Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Erika Makosch: Die Mauer mitten durch unsere Familie

Ich wurde 1941, im Krieg also, in Westpreußen geboren. Ich hatte zwei Schwestern und zwei Brüder. Ich war die Jüngste.
Meine Mutter flüchtete im Januar 1945 mit uns fünf und mit Pferd und Wagen in Richtung Westen. Wir wohnten ca. fünf Jahre in der Uckermark. Dorthin kam auch unser Vater aus dem Krieg wieder zu uns.

1951 zogen wir in den Ort K., Kreis Zossen, um. Dort pachtete mein Vater einen Bauernhof.
1955 zog meine älteste Schwester mit ihrem Sohn nach Westdeutschland; dort heiratete sie.
1961, vor dem Mauerbau, verließ auch einer meiner Brüder die DDR und wohnte bei unserer Schwester in H. Er bekam Arbeit und nahm ein Studium auf. 1963 erkrankte er an Krebs und starb im Krankenhaus in H. Meine Eltern durften nicht zur Beisetzung fahren. Sie hatten sich gewünscht, dass zur Stunde seiner Beerdigung in unserem Ort die Glocken läuten sollten. Es wurde nicht gestattet!!!
Weder zur Hochzeit meiner Nichte, noch zu Silberhochzeit meiner Schwester durfte ich nach H. fahren. Wir hatten fast nur Briefkontakt.
Im September 1989 arbeitete ich den dritten Monat als Verkäuferin in einem Intershop in Potsdam. Ich war seit 1980 geschieden und hatte zwei Söhne. Einer meiner Söhne machte Ende September gemeinsam mit seiner Freundin Urlaub in Ungarn. Sie hatten davon gesprochen, eventuell über die Grenze zu gehen. Ich hatte Bedenken und riet ihnen ab.
Die Ausreisewelle war in vollem Gange!
Die damalige Chefin des Shops sagte angesichts der Bilder im Fernsehen: „Die versauen uns die nächsten Urlaubsreisen nach Ungarn." Und sie fügte hinzu: „Man müsste die alle abknallen!!"
Diese Worte in meinen Ohren. Ich wusste ja nicht, ob mein Sohn darunter war.
Ich sollte mich bei der Verwaltung melden, was ich aber nicht tat.
Auch auf Grund meiner schlechter werdenden Hörfähigkeit kündigte ich die Arbeit zum Ende des Monats.
Ich ging ab Mitte Oktober '89 wieder zurück in meinen früheren Betrieb, in dem ich schon zuvor 20 Jahre in der Kostenrechnung gearbeitet hatte. Die Stelle war zum Glück noch unbesetzt.
Für die Zeit vom 07. bis 14.Oktober stellte ich einen Antrag auf besuchsweise Ausreise. Ich wollte meine Schwester in H. besuchen, da mein Schwager einen runden Geburtstag feierte. Der Antrag wurde genehmigt. Ich war darüber erstaunt und hocherfreut!!!

Zuvor aber bekam ich Besuch von einem netten jungen Mann (Stasi).
Er wollte wissen, wo mein Sohn ist. Ich erzählte, dass er sich mit seiner Freundin in Ungarn aufhielt und dass ich ihn demnächst zurück erwartete. Die beiden wollten nämlich Ende des Monats heiraten. Der Termin stand schon fest auf dem Amt.
Dann bekam ich Post von meinem Sohn aus K., einem Ort bei Düsseldorf. Wir vereinbarten, uns in H. bei meiner Schwester zu treffen. Alles fand wie vereinbart statt. Es waren schöne, aber auch schlimme Augenblicke, denn niemand wusste zu dem Zeitpunkt, wie sich alles entwickeln würde!!!
Ich weiß noch, wie ich vor dem Fernseher saß: Mit gefalteten Händen und dem Wunsch, dass bei den Demos in Berlin und Leipzig nichts Unvorhergesehenes passieren solle. Ich hatte Angst im Herzen!!
Ich würde zurückfahren. Das wusste ich genau. Ich hatte ja noch einen Sohn und eine Schwester in meinem Wohnort.
Ich arbeitete dann noch bis 1992 in meinem Betrieb und als im November 1989 die Mauer fiel, kam noch in derselben Nacht mein Sohn mit seiner Freundin aus K. Sie weckten mich. Sie wollten nach Berlin, hautnah alles erleben.
In den folgenden Tagen hörte man im Betrieb oft, dass die Leute der Arbeit fernblieben, um in Berlin über die Grenze zu gehen und wieder zurück zu kommen. Es war eine sagenhaft aufregende Zeit, auch für mich.
Das Schönste allerdings war, das darf man nicht aufhören zu betonen, dass die Mauer auf friedlichem Wege gefallen ist.
Mein Sohn ist inzwischen mit seiner Freundin verheiratet und ich bin glückliche Großmama von einem 10-jährigen Enkel.

 

 

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Matthias Erler.


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Mit freundlicher Genehmigung von Matthias Erler