Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
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Thierry Noir: Tagesbuch des Jahres 1989

Das Jahr 1989 fängt gut an. Thierry Noir, der seit Januar 1982 in Berlin wohnt, hatte am Samstag, den 31. Dezember 1988, Besuch aus Lyon, Frankreich, bekommen. Laurent und seine Frau Gibus wollten den Jahreswechsel mit seinen Exzessen in Berlin erleben. Thierry Noir schreit, gerade als die Uhr auf Mitternacht steht: Anno 1989! Das Jahr wird revolutionär! 1989 sollte "200 Jahre Französische Revolution" gefeiert werden. Es wurde viel, viel, mehr.

Samstag, den 14. Januar 1989

Erich Honecker spricht nach der Kundgebung zum 70. Erinnerungstag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Er sagt, dass die Mauer 50, oder sogar 100 Jahre in Berlin stehen soll. Es ist ein Schock für alle Westberliner und wahrscheinlich für die Ostberliner auch. Die letzte Hoffnung auf Reformen ist vorbei. Am Tag danach veröffentlicht die Bildzeitung die Meldung "Die Mauer bleibt 100 Jahre stehen."

Sonntag, den 5. Februar 1989

Im Jahre 1988 sind 40.000 DDR Bürger in die BRD umgesiedelt, dabei sind 9.042 illegal über die Grenze gegangen.

Donnerstag, den 9 Februar 1989

Aus der Abendschau wird bekannt, dass ein Ostberliner an der Grenze zu Westberlin, in Treptow, erschossen worden ist. Später wird bekannt, dass es sich um Chris Geoffroy handelt. Er war 20 Jahre alt. Der Mutter wurde untersagt, in der Todesanzeige zu schreiben, dass ihr Sohn an der Grenze erschossen wurde.

Samstag, 3. Juni 1989

In Peking kommt es zum Massaker auf dem Tien An Men Platz. Der Fernseher der DDR zeigt die Studenten als Chaoten. Die geschmacklose Interpretation der Ereignisse in China durch die DDR-Medien lassen erkennen, dass sich in der DDR wahrscheinlich so schnell nichts ändern wird.

Montag, den 17. Juli 1989

Die Sommerferien in der DDR fangen an. Viele Ostdeutsche reisen wie immer nach Sopron, Ungarn, in der Nähe der Grenze zu Österreich. Plötzlich erklärt die Regierung Ungarns, dass sie nicht mehr bereit ist, die DDR Bürger an der Ausreise nach Österreich zu hindern. Jeden Tag bis Mitte August lassen die DDR-Bürger ihre Habseligkeiten in Ungarn zurück, darunter auch den Trabant, und gehen zu Fuß über die Felder nach Österreich.

Dienstag, den 18. Juli 1989

Christophe Bouchet schneidet mit seiner Diamantsäge 4 kleine Mauerstückchen aus der Mauer am Bethaniendamm. Er ist der erste Mauerspecht. Christophe klebt einen Dollarschein auf ein langes Stück Holz und versucht diesen Geldschein über die Mauerkrone hinweg einem Vopo zu verschenken. Der Vopo verschwindet. Christophe wird dafür von Passanten und Nachbarn beschimpft. Er ist 4 Monate zu früh.

Montag, den 18. September 1989

Eine Frau ertrinkt bei dem Versuch die Donau, zwischen der CSSR und Ungarn, zu durchqueren. Die Ausreisewilligen gehen nach Prag in die Botschaft der BRD. 500 Leute kommen täglich dazu.

Montag, den 2. Oktober 1989

Die erste Montagsdemo in Leipzig findet statt. 20.000 teilnehmende Demonstranten.

Samstag, den 7. Oktober 1989

Die DDR feiert sich selbst. "40 Jahre DDR".

Montag, den 16. Oktober 1989

Montagsdemo: 150.000 Personen demonstrieren in Leipzig.

Montag, 23. Oktober 1989

Montagsdemo: 300 000 Personen in Leipzig. Sie demonstrieren gegen Egon Krenz und den Polizeistaat.

Montag, 30. Oktober 1989

Wieder 300 000 Personen in Leipzig. Sie schreien: "Die Mauer muss weg!".

