Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Yvonne Fink: Zwiespältige Erinnerungen an das verrückte Jahr 1989

Das ist meine Geschichte:

Durch die Grenzschließung am 13. August 1961 wurde ich, gerade 7 Jahre alt, von meiner Mutter und meiner gesamten Familie getrennt.
Da mein Vater Amerikaner ist und meine Mutter in West-Berlin mit ihm gesehen wurde, wo er stationiert war, unterstellte man ihr Spionage gegen die DDR, weshalb sie von der Stasi verfolgt wurde. Sie stammte aus Frankfurt (Oder), wo ihre Lieblingsoma wohnte. Ich selbst wurde in Berlin-Wilmersdorf am 5.4.54 geboren. Im Herbst 1954, als ich 6 Monate alt war, wollte meine Mutter mich ihrer Oma, meiner Uroma, vorstellen. Dabei wurde sie jedoch von Nachbarn gesehen und bei der Stasi gemeldet. Glücklicherweise gab es auch ehrliche Nachbarn, die ihr davon erzählten und ihr den Rat gaben, sofort wieder nach West-Berlin zu fliehen, um nicht verhaftet zu werden. Sie verkleidete sich und ließ mich bei meiner Uroma zurück. Sie schaffte es nach Berlin, aber ich wurde abgeholt und durch das Jugendamt zu einer Pflegemutter gebracht, bei der ich bis zu meinem 18. Lebensjahr bleiben musste. Kontaktversuche meiner Mutter zu mir wurden unterbunden, indem man ihre Briefe an mich unterschlug. Ich wusste bis zu meinem 12. Lebensjahr nicht einmal, dass ich Eltern hatte. Mir wurde bis dahin gesagt, dass ich Vollwaise sei und meine Eltern tot seien. Ich kann mich sogar noch an einen Vollwaisen-Ausweis erinnern, den ich hatte und den ich bei Arztbesuchen vorlegen musste. Aus diesem Grund fragte ich niemals nach, bis ich jedoch durch Zufall erfuhr, dass es eine Mutter in Berlin gibt, die sich furchtbar nach ihrer Tochter sehnte. Sie schrieb an sämtliche Behörden, um mich wieder zu bekommen, aber ohne Erfolg. Das Sorgerecht für mich wurde ihr in Abwesenheit aberkannt. Als ich endlich 18 war und eine eigene Wohnung hatte, in der man meine Briefe nicht unterschlagen konnte, nahm ich brieflich Kontakt zu ihr auf. Oftmals waren die Briefe notdürftig wieder zugeklebt, woran ich erkennen konnte, dass sie ausspioniert wurden. Meine Mutter gab mir den Rat, einen Antrag auf Familienzusammenführung zu stellen, was ich auch tat. Aber da ich selbst schon Mutter war, hatte man ein Druckmittel gegen mich in der Hand, um diesen Antrag zurückzunehmen. Mir wurde angedroht - das war 1975 -, dass ich zwar ausreisen dürfe, aber meine 3jährige Tochter zurückbleiben müsse und es nicht sicher sei, ob ich sie jemals wiedersehe. Ich bekam Angst, dass es ihr genauso wie mir ergehen würde, also ließ ich es sein.
1983 verstarb meine Mutter mit nur 52 Jahren an gebrochenem Herzen. Einen dritten Herzinfarkt überstand sie nicht. Ich stellte den Antrag, wenigstens zu ihrer Beerdigung fahren zu dürfen, welcher aber ohne Begründung abgelehnt wurde. Ich hatte so eine große Wut auf diese ganze DDR-Gesellschaft, dass ich mich mit dem Gedanken befasste, unbedingt einen Ausreiseantrag zu stellen. Aber immer wieder verschob ich diesen Plan, doch die Sehnsucht nach meinen Geschwistern, die ich auch noch nicht kannte, blieb. Die Unruhen in der DDR wurden immer größer. Auf meiner Arbeitsstelle wurden ständig neue Nachrichten verbreitet. Dieser