Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
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Dr. Bernd Wulffen: Die Wende in Peking

Einer der merkwürdigsten Tage in meinem diplomatischen Leben war der 23. Mai 1989. Wir begingen damals den 40. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland mit einem Empfang im Hotel “Regency” in Kuwait. Ich schätzte die Gäste auf etwa sechshundert. Gleichzeitig eröffneten wir eine “Deutsche Woche” mit einer kleinen Messe, an der sich über vierzig deutsche und kuwaitische Firmen beteiligten, später sollten noch einer bunter Abend, ein Kinderfest und ein Tennisturnier folgen.

In meiner Ansprache bezog ich mich auch auf den Wunsch unseres Landes nach der Wiedervereinigung. Diese werde kommen, wenn die Deutschen es wünschten und unsere Nachbarn keine Einwände dagegen erheben würden.

Ernst Zwerjew, der sowjetische Botschafter, zu dem ich ein enges Verhältnis hatte (wir luden uns gegenseitig ein und sprachen oft miteinander), fragte mich hinterher, wann ich die Wiedervereinigung erwarte und wie ich sie mir vorstellte. “Ich glaube an eine Wiedervereinigung im europäischen Rahmen. Allerdings könne dies noch viele Jahre dauern. Mit dem Helsinki-Prozeß hätten wir einen ersten wichtigen Schritt zur Überwindung der Teilung Europas gemacht. Ich sei überzeugt, dass dem weitere Schritte folgen würden”. Ernst meinte nachdenklich, er glaube an die friedliche Koexistenz und die Vertrauensbildung in Europa. Es sei wichtig, dass unsere Regierungen miteinander sprächen und Kontakt hielten.

Wir ahnten beide nicht, welche Überraschungen die zweite Jahreshälfte 1989 noch bereithielt.

Mit der deutschen Woche in Kuwait verabschiedete ich mich nach knapp dreijähriger Tätigkeit am Golf. Ich hatte bereits meine Versetzung als Leiter der Wirtschaftsabteilung nach Peking in der Tasche. Nach der Sommerpause würde ich dort meinen Dienst antreten. Wir freuten uns auf Peking. Von unseren künftigen Kollegen an der Botschaft hörten wir, dass in China “Tauwetter” herrschte. Mit der einige Jahre zuvor von Deng Xiaoping eingeleiteten Reform- und Öffnungspolitik fühlten sich die Menschen in Peking, aber auch in anderen Teilen Chinas, freier. Dies kam der Arbeit der Botschaften zugute. Kontakte ließen sich leichter herstellen. Intellektuelle und Künstler gingen in unserer Botschaft in Peking ein und aus.

Die deutsche Woche in Kuwait war kaum vorbei, als wir von der Nachricht von Unruhen in Peking aufgeschreckt wurden. Der 4. Juni 1989 - wir hatten gerade damit begonnen, unsere Umzugsvorbereitungen zu treffen - markierte mit dem Eingreifen der Armee die Wende in China. Das Massaker von Tien-An-Men, dem Platz des Himmlischen Friedens, würde unsere Beziehungen zu China auf Jahre hinaus prägen. Meine Frau und ich waren entsetzt, als wir die Fernsehbilder sahen. Wir würden in ein anderes China reisen als das von unseren Kollegen beschriebene.

Anfang September 1989 trafen wir in Peking ein. Unser Gesandter, ein Kollege, der dem Ruhestand nahe war, weihte uns gleich am Anfang unseres Aufenthalts in die neuen Verhältnisse ein. “Gut, dass Sie erst jetzt hierher gekommen sind”, meinte er. Er berichtete mir, er habe vom Beginn seiner Tätigkeit an enge und sogar freundschaftliche Kontakte zu einer Reihe von Chinesen unterhalten. Die Gespräche seien immer freimütig gewesen. Oft hätten die Unterhaltungen bis in die Nacht hinein gedauert. Die Chinesen hätten zu ihnen, wie auch zu anderen Ausländern, Vertrauen gefasst. Dies sei nun vorbei. Mein Kollege rechnete mit einer Erstarrung der Verhältnisse. Mit der Freiheit, die gewährt worden sei, wäre es nun wohl vorbei.

