Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Detlef Grabert: "Ich komme vom Neuen Forum"

Mit der Gründung des Neuen Forums am 09.09.1989 bekam der Druck auf die DDR-Regierung eine neue Dimension. Besonders die massenhafte Zustimmung in der Bevölkerung führte zu einer Zurückdrängung der staatlichen Macht. Demonstrationen, Gründung neuer Oppositionsgruppen, das Verlassen der Kirchen und die Eroberung öffentlicher Räume, Runde Tische und andere politische Aktivitäten drängten den Machtanspruch der SED immer weiter zurück.

In Strausberg war die Bevölkerung staatsgläubiger als in anderen Teilen der Republik. Erst am 06.11. gründete sich das Neue Forum in Strausberg in der Landhausstraße 24. Dort trafen sich ca. 50 – 60 Leute in der Wohnung von Holger Ohlhorn. Ergebnis einer erregten Diskussion war die Gründung von drei Arbeitsgruppen, welche sich bei ihrer ersten Zusammenkunft Sprecher wählten.

1. Arbeitsgruppe „Wirtschaft und Ökologie“ – Sprecher: Sieghart Sternitzke
2. Arbeitsgruppe „Kultur, Bildung und Wissenschaft“ – Sprecher: Holger Ohlhorn
3. Arbeitsgruppe „Staat und Recht“ – Sprecher: Detlef Grabert

Als Sprecher einer Arbeitsgruppe gehörte ich automatisch zum Kreissprecherrat. Der hatte sich bereits Mitte Oktober in Petershagen gegründet. Im Dachstübchen von Michael Furmannek saßen dort wöchentlich ca. 25 Menschen aus den größeren Orten des Kreises Strausberg. Sehr schnell waren wir uns einig, dass wir eine Demo in Strausberg organisieren müssen. Aber wie? Wir hatten nichts, keine Computer, keine Vervielfältigungstechnik, keine Druckmöglichkeiten, keine Strukturen, kein Verteilungssystem, keinen Zugang zu den Staatsmedien, nur ein paar alte Schreibmaschinen und unseren unbändigen Willen.

Dafür hatten wir genug Spitzel in unseren Reihen und die Hauptamtlichen der Stasi am Hacken, die sich nicht scheuten, unsere Autos zu demolieren oder uns telefonisch Morddrohungen zu übermitteln. Dies hielt uns nicht davon ab, trotz Maueröffnung innerhalb von sechs Tagen die größte jemals in Strausberg stattgefundene Demo auf die Beine zu stellen. Dazu gehörte die Durchsetzung der Anmeldung der Demo einer verbotenen Organisation bei der Polizei, Beschaffung eines Plattenanhängers mit Aufstiegsleiter, Lautsprecheranlage, Stromanschluss, Organisation von Ordnern (mit Armbinden), Bereitstellung von Sanitätern mit Sanitaschen (meine Aufgabe) und die Bekanntmachung von Termin und Ort. Eigentlich unlösbare Probleme. Also begab ich mich zum DRK und erklärte zum ersten Mal öffentlich: „Ich komme vom Neuen Forum.“ Diese Äußerung löste damals ein mittleres Beben aus. Die Leiterin erklärte mir, sie hätte da niemanden zur Verfügung und es ginge ja bestimmt nur gegen die Armee. Das führte meinerseits zu der Gegenfrage, ob ihr Mann vielleicht Offizier sei? Sie erklärte sich dann immerhin bereit, uns Sanitaschen zur Verfügung zu stellen, wie ich später erfuhr besonders große und schwere, während bei staatlichen Aufmärschen kleine und leichte zum Einsatz kamen. Die lud ich gegen Quittung in meinen Kofferraum, während mir ein jüngerer Mann erklärte, er wäre der Parteisekretär und ob denn SED-Mitglieder auch auf unserer Demo sprechen könnten? Meine Gegenfrage lautete, wie viel Regimekritiker denn bisher auf SED-Veranstaltungen sprechen konnten? Da fiel ihm keine Antwort ein und er nickte nur. Anschließend fuhr ich zum Betriebsgesundheitswesen, einer Baracke in der Hegermühlenstraße. Da wusste ich wenigstens, dass der Mann der Leiterin General der NVA war. Die unterhielt sich zwar mit mir, erklärte aber, dass sie nicht genug ausgebildete Sanitäter hätte, niemanden etwas befehlen könne und ich sollte mich doch an das Kreiskrankenhaus wenden. Gesagt – getan. Die Oberschwester (oder Oberin) sagte sofort zu, erklärte, sie würde selbst kommen und unter den Schwestern werben. Meine Aufgabe war erfüllt und ich stellte für mich fest, je öfter man sagte „Ich komme vom Neuen Forum“, je leichter ging es einem von den Lippen und je mehr Selbstbewusstsein entwickelte man, da einem erstaunlicherweise nichts geschah. Die Vorbereitungen für die Demo gingen weiter, die Arbeitsgruppe traf sich, der Kreissprecherrat traf sich, Versammlungen in der Kirche Petershagen, ich musste mich um meine pflegebedürftige Mutter kümmern, Autos reparieren (mein Broterwerb), die Tage hatten nicht genug Stunden.

