Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
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Dietmar Düwert: Meine Gedanken zur 20.Wiederkehr des Mauerfalls am 9.11.1989 in Berlin

Diese Gedanken sind ständig vorhanden und gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, je älter man wird je intensiver lebt man mit diesen Erinnerungen, mit der Nachkriegszeit, der Grenze und dem Mauerfall. Im Krieg (geb. 1941) aufzuwachsen, um und in Berlin, war für einen Heranwachsenden eine sehr geschichtsträchtige aber auch eine sehr schwierige Zeit.
Denn schon sehr frühzeitig musste ich in der Schule genau wissen, wie verhalte ich mich, was sage ich öffentlich, denn jedes falsche Wort von den Erwachsenen zu Hause konnte über die Schule zum Gefängnis führen.
Ich bin rund 10 km von Berlin in der sowjetischen Besatzungszone groß geworden. Meine Mutter und meine Verwandten wohnten im Westteil der Stadt Berlin. Ich bin als so genannter Halbstarker mit Niethose und Lederjacke, Elvistolle und der Musik von Bill Haley, Peter Kraus und den Beatles und einem Motorroller in Berlin groß geworden. Aber soweit ich zurückdenken kann bin ich ebenfalls mit den vier Besatzungszonen, den mehr oder weniger bewachten Grenzen zwischen Ost - und West Berlin und deren Problemen, vor allem zwischen der sowjetisch-kommunistischen Ideologie und der freiheitlichen Ordnung konfrontiert gewesen. Wir wurden damals sehr früh erwachsen, Schwarzmarkt, Polizeikontrollen, ständiges politisches Vorsichtigsein, Geldumtausch Ost und West, das Hin - und Herpendeln zwischen Ost und West, ständige Angst wegen Trennung der Familie, aufpassen ob man mit Schmuggelgut mit der U - oder S-Bahn durch Ostberlin fahren konnte. All diese Probleme waren für mich als Jugendlichen ein Balanceakt, der mich geprägt hat.
Der Mauerbau kam, trotz aller Warnzeichen seit Anfang 1961, doch überraschend. Mein Bruder und ich fuhren für 14 Tage mit dem Roller an die Ostsee (Rerik) und kamen genau wegen einer Rollerpanne gegen 22 Uhr am S - Bahnhof Potsdam an. Wir wollten somit mit der S - Bahn zur Mutter fahren, welches und natürlich verwehrt wurde, da die Mauer (also West Berlin) am frühen Morgen gebaut wurde.
Damit begann meine Odyssee und mein zwangsläufiges Leben im Osten. Wie pervers müssen Politiker sein eine Millionenstadt zu trennen und abzusperren, Freundschaften, Familien, Verkehr und Arbeitsadern, Telefone, Strom usw. zu trennen?
Meine Mutter sagte uns vor der Urlaubsreise „Jungs, bleibt hier, die ... bauen eine Mauer und wir werden uns für lange Zeit nicht mehr wieder sehen."
Sofort nach dem Mauerbau musste ich aus politischen Gründen mein Lehrerstudium aufgeben, musste für 4 Wochen in der Kampfgruppe (kaserniert) die restliche Stacheldrahtgrenze zu Buckow und Lichtenrade schließen, die Arbeit war weg und ich musste mich im Arbeitslager läutern lassen. Nach dieser schweren Zeit zur Umerziehung zum „sozialistischen Menschen" ging ich mit meinem Freund nach Mecklenburg, fand meine Frau und gründete eine Familie mit 2 Kindern. Beide hatten wir gute Berufe und lebten ab 1964 wieder nach Berlin, aber leider im Ostteil. Der Gedanke an die Mauer, das Ausgesperrt sein, war immer vorhanden. Wir lebten zwar in Berlin, also in der DDR, aber waren gedanklich im Westen zu Hause. Gerade in Berlin fühlten wir ständig, dass die DDR ein von den Russen aufgezwungenes System war, wie Ausreiseanträge (nach Helsinki), ständige Berufsverbote, politische Verhaftungen, Ausreisen und Zwangsausbürgerungen vor allem von Künstlern, kirchliche Aktivitäten von Jugendlichen zu antisozialistischen Arbeiten, Freikäufe von Gefangenen und Ausreisen über die soz. Länder. Ich merkte Anfang 1989, dass die DDR am Ende war. Ich beteiligte mich sehr zaghaft öffentlich an der Opposition der DDR z.B. an Diskussionen in der Gethsemanekirche und Erlöserkirche, zum 7.Oktober, am 4.11.89 auf der Demonstration (Alex). Die Öffnung der Mauer habe ich mit meiner Familie erst am 10.11.89 gegen 6.30 Uhr erfahren, denn wir feierten am 9.11.89 unseren 26. Hochzeitstag und interessierten uns aus diesem Grund nicht für Nachrichten. Trotzdem holte ich sofort am 10.11. gegen 9.30 Uhr den freien Grenzübertritt an der Bornholmer Brücke nach. Ich wollte mit eigenem Augenschein die Freude in Ost und West miterleben. Dieser tag wird mir ewig im Gedächtnis bleiben. Wir können heute mit Stolz sagen, es war gut so, dass wir die Freiheit noch relativ jung erleben konnten und wir von der neuen Zeit noch etwas haben.

Auch meine Mutter hat die Maueröffnung noch erleben dürfen, sie starb 1991. In den letzten 20 Jahren haben wir uns trotz schwieriger Umstände des Neubeginns sehr gut behauptet. Es ist für mich sehr wichtig, dass ich diese meine Gedanken aufschreiben kann und vielleicht als kleine Geschichtsstunde auch für junge Menschen und zum Nichtvergessen beitragen kann.

Bilder:

1.DDR Pass

2.Demonstration auf dem Alex 4.11.89

3.10.11.89 - Wisbystraße zur Bornholmerstraße

4.Grenzübergang


04.11.89 Demonstration am Alex

10.11.89 9.00 Wisbystr. nach Bornholmerstr.