Für die Mitarbeiter in der Botschaft war das Massaker von Tien-An-Men ein gewaltiger Schock. In unzähligen Diskussionen versuchten wir unseren chinesischen Gesprächspartnern klar zu machen, dass es keine Lösung sei, Panzer und Gewehre gegen Demonstranten einzusetzen. Damit könne man die Freiheit vielleicht für die Gegenwart, nicht aber für die Zukunft, zurückdrängen. Wir erinnerten dabei an die Unterdrückung der Volkaufstände in Berlin (1953), Budapest (1956) und an den Prager Frühling (1968). Besonders Prag 1968 war ein erster Vorbote des Verfalls der sozialistischen Herrschaft in der Mitte und im Osten Europas gewesen.

Der Herbst 1989 bescherte uns milde Temperaturen und lud dazu ein, sich im Freien aufzuhalten. Da bereits wenige Tage nach unserer Ankunft mein Fahrrad mit dem unbegleiteten Luftgepäck eingetroffen war, begann ich erste Ausflüge damit zu machen. Dabei reihte ich mich in die endlosen Kolonnen von Radfahrern ein, die sich langsam auf den Seitenstreifen der breiten Hauptstraßen dahinwälzten. Auch begann ich, mit dem Fahrrad ins nur etwa zwanzig Minuten von unserem Hotel entfernte Büro zu fahren.

Eines Morgens, es war schon November, aber immer noch recht mild, fuhr ich erneut mit dem Fahrrad ins Büro. Ich setzte gerade zum Überholen meines Vordermanns an, als ein Chinese schnurstracks und in ziemlich hohem Tempo auf mich zufuhr. Ich konnte ihm nicht mehr ausweichen und kam bei dem Anprall zu Fall. Ich schlug mit der Backe auf die Bordsteinkante auf und verlor für einen Moment das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, sah ich mich von einer größeren Zahl von Menschen umringt. Man geleitete mich in eine kleine Fabrik. Ich hatte während der wenigen Chinesisch-Stunden das Wort “Botschaft” und das Wort “deutsch” gelernt. Als ich den Chinesen, die mich betreuten, die Worte “xi-de dashiguan”  sagte, begriffen sie sofort. Wenige Minuten später war unser Botschaftsarzt Dr. Pöschel an meiner Seite. Er begleitete mich ins Krankenhaus, wo eine Röntgenaufnahme gemacht und ich versorgt wurde.

Mit einem Verband um den Kopf und einer Gehirnerschütterung musste ich für einige Tage das Bett hüten. So begann die zweite Woche im November 1989.

Wie in den meisten Ländern, in denen ich bisher auf Posten gewesen war, so hörte ich auch in China regelmäßig die Nachrichten der Deutschen Welle. Manchmal waren die Sendungen nur schlecht zu empfangen, manchmal schienen sie gestört zu sein. Am 8. November 1989 war die DW gut zu hören.

So vernahm ich auf meinem Krankenlager, dass die DDR die Mauer geöffnet und ihren Bürgern erlaubt hatte, West-Berlin zu besuchen. Öfters hörte ich den Namen des Politbüromitglieds Schabowski, das die entsprechende Anordnung gegeben hatte. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Wenn unseren Landsleuten in der DDR Freizügigkeit gewährt wurde, dann bedeutete dies eine klare Wende. Dann würde sich das starre Regime jetzt öffnen. Sollte dies die Politik der neuen Führung unter Egon Krenz sein, der wenige Wochen zuvor den Vorsitz im Staatsrat von Erich Honecker übernommen hatte?

Ich konnte dies nicht glauben. Krenz hatten wir am 1. Oktober 1989 in Peking gesehen. Sein Wagen stand vor dem Freundschaftsladen an der Jiangomenwai, ganz in der Nähe der Wohnung, die wir bald zu beziehen hofften. Krenz war der höchstrangige ausländische Besucher während der Feierlichkeiten zum vierzigsten Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China gewesen. Er saß ganz vorn auf der Tribüne, die aus diesem Anlass auf dem Tian-An-Men-Platz errichtet worden war. Die DDR galt als der engste Verbündete Chinas. Mit der Entsendung von Egon Krenz, der Nummer Zwei in der DDR, kam dies zum Ausdruck.