Während wir am 09.11.1989 in der Kirche Petershagen saßen, kam jemand und rief: „Die Mauer wird geöffnet!“ Unglaubliches Durcheinanderreden, ein unvorstellbarer Gedanke. Wir kamen zu der Auffassung, dass da jemand wohl etwas falsch verstanden habe. Ich fuhr gegen 23.00 Uhr nach Berlin, wo ich bei Freunden übernachten wollte, war gegen Mitternacht schon halb im Bett, schaltete aber noch mal den Fernseher an und fiel fast vom Stuhl; die Mauer war auf! Also wieder anziehen, um schnell mal den Wartburg am Kudamm zu parken. Da musste ich bis zum Bahnhof Baumschulenweg zurückfahren, um mich hinten an die Autoschlage anzustellen. Nur ein Skoda war schwer beladen, die wollten im Westen bleiben. Langsam, in Schüben, ging es vorwärts. Keine Kontrollen an der Grenze Sonnenallee, die Uniformierten waren arbeitslos. Die Stop und Go`s kamen von einer Ampel in der Sonnenallee, die ohne Querverkehr fleißig weiter in Betrieb war. Erst mal zum RIAS, ob die nicht für unsere Demo werben könnten, wollten sie nicht, sie wollten sich nicht in die inneren Angelegenheiten der DDR einmischen. Vom „Neuen Forum“? also ein Interview, nachts um 01.30 Uhr. Was hält das Neue Forum von der Wiedervereinigung? Auwei! Was das Neue Forum davon hält, weiß ich nicht, ich denke, kein Land ist ewig geteilt. Weiter zum Kudamm, bunte Schaufenster gucken. Ein Riesentrubel, lachende, singende, tanzende, trinkende, vollkommen überdrehte Menschen!

Nach einer Stunde zurück. Die Nächte waren kurz. Nun hatten wir Angst, dass zwei Tage nach der Maueröffnung nicht mehr viele zu unserer Demo kommen würden. Weit gefehlt, über 15.000 Menschen. Ich hatte mir eine Rede geschrieben mit Forderungen des Forums. Am 11.11.1989 (kein Faschingsscherz!) übernahm die SED einen Großteil der Forderungen. Also neue Rede schreiben, nicht nach irgendwelchen Vorgaben, sondern mehr populistisch aus dem Bauch heraus. Am 12.11. für mich und andere die erste Rede ihres Lebens, das erste Mal an einem Mikrofon, das erste Mal tosender Beifall tausender Menschen. Wir ließen auch die Sekretärin der SED-Kreisleitung, Frau Grimm, sprechen, da allerdings nur Pfiffe und Buh-Rufe. Es sprach auch spontan ein Hauptmann, nicht sehr kritisch, aber trotzdem sehr mutig. Ihm antwortete ein General Kusch, dessen Behauptungen waren nur noch skurril, die Leute lachten ihn aus.

Nach der Veranstaltung sammelte ich die abgestellten Plakate ein, lagerte sie in paar Jahre bei mir und übergab sie dann dem Heimatmuseum, ebenso wie eine komplette Sammlung der Heftchen, die das Neue Forum Stausberg herausgab. Diese Demo war in Strausberg der Durchbruch; wir waren als Verhandlungspartner anerkannt. Wir erstritten uns ein Büro mit Telefon, Vervielfältigungsmöglichkeit; man kam an uns nicht mehr vorbei. Wir waren in einem Untersuchungsausschuss gegen Korruption und ungerechtfertigte Privilegien vertreten, später am Runden Tisch und in Wahlkommissionen.

