Die Ärmel hochgekrempelt, und Taten nun vollbracht.
Wir wurden einst gestempelt, als Land - betonierter Macht.
Das Alles soll sich ändern. Das Alles anders werden.
Die Grenzen zu den Ländern, die sollen off'ner werden.
Die Zukunft liegt in uns'ren Händen,
ergreifen wir sie eiligst, schnell.
Schreibt nieder sie in neuen Bänden.
Der Horizont - er wird schon hell.
Begonnen hat das Volk die Wende
und geht auf völlig neuen Wegen.
Nimmt das Geschick in seine Hände,
empfindet dies als einen Segen.
Vorwärts ist der Blick gerichtet,
und einer neuen Zukunft zugewandt.
Uns hat der Nebel sich gelichtet,
ein neuer Morgen wird uns bald bekannt.
Die Hoffnung ist's, die uns das tragen lässt.
Die Hoffnung auf ein bess'res Morgen.
Wir hoffen auch, dass Ihr uns nicht vergesst,
mit uns'ren großen und kleinen Sorgen.
Hoffend auf den Beistand von Euch allen,
bei unseren neu beschritt'nen Wegen.
Unser Ruf soll nicht ungehört verhallen,
nur so wär's wirklich auch für uns ein Segen.
Rückblick auf den DEUTSCHEN BRUCH
Mai 1990
Nach Ein- BRUCH und Zusammen- BRUCH
des stalinistischen Sozialismus erkämpften die revolutionären Kräfte
den demokratischen Um- BRUCH in der DDR.
Auf- BRUCH- Stimmung hier und da,
so endete des 89-iger Revolutionsjahr.
Ein altes 89-Jahr - ein neues Glück?
der Übersiedlerstrom ging nicht zurück.
Abstimmung mit den Füssen,
die Ausreißer ließen grüßen!
Neue Parteien, neue Listen, die wir so lange einst vermissten.
Ein BRUCH mit alter Gepflogenheit,
Das „Zettelfalten" - „Wahl" genannt - Vergangenheit.
Die Wahl, sie bracht' es an den Tag.
Favoritensturz - auf einen Schlag.
Mit der „Allianz" ein neuer Beginn,
die schnelle D-Mark - unser Gewinn?
BRUCH mit dem gespaltenen Zopf, Deutschland bald in einem Topf?
BRUCH mit den Auffanglagern, und gezahlten Überbrückungsgeldern.
Die Zeit ist gekommen, den Wahlreden haben wir's entnommen:
DEUTSCHLAND EINIG VATERLAND.
„Es soll zusammenwachsen, was zusammen gehört". (Willy Brandt)
Der deutsche BRUCH, wird er nun nur gekittet?
Der Autor deshalb darum bittet:
Lasst wachsen Deutschland, einig sein.
Geht europäische Wege nicht allein.
Spart nicht mit Augenmaß, nicht mit Verstand.
Denn: Es ist unser gemeinsames Vaterland!
Es gehört den Deutschen in Ost und West.
Das Ihr es niemals nicht vergesst!
Wenn wir uns - weitblickend - damit beeilen,
dann wird der deutsche BRUCH schon heilen.
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