Die Bedeutung der DDR spürten wir in China auch ständig in unserer diplomatischen Arbeit. Es verging kaum eine Woche, in der nicht eine wichtige Delegation aus dem Osten Deutschlands in China eintraf. Die Zeitungen meldeten allenthalben davon. Unsere DDR-Kollegen waren sehr aktive und gefragte Leute. Nachdem die westlichen Länder als Folge des Tian-An-Men- Zwischenfalls Sanktionen gegen China verhängt hatten und die westliche Präsenz kaum mehr spürbar war, waren die DDR und die anderen Mitgliedstaaten des Ostblocks, des Comecon, umso gesuchtere Partner Chinas.

Nur selten ergab sich eine Möglichkeit, mit unseren Landsleuten von “drüben” zu sprechen. Im Grunde gingen wir uns aus dem Weg. Für die DDR-Diplomaten konnten Westkontakte gefährlich sein. Das wussten wir. Aber auch wir waren gehalten, solche Kontakte zu melden. Wir wurden aus unserer Zentrale gewarnt, dass aus anfänglich lockeren Kontakten mit Staatsangehörigen aus dem Ostblock immer wieder Anbahnungsversuche mit geheimdienstlichem Hintergrund hervorgegangen waren. Also verhielt man sich lieber zurückhaltend. So konnte man diesen Gefahren aus dem Wege gehen.

Auffallend war in China neben der militärischen Zusammenarbeit mit der DDR auch der Handelsaustausch. Überall konnte man LKWs der Marke “IFA” sehen, die in Ludwigsfelde bei Berlin hergestellt wurden. Wenn ich mit dem Zug reiste, saß ich oft in einem in der DDR hergestellten Waggon. Optische Geräte, Computer, aber auch PKW oder Lebensmittel stammten aus dem anderen deutschen Staat. Die DDR besaß eine große Handelsvertretung in Peking. Sie war um vieles größer als die Wirtschaftsabteilung unserer Botschaft.

In China war kaum etwas über die Vorgänge im Herbst 1989 in der befreundeten DDR zu hören, nichts von den Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen großen Städten, nichts von den Demonstrationen anlässlich des Besuchs von Gorbatschow im Oktober 89 in Ost-Berlin. China blendete diese Vorgänge aus. Es verwunderte mich daher nicht, dass das offizielle China auch von der Öffnung der Mauer kaum Notiz nahm.

Aber dann kam der Fall der Mauer und der große Jubel, der Berlin und Deutschland erfüllte und der die ganze Welt in seinen Bann zog. Viele Chinesen saßen mit uns in den großen Hotels vor den Fernsehschirmen und verfolgten die Ereignisse in Berlin. Auch für sie muss dies von großer Wirkung gewesen sein. Der Fall der Mauer wurde auch in Peking Tagesgespräch, aber eher hinter der vorgehaltenen Hand und oft mit eher sorgenvoller Miene.

Eigentlich hätte China sich mit uns freuen müssen, denn die Pekinger Führung hatte konsequent die Notwendigkeit der Einheit Deutschlands betont. Aber der Aufwand, mit dem man hier Krenz wahrgenommen hatte, die engen Verbindungen zur DDR auf den verschiedensten Sektoren hatte Zweifel aufkommen und die Frage laut werden lassen, ob die Betonung der Einheit Deutschlands nicht eher ein Lippenbekenntnis war, das man zur Stärkung des eigenen Anspruchs auf Taiwan ins Feld geführt hatte: Deutsche Einheit -Chinesische Einheit. Dies sah man in Peking in einem Zusammenhang.

Während wir uns immer mehr freuten, denn mittlerweile hatte der Prozess des Verfalls und Zusammenbruchs der kommunistischen Regime in Mittel- und Osteuropa eine beträchtliche Dynamik entfaltet, umso besorgter wurden die Gesichter unserer chinesischen Gesprächspartner. Sorgen machte sich die Pekinger Führung auch um Nicolae Ceaucescu, den man zu den engen Freunden zählte. Er war jetzt, im Herbst 1989 in starker Bedrängnis. In Temesvar war ein     Volksaufstand ausgebrochen, der sich auf das ganze Land auszubreiten drohte. Als der Diktator kurz vor Jahresende 1989 zum Tode verurteilt und erschossen wurde, bekam man tagelang in Peking keine ausländische Zeitung. Die chinesische Führung überging dies mit Schweigen.

