Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Annemarie Giegler: Die Wende beruflich und privat
Heute ist es nun fünfundzwanzig Jahre her, dass ich im VEB Kohlehandel Neubrandenburg, Lager Templin, tätig bin. Zuerst im Ein- und Verkauf, nach einer Qualifizierung als Ökonom, und seit ein paar Jahren als Betriebsteilleiter. Manchmal war es für eine Frau nicht so einfach.
Für den Nachmittag hatte sich unser Direktor aus Neubrandenburg angesagt. Bei einer Tasse Kaffee wollten wir noch etwas zusammensitzen, unsere Kolleginnen hatten ein paar Brötchen zurechtgemacht, Kuchen stand auf dem Tisch. Zuvor aber hatten wir eine Besprechung. Ich sollte einen Kollegen im Betriebsteil einstellen, der bis zu diesem Zeitpunkt für den Bau unseres neuen Umschlagplatzes zuständig war. Weil ich seine Arbeitsweise kannte, die nicht mit unseren Vorstellungen vereinbar war, lehnte ich die Einstellung ab. Erst vor einigen Jahren habe ich erfahren, dass dieser Kollege mich parteilose Frau ablösen sollte. Der Direktor und ich saßen nebeneinander, und waren doch meilenweit voneinander entfernt. Er sprach mir seinen Dank für meine 25-jährige Tätigkeit im Betrieb aus und wies darauf hin, dass sich nun auch für die Mitarbeiter unseres Betriebsteiles in den nächsten Wochen die Arbeits- und Lebensbedingungen verbessern würden. Der neue Umschlagplatz mit Hochbunkern, Absackmaschinen und computergesteuerter Waage war fast fertig gestellt.
Der eiserne Ofen glühte, die Tapeten knisterten an den Wänden, sie mussten ja die Baracke zusammenhalten, und von der Wand blickten Erich Honecker und Willi Stoph herab. Wir alle waren etwas bedrückt. Jeder wollte pünktlich nach Hause und die neusten Nachrichten hören.
Zu Hause angekommen, stand ich mit dem Arm voller Blumen vor der Hautür und warf einen Blick in den Briefkasten, wo ich einen Brief von meiner Tochter fand. Er kam mir sehr fremd vor. Über einen Brief freute ich mich immer sehr, aber dieser Brief war nicht mit dem blau-roten Rand der Luftpost, sondern mit einem Stempel aus Füssen versehen! Schnell lief ich die Treppe hoch, riss den Brief auf und traute meinen Augen nicht. Sie schrieb: „Seit ein paar Tagen sind wir in Füssen.“ Wer, wo oder was ist Füssen? Bis mir die Erkenntnis kam: Füssen liegt in Westdeutschland! Nur ein Gedanke stürmte auf mich ein, werde ich mein Kind und die beiden Enkel jemals wieder sehen? War es bisher schon schwierig gewesen, hatten wir uns doch wenigstens ein- bis zweimal in Budapest gesehen. Wie gelähmt stellte ich meine Blumen ein, dann war es mit meiner Beherrschung vorbei. Ich weinte fassungslos, die Tränen liefen nur so über mein Gesicht. Als ich mich etwas beruhigt hatte, schaltete ich den Fernseher ein. Günter Schabowski sagte gerade, er wendete das Blatt Papier hin und her: „ Die Grenzen sind offen! Ja, sofort.“ So als wäre es das Normalste von der Welt und nicht ein erschütterndes, folgenschweres Ereignis. Ich konnte es nicht begreifen. Wenig später rief ein Kollege an und fragte: „Kann ich morgen frei nehmen?“ „Warum?“ wollte ich wissen. „Hast du nicht gehört, die Grenzen sind auf, ich will nach Berlin fahren!“, gab er zurück. Glauben und fassen konnte ich es noch immer nicht, aber es stimmte wohl. „Kommst du wieder zurück?“ „Klar!“ war seine Antwort.
Wir saßen fast die ganze Nacht vor dem Fernseher und verfolgten die Ereignisse. Was für ein Wechselbad der Gefühle! Das war der 9.November 1989. Die Ereignisse überschlugen sich. „Wir sind doch lernfähig“, war zu hören auf den Versammlungen. Nun wir hörten auch: „Heizen muss man immer, euer Betrieb ist sicher.“ Wer hätte gedacht, dass sich in kurzer Zeit alles dermaßen verändern würde.
Wir waren nun auf unserem großzügig erbauten Umschlagplatz. Etwas besonderes in unseren nun mit heller Auslegware ausgestatteten Büroräumen war, dass wir Computer hatten. Welch eine Arbeitserleichterung! Auf dem Lagerplatz in der Stadt wurde die Baracke abgerissen und ein kleines, modernes, Verkaufsbüro errichtet mit weißen Möbeln und ebenfalls standen nun Computer zur Verfügung. Welche Errungenschaften! Nur die Freude dauerte nicht lange an.
Viele Menschen ließen sich Öl- oder Gasheizungen einbauen. Die Betriebe verschwanden nacheinander. Der Umsatz sank rapide und die ersten Mitarbeiter mussten entlassen werden. Ständig wurden nun Mitarbeiter entlassen. Welch eine Ironie! Endlich hatten wir einen modernen, riesigen Umschlagplatz auf dem für die anliegenden Betriebsteile mit eingelagert werden sollte. Unter den schwierigsten Bedingungen hatten wir gearbeitet, nun wurden diese Anlagen und auch unsere Mitarbeiter nicht mehr gebraucht. Ich bin 1991 am Ende des Jahres in den Vorruhestand gegangen. Auf dem Umschlagplatz liegen nun Schutt und Schotter.
Das waren sehr bewegende Monate. Ich habe aus meiner Sicht und der des Betriebes, der mir sehr ans Herz gewachsen war, geschrieben. Es war eine sehr, sehr aufregende Zeit voller Veränderungen, eine Wende – eine Wendezeit!

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