Samstag, den 4. November 1989

500 000 Personen versammeln sich in Ost Berlin. Volksfest am Alexanderplatz.

Die DDR-Bürger dürfen über der CSSR direkt nach Bayern (BRD) ausreisen. Am Wochenende verlassen 23.000 Personen die DDR.

Donnerstag, den 9. November 1989

Um 19 Uhr Pressekonferenz mit Günter Schabowski. Er sagt, dass bald jeder ausreisen darf. Thierry Noir fährt um 20.00 Uhr von Kreuzberg nach Charlottenburg, um seine Bilder und Postkarten zu verkaufen. Er hält kurz am Allied Checkpoint Charlie, vor dem Kreuz von Peter Fechter. Er denkt nach, warum es jetzt möglich wird, dass seit 28 Jahren strickt aufrechterhaltene Tabus über Nacht fallen.

Thierry Noir, Isolde Josipovici und ihr Freund aus Grand Canaria, Alberto, reden lange im Petit Hotel am Ku'damm 30 über die Situation in der DDR. Auf dem Weg zurück nach Kreuzberg, plötzlich gegen 23 Uhr 55, am Anhalter Bahnhof, gibt es einen riesigen Verkehrsstau. Noir fährt langsam weiter bis zum Allied Checkpoint Charlie. Plötzlich ...?

Wahnsinn am Checkpoint Charlie. Tausende rütteln an der Grenze. Sie wollen endlich raus. Tausend andere wollen rein. Thierry Noir bleibt dort. Trotz eisiger Kälte. Bis 4 Uhr morgens trifft er viele Leute, die er schon lange nicht mehr gesehen hat.

Freitag, den 10. bis Sonntag, den 12. November 1989

Ganz Ostberlin besucht West-Berlin. Der Ku'damm ist eine riesige Fußgängerzone. Eine Million Besucher in 3 Tagen. Mehrere neue Grenzübergänge sind schnell geöffnet worden. Die DDR-Soldaten entfernen einfach 3 bis 4 Mauersegmente und schon ist ein neuer Kontrollpunkt geöffnet. Potsdamer Platz, Schlesischer Busch, Wollankstraße. Man sieht riesige Schlangen vor jeder Bank. Jeder DDR Besucher bekommt 100 DM.

Freitag, den 17. November 1989

Chaos in der Westberliner U-Bahn und auf den Strassen.

In diesen Tagen wird es zur Unmöglichkeit, Babywindeln zu kaufen. Die Drogerien sind überfüllt. Endlose Menschenschlangen stehen vor den Türen. Die Westberliner sind genervt. Man hört sie schon sagen: "Die Ostler kaufen alles weg. Alles unter 100 DM ist ausverkauft."

Dienstag, den 21. November 1989

Über Allied Checkpoint Charlie, dem einzigen Grenzübergang für Ausländer, besucht Thierry Noir zum ersten Mal Ostberlin. Ein Farbengroßhändler, Daniel Boulanger aus Paris, hat 2000 Büchsen von einer 1 Liter Farbe mitgebracht. Damit gibt es eine große Malaktion auf der Ostmauer am Potsdamer Platz.

Crosby Still and Nash, spielen am Brandenburger Tor. Sie sind extra dafür aus den USA gekommen.

Samstag, den 9. Dezember 1989

Die Mauerspechte am Bethaniendamm klopfen an der Mauer ohne Ende. Manchmal bis Frühmorgens. Auch wenn es regnet klopfen die Leute mit einem Regenschirm in einer Hand. Unglaublich!

Freitag, den 22. Dezember 1989

Das Brandenburger Tor ist für Fußgänger eröffnet.

Sonntag, den 31. Dezember 1989

Thierry Noir kommt von einer Reise nach Berlin zurück. Um 20.00 Uhr am Bethaniendamm sieht er Christophe Bouchet rittlings auf der Mauer sitzend - mit einem Glas Champagner in der Hand. Überall klopfen die Mauerspechte. Mitternacht am Brandenburger Tor. Wahnsinn pur! Riesige Löcher an der Mauer am Potsdamer Platz und hinter dem Reichstag. Zum ersten Mal ist der Ku'damm am Neujahrsabend leer. Die Neunziger Jahre werden spannend...


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