Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Jörn-André Delatowski: Fiktive Reporter, die Leute fragten, wie sie es fänden, dass die Mauer nun geöffnet sei

Mit 22 Jahren, im Ostteil der Stadt Berlin lebend, dachte man natürlich über all zu vieles nach. Auch darüber, wie es wäre, über den so genannten „antifaschistischen Schutzwall" hinaus blicken zu können. Konnten wir ja eigentlich schon, durchs Westfernsehen, durch Westverwandte und durch meine damals 17jährige Freundin, die kurz zuvor, kurz zuvor heißt kurz vor dem Mauerfall, also die im Mai offiziell mit ihren Eltern in den Westen ausgereist ist. Für mich eine Tragödie! Meine kleine Geschichte beginnt damit, dass es meiner Freundin damals noch bis zu ihrem 18ten Lebensjahr gestattet war, in die DDR einzureisen, doch danach eben nicht mehr. Ihren Eltern war die Einreise nach so einer Ausreise sowieso verboten. Tja, was für eine Situation - man ist jung und denkt, man hat nicht mehr viel Zeit für einander. Und man würde für die Liebe (dank jugendlicher Euphorie) wirklich alles geben. Die wenigen, mit 25 DM zwangsumtauschtechnisch gut bezahlten „Zonen"besuche seitens meiner Freundin liefen relativ regelmässig ab, leider zu kurz, natürlich mit der steigenden Angst, es würde einer der letzten Besuche sein. Vor dem so genannten „Tränenpalast" in der Berliner Friedrichstrasse trennten wir uns dann regelmäßig, Stunden danach versuchten meine Freunde, mich, in ewiger Trauer und Selbstmitleid versunken, vom Tresen der in selbiger Strasse ansässigen „Bärenschenke" zu trennen.

Trotzdem ging das Leben weiter, und da ich als Kameramann in einem Videostudio arbeitete, war ich unheimlich viel unterwegs. Das war einerseits schön, da man viele Städte wie auch Leute kennen lernen konnten, andererseits auch sehr unstet. Doch Ablenkung ist alles.

Der nächste Film, den wir auftragsgemäß zu drehen hatten, lautete „Biergastronomie in der DDR" (kein Gag!!!), soll heißen, wir reisten von Berlin durch Rostock bis Erfurt etc. etc. und besuchten diverse Kneipen mit erkennbar sprödem Charme, um diese dann zu filmen, um sie so den durstigen deutschen demokratischen Bürgern unserer fein gegliederten Republik nahe zu bringen. Uns nahe gebracht wurden bei dieser Gelegenheit etliche deftige Speisen wie auch natürlich (der Film hieß ja „Biergastronomie.....") diverse Biere wie auch andere, äußerst hochprozentige Getränke.

Dann - ja dann, am 9. November 1989 waren wir mit unserem Filmteam, mein Chef Dietmar, als Assistent mein Vater und ich als Kameramann und Videotechniker in Warnemünde zum Schlussdreh und dann zur Vorführung unseres neuen Filmes im Auftrage des Ministeriums für Handel und Versorgung. Wir wohnten in einem niedlichen Hotel mit Blick auf die Ostsee, die Dreharbeiten waren erledigt und man begab sich ins Hotel, um Abendbrot zu essen und die üblichen Nach-Dreh-Feierabendbierchen zu trinken. Wir trafen uns in einem der für uns gebuchten Hotelzimmer und schalteten den Fernseher ein. (Logischerweise schwarz-weiss pigmentiert - trotz alledem für ein DDR-Hotel schon stark gehobener Standard). Es lief die weltweit bekannte Pressekonferenz mit Herrn Schabowski, in der dieser die Maueröffnung gar für sich selbst unwissenderweise bekannt gab - welche aber kalterkriegtechnisch alles veränderte. Bevor die entscheidende Aussage fiel, schalteten wir den Fernseher ab, um im unten gelegenen Restaurant noch oben angedeutete Biere zu trinken.