Gerüchte besagten, dass Ceaucescu noch kurz vor seiner Verhaftung den Versuch unternommen hatte, nach China zu entkommen. Peking habe ihm deswegen ein Flugzeug geschickt, das allerdings auf halbem Wege wieder umgekehrt war, nachdem C. verhaftet worden war. In China war man jetzt tief verunsichert. Die Beziehungen zu den Freunden und Verbündeten in Europa waren jetzt ins Rutschen gekommen. Sie befanden sich auf einer schiefen Bahn, bei der es kein Halten mehr gab.

Während wir überlegten, wie sich jetzt nach dem Fall der Mauer das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten gestalten würde, kamen Anfang 1990 erste, von beiden Seiten gewünschte Kontakte zu unseren Kollegen von der DDR-Botschaft zustande. Unser Gesandter und ständiger Vertreter des Botschafters hatte einige der DDR-Kollegen zu einem Abendessen eingeladen. Wir sahen sie besorgt. Die soziale Sicherung war es vor allem, die unsere Kollegen beschäftigte. Natürlich stand die Frage im Hintergrund, was aus ihnen im Fall einer - wie auch immer gearteten - Vereinigung der beiden deutschen Staaten werden würde.

Zu Beginn des Jahres 1990 waren für uns die Konturen des künftigen Deutschlands noch sehr unscharf. In Peking sprach niemand von Wiedervereinigung. Das Wort “Konföderation” machte die Runde. Dies hätte bedeuten können, dass die beiden deutschen Staaten ein sehr großes Maß an Autonomie hätten behalten können, vielleicht sogar ihre Regierungen, einschließlich der auswärtigen Dienste. Als Leiter der Wirtschaftsabteilung meldete ich mich bei meinem DDR-Kollegen, dem Handelsrat H., der mich zu einer Besprechung in sein Büro einlud.

Wie ich schon erwähnt hatte, besaß die DDR in Peking zwei Botschaftsgrundstücke; das größere gehörte der Außenhandelsabteilung. Handelsrat H. hatte ein Büro, in dem meines mindestens viermal hineingepasst hätte. Seine Größe wurde durch das relativ spärliche Mobiliar unterstrichen.  Neben seinem Schreibtisch hatte mein Kollege eine Couchgarnitur mit einem Tisch stehen, auf dem eine Vielzahl Flaschen stand, die meisten mit “hochprozentigem” Inhalt. Auf meinen erstaunten Blick entgegnete mir der Gastgeber freundlich: “Damit sich die Zunge löst.”

Ich lachte. “Nein, lieber Herr Kollege, da brauchen  Sie bei mir keine Angst zu haben”, sagte ich. “Ich kenne die DDR durch meine öfteren Besuche bei meinen Verwandten. Etwa die Hälfte unserer Familie lebt oder lebte in der DDR.” Mein Gegenüber schien beruhigt. Wir einigten uns auf eine Tasse Kaffee, zu der sich im Verlauf des Gesprächs ein Gläschen Cognac gesellte. Unsere Zungen waren aber schon vorher gelöst, denn das Gespräch verlief freundschaftlich lebhaft.

Als mir Herr H. die Funktionsweise der Handelsabteilung seiner Botschaft erklärte, wurde mir zum ersten Mal klar, dass er sozusagen der Chef aller für die DDR in China tätigen Handelsvertreter der DDR-Unternehmen war. Denn sie alle waren Staatsangestellte und hatten einen privilegierten Status. Die Handelsvertreter (Kaufleute) der DDR wohnten auf dem großen Gelände der Handelsabteilung, meist in Einzelhäusern. Dieses Gelände sah wie ein Park aus, es war mit zahlreichen Bäumen bestanden, zwischen denen die ansprechenden Häuser standen. Welcher Unterschied zu uns, die wir auf einem wenig ansprechenden, ungepflegten Compound lebten mit wenig attraktiven Wohnungen, in denen es vor Kakerlaken wimmelte und deren Heizkörperthermostate nicht funktionierten. Wenn es im Winter in den Wohnungen zu warm wurde, mussten wir - oft mit Kraftanstrengung - die Fenster öffnen, um Kaltluft hereinzulassen. Aber diese Luft war in Peking, gerade in den Wintermonaten, durch die Emissionen der Fabriken und des Straßenverkehrs stark verschmutzt. So blieben die Fenster besser geschlossen und es hieß eben, die Hitze auszuhalten.

