Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Horst Kasprzik: Warum ich meine Lebenserinnerungen schreibe

Manchen Morgen wache ich auf und denke: Leben wir jetzt wirklich im Kapitalismus?
Keinen Kampf mehr um den Titel "Kollektiv der sozialistischen Arbeit"?
Werden wir Arbeit haben um leben zu können?
Für einige Außenstehende war die Bildung eines sozialistischen Staates im Herzen Europas ein Experiment. Für unsere fünfköpfige Familie war es mehr. Für uns war das Leben in diesem Staat eine harte aber auch schöne Zeit, mit Hoffnung auf ein Leben in sozialer Sicherheit. Wir unterstützten es, meine Frau mehr mit dem Herzen, ich mehr mit dem Verstand. Manchmal lehnten wir uns auf gegen die Fesseln der Diktatur des Proletariats, den Maßnahmen der "Sozialistische Einheitspartei Deutschlands". Wir hatten auch mit ernsthaften politischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Aber keiner dachte daran, dass die Ereignisse, wie in diesem Herbst, eintreten könnten.
Der Bereichsleiter Absatz unseres Großrechenzentrums hatte seine zwölf Mitarbeiter über einen Aushang im Flur zu einer Beratung für um vierzehn Uhr eingeladen.
Jeder hatte seinen Stuhl mitgebracht.
Er saß hinter dem Schreibtisch seines großzügig eingerichteten Büros und wartete, bis das Stühle rücken aufgehört hatte. „Wir wollen heute unser Gespräch vom vorigen Freitag fortsetzen." Alle Mitarbeiter des Bereiches waren da. Seit der Wende waren immer alle da, keiner konnte sagen, dass er zu einem Kunden gegangen wäre, weil die meisten Kunden in den letzten Wochen von unserem Betrieb abgesprungen waren und westlichen Firmen ihre Rechnerarbeiten übertragen hatten.
Scheinbar hatte sich seit dem Freitag voriger Woche nichts verändert, nur, und das wussten natürlich alle, dass er und sein Stellvertreter vorgestern aus der SED ausgetreten sind und ihre Parteiauszeichnungen zurückgegeben haben.

„Ich erwarte heute von jedem eine Vorstellung, wie er sich künftig in unserem Bereich einbringen will." Wir saßen wie verschreckte Kaninchen auf unseren Stühlen. Eigentlich hatte jeder gehofft, er als Leiter des Kollektivs würde einen Plan haben, wodurch die Mitarbeiter künftig ihr Geld verdienen könnten.

„Wir haben doch noch unsere Kunden zu betreuen", beteuerte sein Stellvertreter, Leiter der Abteilung Kundendienst, nebenbei bis vor vier Tagen Parteigruppenorganisator der SED des Bereiches. „Doch was ist mit der Konsultationsstelle, die brauchen wir doch nun wahrlich nicht mehr." Damit warf er mir, dem Leiter der Konsultationsstelle, den Ball zu, den ich gar nicht haben wollte. Der Bereichsleiter sah mich an. „Was sagst du dazu?"

„Ich glaube auch, dass kein Mitarbeiter eines anderen Betriebes uns jetzt noch wegen Softwarelösungen der DDR konsultieren wird. Werner und ich sind quasi arbeitslos  geworden." Werner war mein einziger Mitarbeiter.

„Und was wirst du nun machen?" fragte er mich.

„Das weiß ich nicht."

„Gut", stellte er fest, „nächste Woche sagst du es uns."

Damit war die Beratung beendet.

Als ich den Flur entlang zu meinem Zimmer ging, wurde mir klar, dass sich die ehemaligen Genossen abgesprochen hatten, mir heute die rote Karte zu zeigen. Das hatte auch geklappt.
Werner kam nicht mit. Sicher blieb er noch, wie üblich, im Kreise seiner ehemaligen Genossen zu einem Plausch.
Schon vor Tagen hatte ich mir überlegt, dass im Betrieb eine Strukturveränderung notwendig wird. Die Kaderabteilung kann das Weiterbildungszentrum und die Berufsschule mit den über hundert Lehrlingen nicht mehr so nebenbei leiten. Es wird einen neuen Bereich Bildung geben müssen. Könnte ich den nicht übernehmen? Seit über zehn Jahren bin ich Vorsitzender der Prüfungskommission, sehr mit den Ausbildern und den Aufgaben der Berufsausbildung vertraut.
Würde ich es noch schaffen, diesen schwierigen Bereich zu leiten?
Aber was sonst?
Ich musste mit Reinhard sprechen. Ich sah auf die Uhr, in einer dreiviertel Stunde ist Feierabend. Das genügte mir.
Ich klopfte an die Tür der Kaderabteilung und betrat das Vorzimmer. „Ist er zu sprechen?" fragte ich seine Sachbearbeiterin. „Gehen Sie rein", antwortete sie. Ich öffnete seine Tür. Er sah mich an und legte die Tageszeitung zusammen.

„Na, was gibt`s?" Wir hatten uns heute schon zum Mittag getroffen und begrüßt. „Nimm doch Platz."