Am 09.12.1989 führten wir, auf einen Vorschlag von mir hin, eine Mahnwache vor dem Ministerium für Nationale Verteidigung durch, wo wir den Gründungsaufruf des Neuen Forums verteilten. Große Aufregung, alle Tore verschlossen, ca. 20 Generäle hinter den Toren, denn die Stasi hatte verbreitet, das Forum wolle das Ministerium stürmen. Die wollten, dass die Situation eskaliert, um Gründe für Verhaftungen zu haben. Die „Sturmtruppe“ bestand aus mir und einer Kerze. Der zweite Mann, der zur Mahnwache kommen wollte, war IM und blieb zu Hause, er befolgte immer noch Anweisungen! Jüngere Offiziere stellten sich zu mir und boten mir Schutz an. Trotzdem war ich heilfroh, als nach zwei Stunden um 09.00 Uhr die nächsten von uns kamen. Diejenigen Offiziere, die den Aufruf mitnahmen und lasen, erklärten als sie zum Dienstschluss rauskamen, das meiste davon könnten sie auch unterschreiben. Sie wunderten sich sehr, denn bisher hatte man ihnen das Neue Forum als die „Konterrevolution“ und den schlimmsten Klassenfeind beschrieben. Es war ihnen wohl nicht aufgefallen, dass das Wort „Sozialismus“ im Gründungsaufruf nicht vorkam. Ebenso im Dezember fuhr ich mit „Rädelsführern“ des 17. Juni 1953 zum Obersten Gericht der DDR nach Berlin, Littenstraße, um ihre Rehabilitierung auf den Weg zu bringen. Sie gehörten dann zu den ersten politischen Häftlingen, die in Brandenburg rehabilitiert wurden. Am 22.12.89 wollte uns der Kreistag kooptieren. Wir machten die Probe aufs Exempel und fragten, ob der Kreistag uns bei einem bestimmten Problem unterstützen würde? Da sich da gerade alle in den Haaren hatten (Parteiaustritte, Schuldzuweisungen usw.) hätten sie dafür jetzt keine Zeit und es stände auch nicht auf der Tagesordnung. Ich sehe noch immer den Oberstleutnant Amsel als Sprachrohr von Frau Grimm agieren. Da war uns denn auch unsere Zeit zu schade und wir gingen wieder.

Nach Neujahr enttarnten wir dann das erste konspirative Haus in der Schillerstraße. Dort standen Stasi-Leute nach offizieller Auflösung der Kreisdienststelle in der Ernst-Thälmann-Straße immer noch unter Waffen!

Am 15.01.1990 organisierten wir eine Demo durch die Fontanestraße, der bevorzugten Wohnadresse der Generalität.

Darauf kam es am 19.01.1990 zu einem Treffen mit dem Verteidigungsminister Theodor Hoffmann in seinem Büro. Der erklärte uns dort, wir hätten jetzt genug demonstriert und es wäre die Zeit des „Dialoges“ gekommen. Am 15.01. war in Berlin die Stasi-Zentrale Normannenstraße gestürmt worden und am Zentralen Runden Tisch lief alles auf eine Volkskammerwahl zu. Also erklärte ich Herrn Hoffmann, dass er nicht mehr lange Verteidigungsminister wäre, das würde künftig ein Zivilist sein. Außerdem würden wir ohne den Druck der Masse wohl nicht hier sitzen, ohne diesen Druck würde die sich inzwischen PDS nennende Partei stehen bleiben. Nach dem Stehenbleiben würde sie rückwärts gehen und um das zu verhindern, würden wir weiter demonstrieren.

Nach den Volkskammerwahlen gab es neue demokratische Machtverhältnisse; unser Einfluss wurde sehr gering. Aber ein bisschen Aktion wollten wir noch machen, also organisierten wir am 21.04. eine Verkehrsumleitung, so dass der Durchgangsverkehr durch die Fontanestraße musste. Als die ratlose Polizei uns nach 20 Minuten bat, die Aktion zu beenden, zogen wir mit vorbereiteten Transparenten vor die Häuser von Kessler, Streletz und Reinhold. Die hatten zwar keine Funktionen mehr, lebten aber immer noch luxuriös und billig dort. Sieghardt und ich durften uns Kesslers Haus von innen ansehen, die MOZ (damals wohl noch Neuer Tag) war auch dabei. Dieselbe kleinbürgerliche Spießigkeit wie in Wandlitz. Da Herr Kessler erklärte, alles richtig gemacht und immer alle Gesetze beachtet zu haben, hielt es mich dort nicht lange. Richter urteilten später anders darüber. Vom 06. – 08. Juli organisierten wir ein Republiktreffen des Neuen Forums im Tagungszentrum (jetzt AIK) gegen den entschiedenen Widerstand von Herrn David und einen Tag vor der Wiedervereinigung am 02.10. zogen wir noch mal los, diesmal bis vor den Rat des Kreises (jetzt schon Landratsamt) mit der Losung „Die jederzeit sich umgestellt, zu jedem Staat sich neu bekennen, das sind die Praktiken der Welt, man könnte sie auch Lumpen nennen.“

Damals 89/90 standen die Menschen auf, um sich einer Diktatur zu entledigen, der zweiten auf deutschem Boden. Und es war gefährlich! Eine friedliche Revolution hatte es in der Weltgeschichte bis dahin nicht gegeben. Manchmal denke ich an die Augenblicke der Euphorie und manchmal war die Angst mit Händen greifbar. Aber es wurde die erste geglückte Revolution in Deutschland!


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Mit freundlicher Genehmigung von Matthias Erler.