Mein Herbst 89 - Erlebnisberichte
 
Eine Aktion von
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Schirmherr der Aktion
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BM Wolfgang Tiefensee
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Simone Blume & Andreas Gemmel: Unsere Geschichte des Jahres 1989

Ich will Euch erzählen, wie wir die Wende 1989 erlebt haben. Im Jahre 1989 waren ich und meine Simone schon 2 Jahre zusammen. Wir hatten zu Beginn des Jahres eine neue Wohnung in Berlin Köpenick bezogen und diese Wohnung liebevoll renoviert und eingerichtet. Im April wurde unser Sohn Leeroy geboren und unser Glück war komplett, aber trotz unseres Glücks beobachteten wir jeden Tag, was in Deutschland, aber auch was dort in Ungarn los war. Als wir dann sahen, wie die ersten über Ungarn nach Österreich abgehauen sind haben wir ein Visa für Ungarn beantragt und wir haben langsam angefangen zu packen. Wir hatten unsere Fahrkarten nach Budapest, hatten aber leider noch kein Visa bekommen, tagelanges Warten. Dann kam nur ein Visa für Simone und Leeroy und unser Plan schien ins Wasser zu fallen, denn alleine wollte sie mit den Kleinen nicht los, weiter warten oder auspacken? Zwei Tage später war es dann soweit, mein Visa war da und nachdem wir uns einen Tag vor der Abreise von allen Freunden und der Familie tränenreich verabschiedet hatten, fuhr uns Simones Vater zum Berliner Ostbahnhof.

Die Zugfahrt war relativ ruhig, wir sprachen mit niemanden, weil wir Angst hatten uns zu verplappern, wir hatten gehört, dass die Stasi Agenten in die Züge gesetzt hatte. Dann kam die Passkontrolle und die wussten genau, dass wir weg wollten, wir mussten alle Reisetaschen auspacken, selbst der Kinderwagen wurde untersucht und ich sah uns schon im Knast, aber plötzlich gab uns die Zöllnerin die Ausweise und wünschte uns ein Gute Fahrt. Wir waren absolut Happy und konnten unser Glück kaum fassen. Die Ungarn haben nur gefragt "DDR"?, wir sagten "ja" und sie gingen weiter, ohne unsere Ausweise auch nur angeschaut zu haben. Am Bahnhof sahen wir ein Hinweisschild vom  Malteser Hilfswerk und wir fuhren mit einem Taxi in ein großes Zeltlager. Wir wurden von den Menschen vor Ort auf das herzlichste willkommen geheißen und alle haben sich liebevoll um unseren Sohn und uns gekümmert. Uns wurde ein Schlafplatz zu gewiesen und wir sind todmüde ins Bett gefallen. Am nächsten Tag haben wir erstmal die Situation im Lager gesehen und das war schon erschreckend und nachdem wir gehört hatten wie lange manche hier schon festsaßen, wurde uns Angst und Bange, denn alleine wäre alles kein Problem gewesen, aber mit einem Baby hier Wochen zu sitzen, sah schon ganz anders aus. Aber auch hier blieb uns das Glück hold, denn schon zwei Tage später bekamen wir einen Bundesdeutschen Pass und einen Tag danach saßen wir schon  in einem Bus quer durch Österreich und dann waren wir unter großem Gejohle in der Bundesrepublik Deutschland .Wir wurden in einer Kaserne in Deggendorf untergebracht, wo wir wieder liebevoll aufgenommen wurden und keiner wusste wie es weitergehen würde, obwohl der Druck jetzt weg war, denn wir waren ja im "goldenen Westen". Nachdem wir zwei Tage die Gastfreundschaft der Soldaten genossen hatten, wurden wir wieder mit einem Bus nach Nürnberg in ein Lager gebracht, wo uns verkündet wurde, das keine Möglichkeit bestehe, nach Berlin zu kommen. Doch kaum dass wir uns im Lager eingerichtet haben und uns in der Altstadt von Nürnberg die Nase platt geschaut haben, mussten wir schon wieder packen und wurden zum Flughafen gebracht. Wenige Stunden später sind wir dann in Tegel gelandet, was sehr emotional gewesen ist, denn wir konnten von oben die Mauer sehen. Unser Sohn hat die ganze Zeit geweint, er hatte zu großen Druck auf den Ohren.

