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Ich habe bis 1980 in der DDR gelebt und bin dann durch Heirat mit einem Österreicher nach Wien übersiedelt. Aber das ist eine andere Geschichte- eine ziemlich lange.... Am 4.11. fuhren wir mit dem Auto nach einigen Urlaubstagen in Caputh/Potsdam zurück nach Wien. Vor Zinnwald überholten wir einen Lada, der schon seinen Geist aufzugeben schien. In Zinnwald sagte mein Mann zu einem Zöllner (einer von der gefürchteten Art):" Der Lada macht es aber nicht mehr lange". Der Zöllner antwortete mit eisigem Gesicht: "Das braucht er auch nicht!" Nie werde ich die verängstigten Gesichter des jungen Paares vergessen. Das Kleinkind weinte bitterlich- die Angst der Eltern muss sich auf das Kind übertragen haben. Da unsere Kontrolle stets länger dauerte, überholten wir später den Lada. Die Familie stieg gerade in ein anderes Fahrzeug um - der Weg in die Freiheit war geglückt. Als wir später durch Prag fuhren, meinte mein Mann:"Nur schnell weg hier", überall am Wenzelsplatz waren Panzer aufgefahren. Wir waren froh, als wir Österreich erreicht hatten. Übrigens hatten wir Freunden aus Mainz Anfang November Berlin gezeigt. Mein Mann dürfte eine Vision gehabt haben, als er zu uns sagte:" Schaut Euch die Mauer an, Ihr werdet sie das letzte Mal sehen". Obwohl schon die Unruhen zunahmen, war mit diesem glücklichen Ende nicht zu rechnen. In der Nacht vom 8. zum 9. 11.1989 hatte ich als Notarzt in Wien Dienst. Zwischen den Ausfahrten hatte ich neben meiner Schreibarbeit den Fernseher laufen. Ich konnte nicht fassen, was ich plötzlich sah: das Öffnen der Grenze. Ich sah die Bornholmer Brücke. Unweit davon hatte ich als Studentin gewohnt, aber ich war nie dorthin gegangen, man hatte so seine persönlichen Schutzschilder aufgebaut. Auch das ist eine andere Geschichte. Wie tief das Trauma DDR sitzt, habe ich erst nach dem Fall der Mauer gefühlt. Diesen Sommer hatte ich das sehr berührende Erlebnis, erstmals über diese Brücke gegangen zu sein, und die Bilder vom 8.11.1989 kamen wieder. Am Morgen des 9.11. nach einer langen Arbeits- und Fernsehnacht holte ich meine Mutter aus dem Krankenhaus ab. Mein Mann empfing uns mit Sekt. Meine Mutter sagte - obwohl glücklich- traurig:" Es ist zu spät für mich „. Sie starb am 9.1.1990, ohne ihr geliebtes Caputh in Freiheit wieder gesehen zu haben. Das ist meine Geschichte, aus der Ferne erlebt. Leider konnte ich die aufregenden ersten Tage nur aus der Ferne verfolgen, aber die wunderbare Umbruchstimmung erlebte ich im Februar 1990 in Berlin. Immer wenn ich über die Glienicker Brücke fahre, als ich letztes Jahr in der Leipziger Nicolai-Kirche war und auch zu anderen Gelegenheiten wie jetzt beim Schreiben, empfinde ich tiefe Dankbarkeit, dass die Geschichte es noch einmal gut meinte mit Deutschland, auch wenn es noch immer viele Probleme gibt und die Menschen zum Teil das Glück der Wende-Tage und das Gute zu vergessen scheinen.
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