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1. Teil: Die Fluchtvorbereitung
Nachdem meine Freunde im wahrsten Sinne des Wortes im September bzw. im August nach Ungarn in den Urlaub fuhren und ich die Bilder im Fernsehn sah, wusste ich: Du musst was unternehmen! Ich sprach mit meinem Freund darüber und wir gingen zur zuständigen Behörde, um ein Visum nach Ungarn zu beantragen. Wir wollten am 23.10.1989 nach Ungarn fliegen. Es kam alles ganz anders. Die ersten Bilder vom 11.09.1989 werde ich nicht vergessen. Ich sah meine Kumpels im Fernsehn und hatte Tränen in den Augen. Da wir immer noch auf das Visum warteten und am 30.09.89 Herr Genscher verkündete, dass die Leute ausreisen durften faste ich den Entschluss am 01.10.1989 mit meinem Freund und unserer Bekannten nebst Tochter (18 Jahre) abzuhauen. Wir schmiedeten unseren Plan in meiner Wohnung, wo wir alle Einzelheiten besprochen haben, so wie nur das Nötigste mitzunehmen und uns bei mir in der Wohnung um 11:30 Uhr zu treffen. Um 10:00 Uhr klingelte es an meiner Wohnungstür. Mir blieb bald das Herz stehen, ich erwartete keinen – sollte doch jemand gequatscht haben? Ich machte zögernd auf und es war meine Mutter, die mich besuchen wollte und mir ein paar Sachen aus Westberlin mitgebracht hatte. Sie konnte schon fahren – sie war Rentnerin. Da mein Cousin eine kleine Firma in Berlin hatte, fuhr meine Mutter jeden Tag nach Westberlin um dort zu arbeiten. Ich sagte nur zu ihr, dass sie alles wieder mit nach Hause nehmen könne. Sie fragte mich daraufhin, ob ich nach Westen gehe und ich bejahte dies, in zwei Stunden gehe es los. Sie weinte und ich tröstete sie und sagte ihr, dass wenn alles gut gehen würde, wir uns schon bald in West-Berlin wieder sehen würden.
2. Teil: Die Fahrt mit dem Trabi 500ter
Wie vereinbart waren alle um 11:30 Uhr in meiner Wohnung. Ich brachte noch schnell einige Sachen zu meiner Mutter, Farbfernseher sowie Stereoanlage. Wir verabschiedeten uns und sie gab mir noch 300,- DM die ich sorgfältig versteckte. Danach fuhren wir zum Rat der Stadt Potsdam in die Staatsbank der DDR, um Kronen für die CSSR umzutauschen. Man hatte ja keine Ahnung wie lange es dort dauern würde. Wir machten uns auf die große, lange Reise. Unterwegs machte uns jedoch der Trabi einen Strich durch die Rechnung. Es war der Benzinhahn, welchen mein Freund jedoch in Ordnung bringen konnte. „Gott sei Dank“ dachte ich, im Auto war es währenddessen mucksmäuschenstill gewesen – wir haben Blut und Wasser geschwitzt. Um 16:30 Uhr an der Grenze Fichtelgebirge angekommen, sahen wir anderen Hindernissen ins Auge. Die Grenzer kontrollierten unsere Ausweise 15 Minuten lang. Danach ging es zum Zoll, wo wir den ganzen Kofferraum auspacken mussten. Auf die Frage wohin wir unterwegs seien antwortete ich, dass wir bei Bekannten in Bratislava eine Woche Urlaub machen würden. In diesem Moment dachte ich, dass man uns sowieso nicht glauben würde, aber das Gegenteil war der Fall: Man wünschte uns einen schönen Urlaub und eine gute Fahrt.
3. Teil: Endlich in der CSSR angekommen
Wir waren überglücklich die erste Hürde genommen zu haben. Ich sagte zu meinen Freunden, dass wir am nächsten Parkplatz anhalten müssten, um einen darauf zu trinken. Als ich den Kofferraum öffnete, um einen schönen Goldbrand zu trinken, war dieser weg. Ich glaube noch heute, dass mir der Zoll den geklaut hat. Wir fuhren dann in Richtung Prag, dort gingen wir etwas essen, es war ein langer Tag. Gegen 17:30 Uhr kam ein junger Mann herein und fragte, ob bei uns am Tisch noch Platz wäre. Mit freudiger Stimme berichtete er, dass er es geschafft hätte – hinter ihm wurden die Grenzen der CSSR zugemacht. Anschließend fuhren wir zum Bahnhof, wo wir uns von unserem Trabbi verabschiedeten. Im Untergeschoss des Prager Hauptbahnhofs nahmen wir ein Taxi. Eigentlich fahre ich gerne Taxi, aber ich dachte dieser Taxifahrer wollte uns zur nächsten Polizeiwache bringen. Doch wir landeten genau dort, wo wir hinwollten. Er knöpfte uns 90 Kronen ab, was umgerechnet 30,- Ostmark und ein ganzer Haufen Geld für diese kurze Strecke waren. Als wir am Deutschen Konsulat ankamen, brach ich in Tränen aus – es waren so viele Menschen dort, dass man sie gar nicht zählen konnte. Später erfuhr ich, dass es 13000 gewesen sind.