Ich setzte mich an den Arbeitstisch, der vor seinem Schreibtisch stand. Er zeigte noch immer ein optimistisches Gesicht, obgleich die Kollegen des Betriebes seine Abberufung gefordert hatten. Nun erklärte ich ihm meine Überlegungen zur Gestaltung eines Bereiches Bildung und: „Ich hätte Interesse, den Bereich zu übernehmen."
Er überlegte nur kurz und sprach: "Du kennst ja die Stimmung, die gegen mich als Kaderleiter besteht, vielleicht trete ich zurück und übernehme den Bereich Bildung. In vierzehn Tagen wissen wir mehr. Warte bitte noch bis dahin."
Als ich seinen Raum verlassen hatte, wies seine Sachbearbeiterin auf einen Berg Akten in ihrem Zimmer. „Da ist auch ihre Kaderakte bei", bemerkte sie in einem apathischen Ton, den man von ihr nicht gewohnt war. „Sie können sie heraussuchen, wenn Sie die haben wollen." Die Kaderakten, noch vor wenigen Wochen streng behütet im Panzerschrank, geheimer als die geheimste Verschlusssache, in der alle Geheimnisse über jeden einzelnen Mitarbeiter gesammelt worden waren, die bei Betriebswechsel einem vorauseilten, in die neben dem Kaderleiter nur Betriebsleiter, Parteisekretär und Mitarbeiter der Stasi einsehen durften, in die jeder Betroffene einmal hineinsehen wollte, diese Akten lagen jetzt einfach auf einem Haufen im Zimmer.
Herbert war noch immer quatschen und so nutzte ich die Gelegenheit, sie aufgeregt und hastig in meinem Zimmer durchzublättern, immer hoffend, etwas Besonderes zu finden, etwas mich stark Belastendes, vielleicht im Zusammenhang mit der Stasi oder mit meinem Bruder, der aus politischen Gründen inhaftiert worden war, und dessen  Inhaftierung sich stark auf mein Leben ausgewirkt hatte. Ich fand Kadernotizen aus meinem vorhergehenden und jetzigen Betrieb, Zeugnisse, Änderungsmitteilungen zum Wechsel der Tätigkeit und des Gehaltes, Lebensläufe, die ich irgendwann einmal schreiben musste. Ich war enttäuscht. Nichts Weltbewegendes. Ob es entfernt und vernichtet worden war? Oder gab es noch eine andere Akte?

Als Werner die Tür öffnete, klappte ich die braune Mappe zusammen und steckte sie gemeinsam mit zwei Fachzeitschriften in meine Aktentasche.
Er packte seine Tasche und ging, wie schon seit Tagen, mit einem kurzen Gruß, ohne Handschlag, aus dem Zimmer.

Als ich nach Hause kam, hatte meine Frau schon den Kaffee aufgebrüht. Ein Blick genügte mir, um zu erkennen, dass die Woche sie geschafft hatte. „Was ist mit dir, Mädchen?" Sie kam in meine Arme und schwieg. Ihr Kopf ruhte an meiner Schulter. Und während der Umarmung schien es mir, als würde zwischen uns ein gewaltiger Energiestrom fließen. Als wir uns lösten, fühlten wir uns beide etwas zuversichtlicher. Meine Sorgen, die mich schon seit dem Mauerfall beschäftigten, waren vorübergehend verdrängt.

„Bei uns ist es aus", sagte sie. „Einige haben sich schon um eine neue Arbeit gekümmert."

Eigentlich wollte ich ihr von der roten Karte, von meinem Gespräch mit Kaiser und von meiner Kaderakte erzählen, aber jetzt waren ihre Probleme dringlicher.
Und so brauchten wir den Freitagabend, ihre Situation zu durchdenken, zu überlegen, was sie jetzt machen könnte. Sie war Leiterin des Büros für Neuererwesen beim Rat der Stadt. Ein Büro, das sich mit Neuerungen in dem Bereich beschäftigt, wird es nicht mehr geben. Welche Schritte wird sie in der nächsten Woche unternehmen müssen, um einen neuen Arbeitsplatz in der Verwaltung zu bekommen?
Als sie mich am Sonnabendnachmittag fragte, ob es bei mir im Betrieb etwas Neues gibt, erzählte ich ihr alles. Sie schimpfte auf Kaisers Überheblichkeit und dass er keinesfalls für diese Aufgabe besser geeignet sei als ich. Wahrscheinlich hatte sie Recht, aber konnte überhaupt jemand den etwa 700 Personen großen Betrieb aufhalten, der den Bach hinuntersaust?
Dann durchblätterten wir gemeinsam meine Kaderakte. Besonders bei den Aktennotizen während meiner Zeit bei der Post und dem Ausreiseantrag erinnerten wir uns an viele Begebenheiten unseres Kennenlernens. Wir hatten es uns wahrlich nicht leicht gemacht, die anderen uns aber auch nicht.

„Sieh mal", sagte sie, beim letzten Lebenslauf angelangt, „auf nur zwei Seiten hast du über die fünfundfünfzig Jahre deines Lebens geschrieben. Sind da nicht sehr viele Lücken drin?"

„Ich kann doch aber als Lebenslauf keinen Roman schreiben."

"Aber in einem Buch könntest du die Lücken füllen."

"Für wen? Unsere Kinder haben doch frühestens im Rentenalter Zeit und Interesse das zu lesen."

"Vielleicht interessieren sich unsere Enkelkinder einmal für unser Leben. Oder", setzte sie nach einer kurzen Pause hinzu, "du hast doch neulich an Walter in Ludwigshafen geschrieben, warum du für einen Neuanfang keinen Kredit aufnehmen willst."

Ich ahnte, worauf sie hinaus wollte. Ihre Ergänzung bestätigten meine Gedanken.

"Bevor er rüber gegangen ist, ward ihr doch meist einer Meinung, sagtest du. Warum jetzt nicht mehr? Habt ihr euch so auseinander gelebt?"

"Wir haben uns fast dreißig Jahre nicht gesehen, kaum etwas voneinander gehört, in unterschiedlichen Systemen gelebt. Kann da noch etwas Gemeinsames sein?"

"Beim Schreiben würdest du es vielleicht entdecken", sagte sie und streichelte sanft über mein Haar, das von einigen silbrigen Fäden durchzogen war.


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