Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Renate Noack: Kreuzfahrt ins Glück

Nach langem Warten bekamen mein Mann und ich vom FDGB eine Reise mit der ARKONA vom 10. November bis 21. November 1989. Überglücklich darüber und in großer Vorfreude fieberten wir diesem Reisetermin entgegen. Mit einem weiteren Ehepaar sollte für diese Zeit eine Doppelkabine unser Zuhause sein. Um auf die ARKONA zu gelangen, sollten wir am 10. November von Berlin-Schönefeld nach Limassol fliegen. Ich muss nicht erwähnen, dass die Tage und Wochen vorher im Land, auch in Guben, recht aufregend waren. Demonstrationen und Kundgebungen für politische Veränderungen fanden statt. Auch wir nahmen teil, manchmal ängstlich darüber, dass unsere Reise nicht stattfinden würde.


Es kam der 9. November. Die Koffer waren gepackt und die Anhänger mit dem Reiseziel befestigt. So wollten wir mit Zug um 19 Uhr nach Berlin-Schönefeld fahren. Ich sehe die Situation von damals noch ganz genau vor mir. Es war kurz vor 19 Uhr, der Fernseher war noch an. Ich wollte ihn gerade ausmachen, als Günter Schabowski die Nachricht der Grenzöffnung bekannt gab. Sofort informierte ich meinen Mann der es nicht glauben wollte. Wir konnten die weiteren Informationen nicht verfolgen, da wir zum Zug mussten.

In Erkner angekommen, mussten wir in die S-Bahn umsteigen. Auf dem Bahnsteig waren viele Menschen, es herrschte ausgelassene Stimmung und wir kamen mit unseren Koffern daher. In der S-Bahn selbst „belegten“ uns Jugendliche, warum wir gleich mit großen Koffern in den Westen wollten, wir sollten doch erst einmal ohne Gepäck dahin fahren. Wir nannten unser Reiseziel und wurden wiederum „belegt“, nun als „Bonzen“ angesehen. Ich hatte so viel Angst, es war alles so unwahrscheinlich. Eine Hand am Koffer, die andere hielt mein Mann zur Beruhigung. So kamen wir gegen 23 Uhr am Bahnhof Schönefeld an. Dort hatten wir Probleme zur Bushaltestelle zu gelangen, denn die Autoschlange in Richtung Westen riss nicht ab. Der Busfahrer, der uns zum Flughafen fuhr, war fröhlich und bestätigte uns, die Grenze ist offen. Er wolle auch gleich nach Dienstschluss rüber.

Auf dem Flughafen war es relativ ruhig. Wir hatten bis zum Abflug gegen 5 Uhr Zeit und da kam neben der Freude auf die Reise etwas Traurigkeit auf, denn wir glaubten, wenn wir zurück sind, ist die Grenze wieder zu und wir wollten doch auch gern in den Westen. Ausgerechnet jetzt sollten wir auf die ARKONA.

Zum frühen Morgen kamen immer mehr Menschen auf den Flugplatz und einige berichteten, dass sie schnell mal drüben waren. Da war was los. Im Transitraum gab es weder etwas zu Essen noch zu Trinken. Kein Personal war zu sehen, sie waren alle weg. Wir flogen nach Limassol, erhielten dort 20 DM Taschengeld und hatten bis 17 Uhr Freizeit. Beim Stadtbummel waren wir von der Fülle der Nagebote überwältigt und sagten uns, so muss es im Westen aussehen. Als wir unser Schiff betraten war die Besatzung an Neuigkeiten von zu Hause interessiert. Sie wollten so viel wissen, doch wir konnten auch nicht viel erzählen. Doch nach und nach erreichten die aktuellen Meldungen auch unsere ARKONA und die neuesten Informationen konnte man an einer großen Wandzeitung neben der Rezeption lesen. Außerdem war Klaus Feldmann, Nachrichtensprecher beim Fernsehfunk, mit an Bord und verlas abends immer die „Aktuelle Kamera“. So gab es ständig neuen Gesprächsstoff.

Beeindruckend war für meinen Mann und mich ein Anruf unserer Tochter, die von einem Westberlinbesuch berichtete. Sie war zu diesem Zeitpunkt schwanger und erzählte, dass sie Apfelsinen, Bananen und ähnliches eingekauft hat. Und wir hatten schon fleißig Apfelsinen gesammelt, um ihr Vitamine mitzubringen. Am 21. November flogen wir von Odessa wieder nach Berlin und wollten weiter nach Guben. Das war gar nicht so einfach, denn auf den Bahnhöfen waren viele Menschen und reichlich Kinder. Irgendwann kam ein Sonderzug und wir hatten Glück, Plätze zu bekommen. Im Zug wurden wir genau eingewiesen, was alles für die erste Fahrt nach Westberlin zu beachten sei. Man behandelte uns wie Frischlinge, doch es war eine lustige Heimfahrt, denn alle waren glücklich und zufrieden. Es wurde viel gelacht, gegessen und getrunken. Fast alle hatten Südfrüchte, Recorder, Süßes, Dosengetränke und bunte Zeitschriften dabei.

Zu Hause angekommen war die Wiedersehensfreude groß und es gab ja von allem so viel zu berichten. Anfang Dezember sind wir dann auch nach Westberlin gefahren. Unsere Sorge, die Grenze wird wieder geschlossen, war also umsonst.


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