|
Schon Anfang des Jahres '89 hatten wir unseren Jahresurlaub für Ende August geplant und ließen uns durch die Unruhen nicht beirren, die uns in diesem Jahr stärker zu sein schienen, als in den Jahren zuvor. Ich hatte vom Betrieb einen Ferienplatz für meine Frau und mich bekommen, eine Woche Budapest und anschließend eine Woche am Balaton.
In Budapest wohnten wir in einem bescheidenen Stübchen in einem etwas ärmlichen kleinen Einfamilienhaus am Rande der Stadt, das aber unserem Interesse, die Stadt etwas kennen zu lernen, vollauf genügte. Unseren Trabi parkten wir auf der Straße. In das Zentrum fuhren wir täglich mit einer Kleinbahn. Wir fanden es beeindruckend, als eine ältere Ungarin, die uns gegenüber saß, meiner Frau einen Apfel anbot. Diese Geste war symbolisch für die Freundlichkeit vieler Ungarn, denen es wirklich kümmerlicher ging als uns.
Immer wieder waren wir überrascht von der Schönheit einer Straße, eines Platzes oder eines Gebäudes, die wir bei dem ziellosen Herumirren in dieser faszinierenden Stadt sahen. Wir hatten aber weder in Deutschland, noch hier einen Stadtplan von Budapest auftreiben können. Ständig bedrängte mich deshalb auch die Frage, über welche Straßen ich nach Ablauf der Woche aus der Stadt herausfahren müsste, um zum Balaton zu gelangen. Plötzlich sah ich, wir standen in einer kleinen Menschengruppe auf einer der Donaubrücken, wie offensichtlich ein westdeutsches Ehepaar einen Stadtplan, den es eben noch einmal studiert hatte, in einen Papierkorb warf. Wie war ich diesen Bürgern dankbar, dass ich ihren Abfall nachnutzen konnte.
Am Sonntag fuhren wir zum Balaton, unserem zweiten Urlaubsort, wo es sich westdeutsche Jugendliche finanziell und moralisch leisteten, sich in den Gaststätten sinnlos zu betrinken. Die Erwachsenen ihres Heimatlandes staunten, wie billig doch alles auf dem Basar bei Siofok war. Wir zahlten infolge des Umrechnungskurses Ost/West schon das Vier- bis Fünffache von dem, was es Westdeutsche kostete, die Ungarn noch ein Vielfaches mehr.
Wir hatten sowohl in Budapest, als auch hier am Plattensee nur wenig Kontakt mit Bürgern der DDR und trotzdem schien die Luft wie elektrisiert, es knisterte. Im RIAS (Rundfunk im Amerikanischen Sektor) hatten wir gehört, dass die Grenze hier sehr undicht geworden sein soll.
Als wir eines Tages vom Strand in unser Quartier kamen, sahen wir auf dem Badetuch in unserer Badetasche drei Fünfzigmarkscheine liegen. Jeder von uns glaubte, dass der andere das Geld so leichtsinnig hineingelegt hatte. Aber nein, und damit war klar, dass es unsere Strandnachbarn waren, die sich schon sicher waren, die Ostblockstaaten hinter sich zu lassen. Am gleichen Abend sprach uns ein junges Ehepaar aus der DDR an, das mit uns im gleichen Haus wohnte, beides Akademiker: "Was sollen wir machen? Hier bleiben oder abhauen?"
Wir waren erstaunt über das Vertrauen, das sie zu uns hatten. Viele DDR-Bürger waren wegen beabsichtigter Republikflucht zu beachtlichen Strafen verurteilt worden. Wir würden auf keinen Fall türmen, allein wegen unserer Mütter, die verwitwet in Pflegeheimen lebten und auch unserer drei Kinder wegen nicht, die zwar schon ihre eigenen Wohnungen hatten, wir aber meinten, uns gegenseitig zu brauchen. Durch die Flucht der vielen Bürger wurde das Land immer ärmer. "Wir gehören in der DDR sicher zu denen, die das Licht ausmachen werden" antworteten wir dem jungen Paar.
Es war ein furchtbar regnerischer Tag, als wir sehr früh unsere Heimfahrt antraten. Der Scheibenwischer schaffte es kaum und es fiel uns schwer, die Wegweiser zu deuten. Plötzlich war vor uns ein Stau. Wir warteten etwa zehn Minuten, hoffend, dass er sich auflösen würde. Dann stieg ich trotz des strömenden Regens aus und lief zu dem vor uns stehenden Trabant. "Was ist denn hier los?" Der Fahrer hatte die Scheibe ein wenig geöffnet. "Die wollen halt alle nach Österreich!" Erschrocken wendeten wir unseren Wagen, suchten und fanden unseren Weg zurück nach Hause.
|
|

|