In Tegel haben uns liebe Freunde abgeholt, bei denen wir die erste Nacht verbrachten. Am nächsten Morgen sind wir dann nach Marienfelde, um uns anzumelden und nach allen Formalitäten brachte man uns in ein neu errichtetes Lager in Schöneberg. Bei einem unserer ersten Spaziergänge durch Schöneberg sah ich das erste mal ein Fleischerei und ich habe sofort nachgefragt ob er einen Gesellen gebrauchen könnte? Er bejahte und Simone wurde sofort als Verkäuferin und ich als Fleischergeselle eingestellt. Was dann kam ist kaum mit Worten zu beschreiben, denn uns schlug eine Welle der Solidarität entgegen: Als erstes wurde uns eine komplett eingerichtete Wohnung besorgt, in die wir sofort einzogen, es wurden säckeweise Kleidung für uns abgegeben (wir hätten 10 Babys bis zur  Konfirmation einkleiden können),aber auch Kleidung für uns von Jacken, Kleidern , Anzügen und alles in Top Qualität, ja teilweise noch original verpackt. Andere brachten alles für den Haushalt, einer brachte sogar einen riesigen Kühlschrank ,mit allem drin was man braucht, er hatte das Ding einfach aus seiner Küche abgekabelt und mit einer Sackkarre zu uns gebracht. Wir hatten den perfekten Start in ein neues Leben. So vergingen die Wochen und wir verschlangen jeden Tag die Nachrichten ohne echt daran zu glauben, dass sich drüben im Osten irgend etwas grundlegendes ändern wird. Am 09.11.1989 hat meine Schwester Geburtstag und da meine Schwester kein Telefon hatte, habe ich sie bei der Nachbarin angerufen und ihr versprochen,  sie am darauf folgenden Wochenende in Ost Berlin zu besuchen und ihren Geburtstag mit ihr zu feiern. Den gleichen Abend schaltete ich den Fernseher ein, Simone und der Kleine schliefen schon und ich hörte die legendären Sätze von Günther Schabowski, ohne sofort zu begreifen, was dieser Mann da ins Rollen gebracht hatte, doch nachdem Live von der Bornholmerstr. gezeigt wurde, wie die Menschen durch die Grenze liefen, bin ich laut schreiend ins Schlafzimmer gerannt mit den Worten "MONE MONE DIE MAUER IST OFFEN" und Mone sagte, du spinnst!!! Ich ab zur Telefonzelle, natürlich war keine Telefonverbindung nach Ost Berlin zu bekommen und da ich arbeiten musste, sind wir dann ins Bett.

Morgens um 5.00 Uhr klopfte es an unsere Tür, unsere Nachbarin hatte meinen Meister am Telefon, der mir mitteilte, dass meine ganze Familie bei ihm in der Fleischerei säße und ich sie abholen möchte. Wir wohnten im Hinterhaus und da die Haustüren im Vorderhaus verschlossen waren konnten sie nicht zu mir gelangen. Die Freude war riesig und wir waren alle so glücklich, dass der Spuk nun zu Ende war. Bei meinem Meister in der Fleischerei wurde ein riesiges Frühstücksbuffet aufgebaut (selbst ich habe so etwas noch nicht gesehen) und meine Familie hat geschlemmt und mein Meister hat mir frei gegeben und wir konnte den ganzen Tag mit unserer Familie verbringen. Diesen Tag werden wir niemals vergessen.


blume_gemmel_Oktober_1989

September_1989_Simone_Andreas_Leeroy