Zum Frühstück waren wir um 10 Uhr verabredet. Da ich im Aufstehen nicht so begabt bin, sprich: Langschläfer, kam ich erst um 10.30 Uhr in die Spur, machte das hausansässige Radio an und hörte NDR3. Ich wusch mich, resümierte den gestrigen Abend und nahm unmerklich diverse Laute des Radiosenders wahr. Dann hörte ich, meiner Meinung nach, fiktive Reporter, die Leute fragten, wie sie es fänden, dass die Mauer nun geöffnet sei. Diese antworteten dann auch - für mich völlig relevant ehrlich: Es wäre der schönste Tag in ihrem Leben. Und sie hätten schon immer davon geträumt. Und jetzt würde alles anders. Und überhaupt.

Ich fühlte mich frisch (da gewaschen), aber auch von diesem blöden NDR verscheissert, da meine Freundin nun drüben lebte, und ich nun bald nicht mehr die Möglichkeit hatte, diese zu sehen.

Ich begab mich dann ins Hotelrestaurant zum Frühstück, doch zweifelnd, ob sich nicht doch in unserer deutschen Geschichte irgendetwas Wesentliches verändert hat, das eventuell auch mein Leben verändern könnte. Aber es sah genauso aus, wie wir es vor einigen Stunden verlassen hatten. Schüchtern nahm ich eine junge Kellnerin zur Seite und fragte diese, ob es sein könnte, dass vielleicht die Mauer diese Nacht gefallen wäre. Aber ihre langgezogene, typisch mecklenburgische Antwort lautete: „Nöö, da weiss ich nix."

Gut, sie wusste also nichts, mein Vater nach Nachfrage auch nicht und mein Chefchen Dietmar wusste auch nichts. Doch dann sahen wir schon Schlangen vor dem Einwohnermeldeamt stehen, die sozusagen stehend ein Visum wollten, nicht wissend, dass man in den ersten Tagen sowieso ohne Visum und nur mit Personalausweis ausreisen konnte. Es musste also wahr sein. Wir packten unsere Köfferchen und wollten sofort nach Hamburg, da mein Papa und ich absolute Hans-Albers-Fans sind und dachten, nu sind wa schon in Meeresnähe, schippern wir gleich rüber. Aber in uns schlummerte natürlich noch die ost-mentale Gruppendynamik, wir hatten ja WERTE im Kofferraum unseres Dienst-Wartburgs. Klar - die Kameratechnik aus'm Westen (würde sich Jeder heute drüber totlachen - aber das Ministerium für Handel und Versorgung hat damals eine Menge dafür gelöhnt....) - damit können wir einfach nicht ausreisen! Also jedenfalls wollte Chefchen Dietmar sich nicht auf so was Gefährliches einlassen und wir düsten ab zurück nach Ost-Berlin. Angekommen trafen wir meine stark-euphorisierte Mama, die uns freudetaumelnd fragte, warum wir, also Papa und ich, noch nicht im Westen gewesen sind, wann wir dieses denn tun wollen usw. usf. Sie wäre schon mit allen Hausbewohnern, Kollegen und so zig-mal im Westen gewesen. Ich war natürlich mächtig aufgeregt, vielleicht wirklich meine Freundin zu treffen, und das nicht am „Tränenpalast" mit anschliessendem Absturz in der „Bärenschenke", sondern völlig real und legal mit „Mörderisch-in-die-Arme-schliessen" und Küsschen-Verteilen-bzw.-Einsammeln usw. usf.

Als wir dann endlich über den Übergang „Heinrich-Heine-Str." rüberkamen, kamen mir die Tränen. DAS war also nun der Westen. Oh Mann! Aber wo ist meine Freundin? Endlich ohne Vorwahl anrufen - , So'n Mist - keiner da.

Irgendwann war sie dann doch da - wir waren viereinhalb Jahre zusammen. Gepasst hat's dann doch nicht. Hatte aber nix mit der Mauer zu tun....


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