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Vielleicht lag es auch an den allgegenwärtigen Parolen zum 40. Jahrestag der DDR, von denen die Leute genug hatten. Normalerweise waren sie so banal, dass keiner ihnen größere Bedeutung beimaß. Aber diesmal war alles anders, das Verhalten der Leute schlug im Sommer 1989 radikal um. Niemand konnte mit Bestimmtheit sagen, woher dieser plötzliche Unmut kam oder wer ihn steuerte. Unverhofft lag ein stummer, aber undurchdringlicher Widerstand in der Luft und verdüsterte allgemein den Blick. Die Menschen hatten sich verändert und schimpften immer lauter über Misswirtschaft, waren ungehalten wegen der Engpässe im Handel und witterten überall nur Schiebung! Kurz gesagt, sie suchten ein Ventil, um den Widerstand endlich auszudrücken. Das fanden sie, als Hunderten von Ausreisewilligen die Flucht in die Botschaft der Bundesrepublik gelang. Damit erhöhte sich der Druck auf die altersschwache Staatsführung. Mit ihrer dramatischen Ausreise über die ungarische Grenze, schwappte die Welle der Empörung auf die Zurückgebliebenen über: ein gesellschaftlicher Wandel kündigte sich an! Nun hatten weder ich, noch meine Kollegen oder Freunde je ein anderes gesellschaftliches System erlebt, ein Wechsel schien da nach vierzig Jahren DDR geradezu undenkbar. Ja vielleicht, so dachten wir, würden die Sicherheitskräfte das Strohfeuer bald wieder unter Kontrolle bekommen und es regiere dann wieder der alte Trott. Der alte Trott das war ein ruhiges, aber bescheidenes Leben nach genau vorgegebenen Regeln. In der Woche ging jeder seiner Arbeit nach und das Wochenende verbrachten sehr viele Familien in den Gärtchen an ihrer Datsche. Stürme von außen drangen höchstens über Radio oder Fernsehen zu uns. Bloß anfangen konnten wir damit recht wenig, das ging uns nichts an, es wirkte so unreal, wie das Filmgeschehen schlechthin und deshalb fanden wir die westliche Werbung, die allabendlich immer zur gleichen Zeit über den Bildschirm flimmerte, recht anregend und verkonsumierten sie als Hauch der großen weiten Welt! Im Herbst 1989 hatte sich alles noch mehr zugespitzt. An jenem frostigen Novembertag, der die Wende für die künftige Entwicklung Ostdeutschlands einleitete, hatte ich in Berlin zu tun. Ich sollte Absprachen für das Bühnenbild zur Weihnachtsshow treffen und stieg schon um acht Uhr in die S-Bahn zum Alex um. Als ich das Bahnhofsgebäude verließ, fegte ein eisiger Wind um die Häuserecken und es schien, als hätte er gleichfalls die Leute von der Straße geweht, denn die sonst so dicht gedrängten Gehsteige waren an diesem Vormittag menschenleer. Ab und zu begegnete mir eine Person mit verkniffener Miene und hochgeschlagenem Jackenkragen. Eigentlich hätte ich mir die Fahrt sparen können, denn im „Palast der Republik", meinem Anlaufpunkt, herrschte gerade Ratlosigkeit wegen der Unruhen am Prenzlauer Berg. Dort hatte die Polizei am Vorabend die Demonstranten zusammengeschlagen. Sogar Verletzte sollte es gegeben haben, munkelten die Kollegen dort, aber offiziell wusste keiner etwas Genaueres. Das alles das wirkte beklemmend auf uns und machte mich nachdenklich - dann aber am Abend die unglaubliche Meldung von der Grenzöffnung, allgemeine Erleichterung und stundenlanges Fernsehen!
Danach befand sich die Bevölkerung in großer Aufbruchstimmung. Es musste sich etwas ändern, das stand fest! Bald gab es die ersten Lockerungen und täglich kamen neue hinzu. Man konnte den Meldungen der Medien kaum folgen. In diesem Hochgefühl verabredete auch ich mich mit meiner Freundin zu einer, durch Mundpropaganda bekannt gewordenen, Demonstration. Wir wollten auch einen Beitrag zur friedlichen Umgestaltung der Gesellschaft leisten, und das ganz ohne Marschmusik! Die Menschenansammlung zog ungewohnt schweigend durch die Straßen. Irgendetwas zu rufen oder durch ein Transparent auf Forderungen aufmerksam zu machen, riskierte keiner. Wir sahen das Gesicht eines Vorgesetzten am Straßenrand auftauchen, aber kaum gesehen, verschwand es schnell wieder hinter der nächsten Häuserwand. Die Offiziellen gingen in Deckung, wenn ihnen der Menschenzug zu nahe kam. Es war schon klar, keiner wollte auffallen, weder im Zug, noch außerhalb des Zuges! Die Situation schien noch zu ungewiss, als dass sich jemand festlegen wollte, aber neugierig waren alle. Die Demonstranten machten überraschend einen Schlenker und bogen in die Querstraße, wo sich das Stasigebäude befand, ein. Ein dumpfes Buhen fuhr plötzlich durch die Reihen, kaum, dass sich die Münder bewegten. Man wagte auch nicht aufzusehen. Aber das Haus schien verweist, selbst die Kamera, die sonst ihre Linse auf die Straße richtete, war abgebaut. Eingeweihte verkündeten flüsternd, dass ein Dienstleistungskombinat den Auftrag zur Beseitigung der Akten bekommen hätte. Nun wurden hier schon seit drei Tagen irgendwelche Unterlagen vernichtet. Bloß welche? So recht konnte sich keiner der Demonstranten etwas darunter vorstellen. Möglicherweise Kaderakten oder irgendwelche Berichte? All das hinterließ Staunen, ein Gefühl von Ungläubigkeit, aber was hatten wir zu verbergen? Bald schon nach der Demo kreuzten zwei Techniker der, wie sie sich vorstellten, „Deutschen Post" in unserer Wohnung auf. Wir hatten keine Reparatur bestellt. Unter dem Vorwand das Telefon überprüfen zu müssen, bauten sie etwas Rundes aus. Es musste eine Wanze gewesen sein. |
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