4. Teil: Das Warten vor der Botschaft
Wir wollten dann zur Botschaft aber es war kein Durchkommen. Die Polizei fuhr mit ihren Autos dauernd die kleine Gasse rauf und runter. In der Nacht legte sich schließlich der Frust der Polizei. Die ganze Nacht saßen wir vor der deutschen Botschaft, für unsere Frauen holten wir Decken aus der Botschaft, da es sehr kalt war. Wir hatten ein Kassettenradio dabei, mit dem wir im Deutschlandfunk jede Stunde die Nachrichten hörten. Viel Besuch bekamen wir auch. Die Prager waren sehr nett und kamen mit belegten Broten und Tee herum. Stündlich versammelten sich einige Leute um zu hören wie die DDR Behörden nun reagieren. Ich kann mich erinnern, dass Gorbatschow sagte, wenn der Herr Honecker keine Lösung finden würde, würde er nicht zum 40. Jahrestag kommen. Die Nacht verging und es gab keine Lösung. Ich verließ das Lager und ging mit meinem Freund etwas zu essen und trinken holen, denn wir wussten nicht, wie lange wir noch vor der Botschaft bleiben mussten. Dann kam die Meldung, dass wir ausreisen durften. Natürlich wollte die Stasi uns zur Umkehr bewegen. Das übliche Gesinge von Straffreiheit und Ausreiseanträgen bewegte einige dazu in den Bus Richtung DDR zu steigen. Die Armen, Ihnen war wohl nicht bewusst, was sie in der DDR erwartete. Mit dem Zug reisten wir dann über die DDR Richtung Westen. In Dresden zogen wir noch einige Flüchtlinge mit in den Zug. Ich glaube, es war in Bad Schandau, wo wir halt gemacht haben und die Stasi in den Zug kam und wir unsere Ausweise abgeben mussten. Dann ging es weiter Richtung Hof. Wir waren in Freiheit. In Hof stand von der Telekom oder der Post ein VW.
5. Teil: Die Fahrt nach Arweiler zur Katastrophenschutzschule
In der Katastrophenschutzschule konnten wir unsere Angehörigen anrufen. Ich rief meine Mutter an, die zwei Nächte nicht richtig geschlafen hatte und teilte ihr mit, dass ich in Freiheit sei und wir uns bald sehen würden. Dann fuhren wir weiter mit der Deutschen Bundesbahn nach Arweiler, welches im Rheingebiet bei Koblenz liegt. Wir fuhren den Rhein entlang und da ich in der Gastronomie arbeite, träumte ich auch als Kellner auf dem Rhein zu fahren und zu arbeiten. Dieser Traum ging dann 1990 in Erfüllung. In Arweiler angekommen wurden wir von den Einheimischen begeistert begrüßt. Wir waren hin und her gerissen – das war eine andere Welt. Wir fuhren dann in die Katastrophenschutzschule, wo wir untergebracht wurden. Am nächsten Tag waren für uns Formulare ausgelegt. Ich fuhr mit meinem Kumpel in die kleine, süße Weinstadt, wo wir das erste Bier in einer Gaststätte tranken und Karten in die DDR schrieben. Es dauerte nicht lange und einige Gäste sahen zu uns rüber und fragten, ob wir gestern mit dem Sonderzug angekommen seien. Wir bejahten dies schüchtern. Sie luden uns auf ein Pils ein und wir kamen ins Gespräch. Ein Gast, der in Arweiler wohnte, lud uns in sein Haus ein. Seine Frau bestellte Pizza und Salate. Dann kamen seine Kinder dazu (8 und 10 Jahre) und nachdem wir uns begrüßt hatten sagte die Kleine: „Mutti, die DDR`ler sehen ja genauso aus wie wir!“ Da mussten wir alle herzhaft lachen. Es war ein gelungener Abend. Später, als ich bei der KD arbeitete (Schifffahrt der Köln – Düsseldorfer) besuchte ich die Familie häufiger. Nach einer Woche, als die Papiere fertig waren, sind wir dann nach Berlin geflogen.
6. Teil: Endlich angekommen in West-Berlin
In West-Berlin ging nun jeder seine eigenen Wege. Ich kam bei meiner Tante in Schöneberg unter. Dann ging der Stress erst richtig los. Wir mussten uns in Marienfelde und bei den Alliierten melden. Ich kann es nicht mehr genau sagen, aber bis ich all meine Papiere zusammen hatte dauerte es bestimmt eine Woche. Ich habe keine Stunde meines Lebens bereut, auch das Leben in der DDR will ich nicht missen. Der Fehler des Systems war, dass man nicht reisen durfte und von der Stasi bespitzelt wurde. Noch heute sehe ich die Typen vor mir, wo mir der Kaffee hochkommt. (Sagt man was, dann stimmt das alles nicht.)
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