Mit dem DDR-Kollegen besprach ich das zukünftige Nebeneinander der beiden Handelsabteilungen, wovon wir damals beide ausgingen.  Herr H. meinte mit einem gewissen Recht, dass die beiden Wirtschaftssysteme so unterschiedlich seien, dass zumindest für eine Übergangszeit zwei deutsche Handelsvertretungen in der VR China erforderlich sein würden.

Bei unserem zweiten Treffen, diesmal in meinem Büro, das einige Wochen später stattfand, zeichnete sich bereits ab, dass es nur einen auswärtigen Dienst Deutschlands geben würde, nämlich den der (alten) Bundesrepublik Deutschland. Außenminister Genscher hatte nach den Wahlen in der DDR im März 1989 klar gemacht, dass er die Diplomaten aus der DDR nicht in den auswärtigen Dienst übernehmen würde. Auch das Fortbestehen der DDR-Botschaft in Peking war demnach nur noch eine Frage der Zeit.

Dennoch schien es mir wichtig, behutsam vorzugehen und nichts zu überstürzen. Ich überließ es meinem DDR-Kollegen, die Schlüsse aus den Vorgängen in Berlin zu ziehen. Daher drängte ich ihn nicht, die Modalitäten der Übergabe der Handelsvertretung der DDR abzusprechen, sondern wartete ab. 

Zu meiner vorsichtigen Haltung trug auch bei, dass der Botschafter der DDR in China in keiner Weise Anstalten machte, die sich bereits im Frühjahr 1990 abzeichnende Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu honorieren. Im Gegenteil. Er verbot seinen Mitarbeitern und auch den Kaufleuten der DDR, an unserem Empfang anlässlich des 41. Jahrestages der Verkündung des Grundgesetzes am 23. Mai 1990 teilzunehmen. Diese Weisung befolgten vor allem die Botschaftsangehörigen. Die meisten “Bürger der DDR” kamen und feierten mit uns.

Ich musste jetzt an die Frage nach der Wiedervereinigung denken, die mit mein sowjetischer Kollege in Kuwait im Mai 1989 gestellt hatte. Wer hatte schon vor einem Jahr auch nur die blasseste Ahnung, dass sie sich jetzt abzeichnete und viele der Teilnehmer an dem jetzigen Empfang wie selbstverständlich davon ausgingen, dass sie noch in diesem Jahr vollzogen würde.

Wieder waren in Peking einige Wochen vergangen, und der Sommer war angebrochen. Bei unserer nächsten Unterhaltung bot mir mein DDR-Kollege an, mir die Akten der DDR-Handelsvertretung und “weitere Gegenstände” zu übergeben.  Gern nahm ich die Einladung an, war aber doch verwundert, dass die Akten aus einem dünnen Bändchen von vielleicht vierzig Seiten bestanden (die Akten unserer Wirtschaftsabteilung  befanden sich in mehreren eng gefüllten Regalen in der Registratur der Botschaft).   

Danach führte mich der Kollege in einen anderen Raum, in dem sich zwei Holzkisten befanden. Sie waren mit Meißner Porzellan gefüllt, das er mir übergeben wollte. Ich bedankte mich bei ihm und verwies auf die Verwaltung unserer Botschaft, welche die Kisten zunächst inventarisieren und dann - in Abstimmung mit der Zentrale des AA - einer neuen Verwendung zuführen würde. Dass die Handelsvertretung der DDR im Gegensatz zu uns mit so kostbarem Porzellan ausgestattet war, zeigte mir erneut, wie viel Wert Andere auf die diplomatische Repräsentation legten.

Während unsere DDR-Kollegen an Ihre für den 2. Oktober geplante Heimreise dachten, überlegte ich mir, wie wir die DDR-Firmen bei dem schwierigen Übergang in Peking unterstützen könnten. Sie würden demnächst aus dem “Himmel” eines privilegierten Status auf die “Erde” der Wirklichkeit fallen, ihren Status verlieren und auch aus ihren Häusern auf dem Grundstück der DDR-Handelsvertretung ausziehen und sich eine private Unterkunft suchen müssen.