oder jener durfte ausreisen. Im eigenen Wohnblock kamen über Nacht große Containerfahrzeuge angefahren, die die Habseligkeiten des einen oder des anderen Nachbarn verstauten. Wieder wussten wir, es durfte jemand ausreisen. Davon ermutigt, stellten wir, mein Mann, ich und meine inzwischen 17- und 6jährigen Töchter, im März 1989 einen Ausreiseantrag. Wir mussten uns ständig beim Staatssicherheitsdienst (Abt. MdI) melden, wo man uns immer wieder kleinzukriegen versuchte. Sie wollten uns Angst machen, indem sie uns sagten, dass eine Sekretärin und ein Tischler im Westen äußerst geringe Chancen hätten eine Arbeit zu bekommen, wenn überhaupt. Wir würden im Obdachlosenheim enden, die Arbeitslosigkeit dort wäre dramatisch usw. Davon ließen wir uns nicht beeinflussen und hielten den Antrag aufrecht. Als Schikane mussten wir noch hinnehmen, dass wir einen "Laufzettel" bekamen und unsere Ausweise und Geburtsurkunden abgeben mussten. Auf dem Laufzettel standen alle Behörden, bei denen wir uns abmelden mussten, u.a. bei der Post, falls wir einen Telefonanschluss beantragt hätten, was allerdings bereits 15 Jahre her war. Auf das Telefon hätten wir sicher noch 20 Jahre gewartet.
Als mein Chef von unseren Plänen durch einen Stasi-Offizier erfuhr, der in bestimmten Abständen auftauchte, um die Personalakten durchzusehen, legte er mir "nahe", mir eine andere Arbeit zu suchen oder ganz zu Hause zu bleiben. Davon abgesehen, dass ich sowieso nirgends eine Arbeit bekommen würde, weil er dafür sorgen wollte, kündigte ich freiwillig. Das war im September 1989. Durch die Unruhen in der CSSR und Ungarn fassten wir Mut und waren uns sicher, dass wir bald ausreisen dürften.
Inzwischen lebten wir schon fast wie Obdachlose. Unsere Wohnungseinrichtung war an Freunde verschenkt. Der Wartburg deluxe fast zum Neupreis verkauft, obwohl er schon 5 Jahre alt war, aber so war das damals. Sein Besitzer wird sich ein paar Wochen später auch schwarz geärgert haben.
Wir hatten nur noch das Nötigste und schliefen wochenlang auf Matratzen auf dem Fußboden.
Dann endlich Ende Oktober bekamen wir von der Abt. MdI einen Brief, dass wir uns am 14.11.1989 im Amt einfinden sollten. Das war das Zeichen, dass es soweit war. Wir alle waren äußerst aufgeregt und gespannt, wie es weitergehen würde. Dann kam der 9. November 1989. Der Fernsehapparat war noch das einzige Möbelstück, was wir außer Matratzen und ein paar Sitzgelegenheiten in der Wohnung hatten. An diesem Abend ging ich ziemlich früh schlafen. Der Rest meiner Familie saß noch im Wohnzimmer und sah sich die Nachrichten an.
Gegen Mitternacht weckte mich mein Mann. Er war im Gesicht kreideweiß. Meine große Tochter stand hinter ihm und ich sah ihre erschrockenen Augen. Beide erzählten mir, dass die Grenze offen ist. Ich dachte, ich träume immer noch. Ich konnte es lange nicht fassen. Glücklich waren wir darüber natürlich alle nicht. Wir hatten nichts mehr. Was sollten wir tun? Neuanfang oder hierbleiben?? Wir ahnten, was uns für ein Ansturm in West-Berlin erwarten wird. Völlig kopflos, wie es weitergeht, fuhren wir am 11.11.89 mit einem Privattaxi (Trabi) nach Berlin, um meine dortigen Geschwister zu besuchen. Meine Schwester redete immer wieder