In Peking, wie auch an anderen Dienstorten, hatte ich regelmäßige Treffen der deutschen Kaufleute arrangiert. Dies diente einerseits zur Information über Aktivitäten der Botschaft, andererseits aber auch zum Meinungsaustausch. Bei einem Essen oder auch nur bei einem Kaffee bestand Gelegenheit, freimütig Fragen zu stellen, seine Meinung zu äußern oder Kritik zu üben. Ich schlug daher allen deutschen Kaufleuten in Peking vor, im Spätsommer 1989 eine gemeinsame Veranstaltung im Garten des Hotels Sheraton durchzuführen. Erstmals sollten auch die “Kaufleute” aus der DDR die Möglichkeit erhalten, mit “unseren” Kaufleuten zusammenzutreffen, sich kennen zu lernen und den Rat von Leuten einzuholen, die über lange Erfahrungen in der Marktwirtschaft verfügten.

Dieser Gedanke wurde allgemein günstig aufgenommen, und so lud ich zu dem Treffen im “Great Wall” (Sheraton) ein. Es wurde ein voller Erfolg. Bei meiner Begrüßungsansprache drückte ich meine Freude darüber aus, dass nun auch die DDR-Kollegen zur deutschen Kaufmannschaft gehörten und bat die Kaufleute aus dem Westen, ihre neuen Kollegen mit Rat und Tat zu unterstützen. Auch teilte ich mit, dass ich durch die Kontakte zu meinen Verwandten in der DDR, durch meine Reisen dorthin und auch durch mein Studium in Berlin einen recht guten Eindruck über die Lebensverhältnisse im anderen Teil Deutschlands gewonnen hätte. Mir kam es darauf an, Vertrauen zu schaffen und zu ermutigen.

Ich denke, dass diese Begegnung, die bei herrlichem Spätsommerwetter stattfand, wie auch andere Treffen unter den Kaufleuten wesentlich dazu beigetragen haben, die psychologischen “Mauern”, die manche noch im Kopf hatten, abzubauen. Für die DDR-Kaufleute war es nun einfacher, die ersten Schritte in der Marktwirtschaft zu gehen und Rat bei den anderen Kollegen zu suchen. Das Eis war gebrochen, der für Viele schwierige geschäftliche Alltag würde sich angenehmer gestalten können.

In diese Zeit fiel auch der Besuch eines Generaldirektors des Kombinats “Schwarze Pumpe” in der Lausitz. Er besuchte mich, um mit mir über die Möglichkeiten der Fortführung eines DDR-Projekts zu sprechen, das seinem Unternehmen am Herzen lag. Die “Schwarze Pumpe” sagte mir etwas. Mein Großvater, der Rektor einer Schule in Ruhland in der Lausitz war, hatte davon erzählt. Später hatte mir ein Onkel einen Braunkohletagebau gezeigt. Ich erinnere mich noch an die schwarzen Rauchfahnen, die aus den zahlreichen Schornsteinen eines Kraftwerks bei Senftenberg heraus quollen. Das hatte mich als kleinen Jungen sehr beeindruckt. Hinzu kam, dass ein Verwandter als junger Mann bei der “Schwarzen Pumpe” gearbeitet hatte und später, nach seiner Flucht in den Westen, bei Rheinbraun in Köln eine Anstellung gefunden hatte.

Der “Genosse” Generaldirektor berichtete mir von seinem Projekt bei Harbin, im Nordosten Chinas, in der ehemaligen Mandschurei. Harbin, eine durch Abgase aus Fabriken, privaten Haushalten und dem Verkehr besonders belastete Stadt, solle mit Stadtgas versorgt  werden, und dieses Gas sollte an einem Tagebau, etwa 60 km von der Großstadt entfernt, gewonnen werden. Die Umwandlung der Kohle in Gas sollte nun mit Hilfe eines Projekts, zu dem sich die DDR verpflichtet hatte, über einen großen Generator erfolgen. Der Auftragswert betrug 80 Millionen DM. Er bat mich, dafür Sorge zu tragen, dass dieses wichtige Projekt fortgesetzt werde.

Wie sollte ich diese Bitte verstehen? Sollte die Botschaft die Fortschrittskontrolle für dieses Projekt übernehmen, gelegentlich auf die Baustelle fahren und nach dem Rechten sehen? Aber das meinte der Gesprächspartner nicht. Vielmehr ging es ihm um die Finanzierung des noch ausstehenden Projektteils von ca. 40 Millionen DM. Hierfür wollte er Hilfe und Intervention der Botschaft erbitten.

Bei der Projektfinanzierung hatte ich vor allem in Indonesien meine Erfahrungen gemacht. Eine Reihe von Projekten war an der Frage der Finanzierung gescheitert. Oft verteuerte eine normale Bankfinanzierung mit den dazu gehörenden Zinszahlungen ein Projekt derart, dass der deutsche Auftragnehmer nicht mehr konkurrenzfähig war. Deutsche Unternehmen bemühten sich daher um eine sog. “Mischfinanzierung”, bei der neben einem kommerziellen Kredit ein Kredit des BMZ beigemischt wurde, also ein Entwicklungskredit zu Sonderkonditionen, der zu einer erheblichen Verbilligung der Kredite beitrug und den Angebotspreis senkte. Damit konnten unsere Unternehmen wieder mit der ausländischen Konkurrenz in Wettbewerb treten und hatten gute Chancen, ein Projekt zu gewinnen.

Hierauf wollte auch der Generaldirektor hinaus. Ich sollte mich dafür einsetzen, dass das BMZ den Restteil des Projektteils über einen Entwicklungskredit finanzierte. Dies war ein Novum. Denn noch nie hatten wir ein DDR-Projekt in China finanziert. Daher beriet ich mich zunächst mit meinem Mitarbeiter, der aus dem BMZ kam und für die Entwicklungszusammenarbeit zuständig war. Er verfasste einen Bericht an das BMZ, dem wir - nach Besichtigung des Projekts- eine positive Stellungnahme der Botschaft beifügten. Übrigens hat das BMZ später den Projektantrag genehmigt und auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz in Harbin und Umgebung geleistet.

Bald nach diesem Besuch gingen wir daran, den ersten Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober in Peking vorzubereiten. Der Botschafter wollte einen großen Empfang im Palast Hotel, mitten in Peking geben. Hierzu sollte die gesamte chinesische Staatsführung eingeladen werden. Wir wollten diese für uns so bedeutsame Feier zu einem Fest mit den allen Deutschen, den ausländischen Botschaften und vor allem mit den chinesischen Freunden werden lassen. Insgesamt sprachen wir an die 1500 Einladungen aus.

Am zweiten Oktober begleiteten wir aber zunächst unsere DDR-Kollegen zum Flughafen. Die DDR-Diplomaten hatten auf Weisung ihres Botschafters, der noch bis zum 2. Oktober mit dem DDR-Stander durch Peking fuhr, bis zum Schluss auszuharren. Wir versuchten, ihnen den Abschied mit einem Glas Sekt am Flughafen etwas zu versüßen. Aber für Viele von ihnen war dies ein nicht sehr glücklicher Tag, um es milde auszudrücken. Ein Flug in die Ungewissheit begann.

Kurz darauf erreichte mich die Nachricht vom Vortag, dass der Dalai Lama im Auswärtigen Amt empfangen worden war. Der Bundesaußenminister hatte sich mit ihm getroffen. Es war der Aufmacher in vielen Zeitungen. Die chinesische Staatsführung reagierte prompt. Sie sagte aus Protest die an sich vorgesehene hochrangige Teilnahme an unserem Empfang zum Tage der deutschen Einheit ab. Lediglich ein Vizeminister erschien. Das war für den Botschafter und für uns alle ein bitterer Wermutstropfen. Dennoch ließen wir uns nicht die Laune verderben.

Zu dem Empfang kamen etwa 800 Personen. Meine rechte Hand war nach dem Schütteln der Hände, die uns beglückwünschten, ziemlich mitgenommen. Vielen merkte man die Freude an, die sie beim Gedanken an die Wiedervereinigung empfanden. Ich musste beim Gespräch mit sowjetischen Diplomaten erneut an Ernst Zwerjew denken und das Gespräch mit ihm vor weniger als einem und einem halben Jahr in Kuwait.

Wie schnell sich doch Dinge völlig ändern können und wie wenig Menschen die Zukunft vorauszusehen in der Lage sind!


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