auf uns ein, damit wir es uns nicht doch noch anders überlegten. Jetzt hätten wir ohne Schikane hin- und herfahren können und nun das! Endlich entschlossen wir uns doch, einen Neuanfang zu wagen und verabredeten, dass wir am 27.11.89 nach Berlin kommen würden. Am 14.11.89 ließen wir es uns trotzdem nicht nehmen, zum Termin unsere Ausreisegenehmigung abzuholen. Die Angestellten dort waren sogar - oh Wunder - freundlich und wünschten uns alles Gute. Wir bekamen sogar eine Entlassungsurkunde aus der DDR, die ich sorgfältig aufbewahre.
Am 27.11.89 früh am Morgen, es schneite und war sehr kalt, fuhren uns Freunde nach Berlin-Marienfelde. Dort herrschte totales Chaos. Niemand von den dortigen Bediensteten konnte noch Auskunft geben, sie waren völlig überlastet. Dieses Aufnahmelager war hoffnungslos überfüllt. Man nannte uns Stellen, bei denen wir uns melden mussten, um überhaupt in Berlin bleiben zu können, denn sehr viele, die keine Verwandten in Berlin hatten, wurden gleich weitergeschleust, um nach Westdeutschland ausgeflogen zu werden. Glücklicherweise hatte ich noch eine Oma in Berlin, denn Geschwister galten nicht als Verwandte 1. Grades. So durften wir bleiben und uns um neue Papiere kümmern. Nach vielem Hin und Her kamen Busse, die uns alle in den umliegenden Turnhallen aufteilten. In der Rungiusstraße in Britz hausten wir wochenlang mit 150 bis 200 Leuten, Matratze an Matratze, unter schwierigsten Bedingungen. Doch durch meine Schwester und einen Zufall hatten wir Glück und bekamen noch kurz vor Weihnachten in ihrem Wohnhaus eine Mietwohnung. Der Vermieter hatte ein Herz für "Ossis". Kurze Zeit später hatten meine Tochter, mein Mann und ich jeweils Arbeit gefunden. Obwohl wir uns gut dort einlebten, wollten wir doch wieder zurück in unsere Heimat, was wir 1991 wahr machten. Mein Mann verkraftete diese völlig unruhige Zeit gesundheitlich nicht. Er verstarb 1994 mit gerade einmal 39 Jahren. Einige Wochen bevor er starb, beantragte ich Pflegegeld für meinen Mann, da ich Tag und Nacht für ihn sorgen musste. Dieses Pflegegeld hätte aber erst gezahlt werden können, wenn ein Gutachten vom Kreisarzt vorliegt, das meinen Anspruch rechtfertigt. Wie der Zufall es wollte, war dieser besagte Gutachter mein ehemaliger Chef aus DDR-Zeiten. Er ließ sich nicht einmal anmerken, dass er uns kannte, im Gegenteil: Er lehnte meinen Antrag mit den Worten ab , dass es meinem Mann doch gut gehe soweit und ich mit ihm doch mal verreisen solle, um auf andere Gedanken zu kommen. Ich fragte mich nur wie?? Er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Eine Woche später war er tot. Das war wohl eine verspätete Rache von diesem Mann, denn er wird damals durch mich und meinen Ausreiseantrag sicher so einige Unannehmlichkeiten mit der Stasi gehabt haben. Na ja, vergeben.
Meine Töchter sind längst erwachsen und haben ihre eigenen Haushalte. Nun lebe ich von meinen Erinnerungen und dachte, das könnte Sie eventuell interessieren.
Dieses verrückte Jahr 1989 wird mir immer und ewig, wenn auch zwiespältig, in Erinnerung bleiben.

Mit freundlichen Grüßen
Yvonne Fink


 

 


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Mit freundlicher Genehmigung von Matthias Erler